Irische Abtreibungsdebatte: Nachgeben, wenn's gar nicht mehr anders geht

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Die Republik Irland hat nach drei Jahrzehnten Debatte Schwangerschaftsabbrüche legalisiert. Allerdings nur in extremen Ausnahmefällen. Ein zutiefst konservativer Katholizismus prägt bis heute Gesellschaft und Politik. Nur europäischer Druck erzwingt Änderungen.

"Nie wieder": Proteste gegen den Tod einer schwangeren Inderin in Irland Zur Großansicht
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"Nie wieder": Proteste gegen den Tod einer schwangeren Inderin in Irland

Europa staunt in diesen Tagen wieder einmal über Irland. 29 Jahre, nachdem der Staat das Verbot jeder Abtreibung in seine Verfassung aufnahm und 20 Jahre, nachdem der Oberste Gerichtshof des Landes urteilte, dass Schwangerschaftsabbrüche in lebensbedrohlichen Ausnahmefällen doch zu erlauben seien, hat Irland diese Ausnahmeregelung umgesetzt. Es ging wohl nicht mehr anders.

Doch jetzt protestiert nicht nur die katholische Kirche auf der Insel dagegen. Ein Teil der Iren würde werdende Mütter weiterhin eher an einem definitiv nicht überlebensfähigen Fötus sterben lassen, wie das der Inderin Savita Halappanawar im November in der Uni-Klinik von Galway passiert war, als die Mutter durch einen Abbruch zu retten.

Wie passt das zusammen mit unserem Bild von der grünen Insel? Sind Iren nicht lebensfrohe, weltoffene, freundliche Zeitgenossen? Klar sind sie das, aber viele von ihnen sind auch erzkonservativ - und das gilt vor allem für die gesellschaftlichen Eliten. Wenn irische Intellektuelle ihren Staat und ihre Gesellschaft mit anderen vergleichen, blicken sie oft nach Osten, und zwar sehr weit: Analogien finden sie häufig in islamisch geprägten Gesellschaften - wegen der Toleranz und Fortschritt verhindernden Verquickung von Staat und Religion.

Auf Abtreibung stand lebenslange Haft

Irland sei das einzige Land, das katholischer ist als der Vatikanstaat, sagte man früher in Irland. Der Gag war gut begründet: Bis 1997 verbot der Inselstaat nicht nur die Scheidung. Er erkannte die Trennung eines Ehepaares noch nicht einmal dann an, wenn die Ehe vom Vatikan selbst aufgelöst wurde. Man konnte getrennt leben, man konnte sich in Großbritannien scheiden lassen. Wer danach jedoch versuchte, wieder familiäre Bande zu knüpfen, riskierte eine Strafverfolgung wegen Bigamie.

Kaum ein Land Europas irritiert mit größeren Widersprüchen. Vor nur 40 Jahren galt Irland noch als Schwellenland: Die Väter der Republik hatten - die britische Kolonialgeschichte im Hinterkopf - auf einen Kurs der freiwilligen Isolation gesetzt. Während der Rest Europas sich zunehmend industrialisierte, blieb Irland ein Agrarstaat, abgeschottet von den Strömungen der westlichen Welt. Die katholische Kirche, deren besondere Rolle in der Verfassung festgeschrieben ist, prägte das gesellschaftliche Leben.

Und dann kam 1973 der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft.

Er sollte den Staat von Grund auf umkrempeln: Wirtschaftlich in Expressgeschwindigkeit, gesellschaftlich deutlich langsamer. Vom ersten Tag an war Brüssel nicht glücklich mit etlichen Eigenheiten der Iren. Bis zum EG-Beitritt mussten dort Kapitalverbrecher mit der Todesstrafe rechnen. Auf Abtreibung stand lebenslange Haft, Verhütungsmittel durften nicht verkauft werden. Auch Homosexualität konnte mit Gefängnisstrafen geahndet werden, und natürlich war der Begriff "Gleichberechtigung" ein Fremdwort. Frauen im Staatsdienst verdienten nicht nur weniger als Männer. Sie mussten ihre Posten auch aufgeben, wenn sie heirateten - die Abschaffung dieser Regelung war die erste, die Brüssel direkt nach dem Beitritt durchdrückte.

