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Irland und die Schwulenehe: Das bewegte Land

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Irland: Volksentscheid über die Homo-Ehe Fotos
REUTERS

Noch in den Neunzigerjahren galt Homosexualität in Irland als Verbrechen und wurde mit Haftstrafe geahndet. Jetzt stimmen die Iren ab, ob Homosexuelle regulär heiraten dürfen - eine kulturelle Zäsur in einem erzkonservativ-katholischen Land.

"Ich habe den Leuten noch nie gesagt, wie sie wählen sollen", schrieb Diarmuid Martin am Dienstag in einem Gastbeitrag in der "Irish Times". Er selbst werde zwar gegen die sogenannte Homo-Ehe stimmen, aber nur als Privatmann, so etwas müsse jeder für sich entscheiden.

Von Amts wegen hätten da viele mehr erwartet: Martin ist der katholische Erzbischof von Dublin. In vergangenen Jahrzehnten trugen seine Vorgänger mit vollem Einsatz dazu bei, dass Empfängnisverhütung, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität in Irland länger kriminalisiert blieben als in jedem anderen westeuropäischen Staat.

Fortschrittlichkeit ist ein Attribut, das Irland wahrlich selten zugeschrieben wurde. Jetzt wäre Gelegenheit dazu: Als erste Nation weltweit lässt Irland am Freitag über die Frage der gleichgeschlechtlichen Ehe per Volksabstimmung entscheiden. Es geht um eine Ausweitung der regulären Ehe auf gleichgeschlechtliche Paare: Die geschlechtsunabhängige Ehe würde in die Verfassung eingeschrieben und genösse künftig deren vollen Schutz.

Eigentlich ist das ein Thema, das konservativen Werteorientierungen entgegensteht. Doch Unterstützer findet das Referendum in allen Parteien - eingebracht wurde die Gesetzesvorlage von der Links-Rechts-Regierungskoalition aus Fine Gael und Labour.

Kulturbruch: Konservativ ist diskreditiert

Dass Irland katholischer sei als der Vatikanstaat, war noch vor wenigen Jahren mehr als ein geflügeltes Wort. So erkannte der Staat Irland eine Scheidung bis 1997 noch nicht einmal dann an, wenn die Ehe vom Vatikan selbst gelöst wurde. Die Politik eilte willfährig dem Wollen des irischen Klerus voraus, der es oft genug gern päpstlicher hatte als der Papst. Politik und Kirche teilten sich faktisch die Macht - und man konnte darüber debattieren, wer wirklich die Hosen anhatte. Auch als die EU begann, erste Modernisierungen zu erzwingen, regierte in Irland niemand an der Kirche vorbei.

Doch dann kamen die Missbrauchsskandale. Sie erschütterten die irische Gesellschaft in ihren Grundfesten. Seit klar wurde, dass Hunderte von Priestern sich an Tausenden von Kindern gewalttätig und oft auch sexuell vergingen, sind die alten, konservativen Positionen auf dem Rückzug: Ihre schärfsten Vertreter standen als diskreditierte Scheinheilige da.

Fast parallel erlebte auch das politische Establishment seine Entzauberung. Seit Gründung der Republik dominierten vor allem zwei konservative Parteien das Land. Eine Opposition fand kaum statt - bis eine ganze Reihe von Korruptionsskandalen das Quasi-zwei-Parteien-System regelrecht implodieren ließ.

Irlands Wähler erfuhren, wie sehr eine konservative politische Kaste über Jahrzehnte in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Sie quittierten das mit Liebesentzug - die Bedeutung der einst großen Parteien sank rapide. Zuletzt führte gar kurzzeitig die radikal-linke Sinn Fein als populärste Partei des Landes die Umfragen an. Auch Grüne, Liberale und Unabhängige spielen eine zunehmend wichtige Rolle.

Die alten Tabus fallen

Die Gesellschaft, die Politik - das ganze Land verändert sich schnell. Heute stellt sich Enda Kenny, Ministerpräsident und Kopf der konservativen Fine Gael, öffentlich hinter die Kampagne für die Schwulenehe. Empörung darüber muss er nicht fürchten. Im Gegenteil: Die aktuellen Prognosen gehen von einer 60- bis 70-Prozent-Mehrheit der Befürworter aus. Deren Kampagne wird mit einer Kreativität geführt, die die Gegner sehr, sehr alt aussehen lässt.

Joe Caslin - The Castle from Joe Caslin on Vimeo.

Dass Kenny in dieser Debatte so deutlich Stellung bezog, hat dazu beigetragen, seine Partei, die noch vor einem halben Jahr bei katastrophalen 16 Prozent dümpelte, wieder ein paar Punkte nach vorn zu bringen. In Umfragen legte Fine Gael zwischenzeitlich stolze neun Prozent zu und ist wieder stärkste Partei - wenn auch in einer zersplitterten Parteienlandschaft, in der niemand mehr ohne Koalitionspartner wird regieren können.

Spätestens im Frühjahr 2016 stehen Parlamentswahlen an, auch das spielt eine Rolle beim Referendum am Freitag. Ein konservativer "Backlash" wird vor allem noch von den "Neu-Iren" befürchtet. Sie sind der große Unsicherheitsfaktor in der einst katholischen Monokultur: Zuwanderer aus dem Osten, die oft orthodoxen oder fundamentalistisch-evangelikalen Kirchen angehören, sowie muslimische Einwanderer.

Homophobie und Gewalt: Die Kehrseite des neuen Irland

Die meisten Iren, da sind sich zumindest die Befürworter des Gleichheitsparagraphen sicher, seien inzwischen weiter. Allerdings auch nicht alle: Homosexualität war immerhin bis 1993 ein Verbrechen, für das man langjährige Haftstrafen kassieren konnte. Das entsprechende Gesetz war Ausdruck einer Homophobie, die in breiten Schichten fortlebt. 2009 ergab eine vom irischen Gesundheitsministerium beauftragte Studie, dass rund 80 Prozent der Homosexuellen in Irland über verbale Attacken klagten, rund 25 Prozent gaben zudem an, gewalttätig angegriffen worden zu sein.

Auch so etwas ist noch immer irischer Alltag. Mary MacAleese, bis 2011 Präsidentin der Republik, ist die prominenteste Befürworterin des Gleichheitsparagraphen: Ihr Sohn Justin ist schwul, und er sei in Irland immer noch ein "Bürger zweiter Klasse".

Irlands Medien sind voll mit Geschichten über Homosexuellen-Diskriminierung jeder Form. Zugleich outen sich Prominente und Politiker fast in Serie. Mit Gesundheitsminister Leo Varadkar sitzt erstmals auch jemand in Irlands Regierung, der mit seiner Homosexualität offen umgeht. Das Coming-out hat ihn nur populärer gemacht.

Irlands Kultur ist eben durch eine seltsame Mischung von sozialer Wärme und Machismo geprägt. Homosexuelle bekommen beides zu spüren - die Solidarisierung ist so emotional und vollständig wie die Ablehnung, die bis hin zu offener Gewalt gehen kann.

Bedenklich seien darum laut Mary MacAleese nicht zuletzt die Suizidraten unter jungen, männlichen Iren - manchmal wegen Perspektivlosigkeit, aber oft auch aus Verzweiflung über die soziale Ächtung, die zu viele Homosexuelle noch immer erfahren. Ein positives Ergebnis des Referendums würde hier ein äußerst deutliches Zeichen setzen.

Das findet auch Premier Kenny. Am Mittwoch rief er noch einmal die Wähler dazu auf, dem Entwurf zuzustimmen: Das werde "Vorurteile auslöschen".

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