Es ging so weiter, obwohl die Iren selbst nach Kräften bremsten: Brüssel forderte, Dublin verzögerte. Möglich war das, weil der irischen Politik über Jahrzehnte jede Opposition fehlte. Fine Gael und Fianna Fail, bis vor wenigen Jahren die einzig erwähnenswerten Parteien, gehörten letztlich zum gleichen politischen Lager: Man kann stundenlang darüber debattieren, welche der Parteien konservativer ist.

Liberalisierung nur unter Druck

Entsprechend langsam hielt der Fortschritt Einzug. 1979 reichte der Universitätsdozent David Norris Verfassungsbeschwerde gegen die Homosexualitätsgesetze ein. Natürlich verlor er, worauf seine Anwältin - die spätere Präsidentin Mary Robinson - vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zog. 1988 urteilte der, die Strafbarkeit von Homosexualität sei aufzuheben. Die Iren ignorierten das Urteil fünf Jahre lang, bis sie es 1993 endlich umsetzten.

So "schnell" geht es aber nicht immer. Schwer tat man sich dort auch mit "ruisgean measan gaol", wie die "Haut der Frucht der Liebe" auf Gälisch heißt - das Kondom. Bis 1976 war sogar die Erwähnung von Verhütungsmitteln in Medien verboten, ganz zu schweigen von der Verbreitung von Informationen über Geburtenkontrolle. 1978 wagte es der spätere Premierminister Charles Haughey, einen fast revolutionären Gesetzentwurf einzubringen: Kondome sollten gegen Vorlage eines von einem Arzt ausgestellten Rezeptes von Apothekern ausgegeben werden dürfen, wenn diese Apotheker dazu willens wären. Schon zwei Jahre später war es wirklich soweit - mit dem Schönheitsfehler, dass es viele Ärzte und Apotheker gab, die eben nicht willens waren.

Zudem war es moralisch gefestigten Kreisen gelungen, die Mär zu streuen, die Dinger würden nur an Verheiratete ausgegeben. Der Gesetzgeber besserte nach und machte 1985 unmissverständlich klar, dass jeder Ire, der 18 oder älter ist, ein Kondom kaufen dürfe. Die Rezeptpflicht blieb auf Druck der katholischen Kirche bestehen. Das änderte sich erst 1993. Seitdem kann man in Irland auch die Pille beziehen.

"Nach England gehen": Euphemismus für Abtreibung

In England konnte man das seit langem - oder in Nordirland. Ein gerüttelter Teil des irisch-irischen Grenzverkehrs war über Jahrzehnte durch den Wunsch nach empfängnislosem Geschlechtsverkehr motiviert - man kaufte seine "Pariser" in Nordirlands Hauptstadt Belfast. Hatte man das versäumt, blieb oft nichts anderes, als "nach England" zu gehen. Der Begriff wurde zu einem von jedermann verstandenen Euphemismus.

Schätzungen zufolge fahren noch immer jedes Jahr zwischen 6000 und 12.000 irische Frauen nach Großbritannien, um dort einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Die Irish Family Planning Association geht von mindestens 138.000 solchen Schwangerschaftsabbrüchen seit 1980 aus.

Erst seit 1992 konnte man sich in Irland öffentlich über Abtreibung informieren. Nach einigen Todesfällen und dem spektakulären Fall einer vergewaltigten 14-Jährigen, die an der Ausreise gehindert und zur Austragung des Kindes gezwungen werden sollte, führte der öffentliche Druck zu vorsichtigen Liberalisierungen. Dazu gehörte der Oberste Richterspruch, den Abbruch in lebensgefährlichen Fällen zu erlauben - und die Legalisierung von Informationen über Abtreibung sowie der Ausreise zu diesem Zweck.

In keinem dieser Fälle - von Scheidung über Verhütung und Homosexualität bis zum Schwangerschaftsabbruch - haben sich die irischen Regierungen aus eigenem Antrieb bewegt. Stets brauchte es Druck aus Brüssel oder vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof. Vielleicht ist das einer der größten Widersprüche der modernen irischen Gesellschaft, denn die meisten Iren selbst sind weit liberaler als die sie regierenden gesellschaftlichen Eliten.

Auch beim Thema Schwangerschaftsabbruch sind Kirche und Politik weit entfernt von der öffentlichen Meinung. Seit Jahren zeigt jede Umfrage in Irland eine satte Mehrheit für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Vom September zum Dezember 2012 stieg diese Mehrheit von 80 auf 85 Prozent. Das Bollwerk gegen die Neuzeit bröckelt, wenn auch irisch langsam.

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insgesamt 144 Beiträge
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1. Jawollja!
Taske 23.12.2012
Zitat von sysopAPDie Republik Irland hat nach drei Jahrzehnten Debatte Schwangerschaftsabbrüche legalisiert. Allerdings nur in extremen Ausnahmefällen. Ein zutiefst konservativer Katholizismus prägt bis heute Gesellschaft und Politik. Nur europäischer Druck erzwingt Änderungen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/irische-abtreibungsdebatte-offenbart-erzkonservative-strukturen-a-873994.html
Sehr richtig! Wird allerhöchste Zeit, dass die Iren sich am deutschen Hedonismus (und einer "Nettoreproduktionsrate" von 0,67) ein Beispiel nehmen!
2. optional
Pixopax 23.12.2012
( ). Sprachlos.
3. Der grüne Vatikan
bertholdböckchen 23.12.2012
Kaum zu glauben, dass ein Volk sich freiwillig den mittelalterlichen Regeln und Vorstellungen der katholischen Kirche unterwirft und diese nicht längst mittels einer gesellschaftlichen Revolution beseitigt hat. Die katholische Kirche spielt auch hier ihre unrühmliche Rolle als repressive Macht indem sie ihre Kirchen-Moralkeule schwingt. Dabei ist es dieser Kirche vollkommen egal, ob Menschen durch ihr unerbittliches Vorgehen umkommen oder vollkommen unnötig gefährdet werden. Man muss sich das vergegenwärtigen - diese Kirche wird von vielen Staatsgemeinschaften auch noch finanziell unterstützt. Das heißt, den Terror, den sie verbreitet, wird u.a. auch von den Opfern mitbezahlt. Grotesk!
4. dafür ist irland
jetlag chinaski 23.12.2012
eins der wenigen länder in der eu, welches glückspiele nicht reguliert. das ist doch was...
5. Nur die halbe Wahrheit
schubladensprenger 23.12.2012
"Ein Teil der Iren würde werdende Mütter weiterhin eher an einem definitiv nicht überlebensfähigen Fötus sterben lassen, wie das der Inderin Savita Halappanawar im November in der Uni-Klinik von Galway passiert war" Das ist ziemlich polemisch und platt formuliert, denn Savita stab nicht an dem Fötus sondern an einer Infektion, die definitiv von außen kam. Der Fötus hat die Infektion nur begünstigt, meines Wissens nach durch eine frühzeitige öffnung des Muttermundes, was im übrigen bei jeder normalen Geburt passieren kann. Warum wird eigentlich immer noch der Artikel aus der "Irish Times" zitiert und nicht auf irgendwelche Untersuchungsberichte verwiesen? Medizinisch müsste der Fall doch inzwischen gut untersucht und geklärt sein. Ich denke dass das was uns die meisten Medien hier präsentieren nicht voll der Wahrheit entspricht, sondern sehr auf eine bestimmte Meinung reduziert ist. Im übrigen bin ich kein Katholik und auch nicht konservativ, mich kotzt es nur tierisch an wie unsachlich hier ein bestimmtes Thema gekapert wird um Meinungsmache gegen irgendetwas ungeliebtes (In diesem Fall die Kirche) zu betreiben.
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