Hurrikan "Irma" Florida gräbt sich aus

Am Tag nach "Irma" herrschen in Florida groteske Gegensätze. Die einen bangen um ihre Existenz, andere liegen schon wieder am Strand.

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Aus Lauderdale-by-the-Sea, Florida, berichtet


Happy Hour im Vincent's, einer italienischen Esskneipe in Lauderdale-by-the-Sea. Die Kellnerinnen tragen gigantische Cocktailgläser, die Gäste kreischen angeheitert, und auf der Veranda trällert ein Sänger. "I can see clearly now, the rain is gone", singt er. "It's gonna be a bright, bright sunshiny day."

Reggae zum Feierabend: Ein ganz normaler Nachmittag in Florida. Nur dass hier nichts normal ist. Es ist der Tag nach Hurrikan "Irma", der sich mit tödlicher Wucht über den gesamten US-Staat wälzte - auch über Lauderdale-by-the-Sea, einen idyllischen Ort an der Ostküste. Weshalb der Song vom Regen, der dem Sonnenschein weicht, doch irgendwie passt, auf morbide Weise.

In den 24 Stunden, die "Irma" für viele hier zu einem Horrorerlebnis machte, starben mindestens vier Menschen. Mehr als sechs Millionen sind auch am Montagabend noch ohne Strom, viele ohne Wasser, Lebensmittel oder Benzin, wahrscheinlich für viele Wochen. Überall entwurzelte Palmen, geflutete Straßen, beschädigte Häuser.

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Hurrikan erreicht Florida: "Irma" flutet Miami

Aber im Vincent's, wo die Drinks billig sind und die Ladys leicht beschürzt, feiern Dutzende glimpflich Davongekommene schon wieder, als sei nichts gewesen. Oder vielleicht gerade, weil etwas gewesen ist: "Mensch, tut das gut, nach fünf Tagen Angst und Dauerstress", seufzt David Dapko. Der Makler und sein Partner Jason Cook, ein Start-up-Gründer, sitzen vor Pizza, Pasta und Margaritas mit Salzrand. "Wir haben so lange nichts Richtiges gegessen!" Der Sänger stimmt seinen nächsten Song an: "What a wonderful world."

David Dapko (rechts) und Jason Cook (Mitte) mit einem Nachbarn
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David Dapko (rechts) und Jason Cook (Mitte) mit einem Nachbarn

Folgen von Hurrikan "Irma": große Schäden in Florida

Teilweise sieht es im Ort katastrophal aus. Und doch liegen, zwei Blocks vom Vincent's entfernt, einige schon wieder am Strand, unter sengender Sonne, wo eben noch apokalyptischer Regen niederging. Der Strand ist nur noch halb so breit, den Rest hat "Irmas" Flutwelle zwei Straßen landeinwärts deponiert, auch enorme, zerfetzte Palmwedel.

Als Florida am Montagmorgen nach "Irma" erwacht, wirkt die Verwüstung zunächst nicht ganz so schlimm wie befürchtet - und vor allem nicht so verheerend wie in der Karibik, wo die meisten vor dem Nichts stehen und Lebensmittel knapp werden. Trotzdem kann auch ein unbewohnbares Haus oder ein überflutetes Geschäft eine Existenz zerstören.

Altenheimbewohner in Hotel - ohne Strom, Wasser und Internet

Dapko und Cook rechneten mit dem Schlimmsten. Ihre Wohnung liegt im zehnten Stock direkt am Meer, mit Balkon und einer Glasfront, die "Irma" direkt ausgesetzt war. Vor ein paar Jahren waren sie aus dem lauten, engen New York hierher gezogen, um ihr Leben umzukrempeln.

So hatten sie sich das allerdings nicht vorgestellt. Drei Wirbelstürme hatten sie in New York mitgemacht - "Isabel", "Irene" und "Sandy". Sie hielten sich fast für Hurrikan-Experten. Bis "Irma" kam und sie eines Besseren belehrte. Sie packten Sandsäcke vor die Balkontür, siedelten in ein Hotel weitab vom Meer um und hofften aufs Beste.

Das Hotel, in dem auch die Insassen eines Altersheims untergekommen waren, verlor Strom, Wasser, Internet und Handynetz. Es war dunkel, schwül, stickig, stinkig, worunter die Senioren ganz besonders litten. Am frühen Morgen machten sich viele Betroffene auf den Heimweg. Der Verkehr auf dem Turnpike, der Nord-Süd-Ader Floridas, war so dicht wie zur Urlaubszeit - trotz Ausgangssperre, die eigentlich herrschte.

Spuren des Sturms
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Spuren des Sturms

Ringsum ist "Irmas" Nachlass zu sehen: überschwemmte Marschen, umgeknickte Strommasten, entlaubte Wälder und große Blechschilder, wie Papier zerknittert. Lange Lkw-Kolonnen der Stromkonzerne sind unterwegs. "US-1 Florida Keys CLOSED", steht auf Hinweistafeln: Die Inselkette vor Floridas Südspitze bleibt unerreichbar - und vorerst unbewohnbar.

Als Cook und Dapko zurückkehren, versperren umgestürzte Bäume und tiefe Pfützen den Weg. Polizisten lassen nur Anlieger durch. In der Einfahrt liegen Metalltrümmer. Hinten hat "Irma" den Sand bis weit in die Anlage gespült und Trümmer, Stofffetzen und Vegetation verteilt. Nur wenige Nachbarn irren herum.

Das Haus hat Strom, dank eines Notgenerators, aber die Klimaanlage und die Aufzüge funktionieren nicht. Also schleppen sich Dapko und Cook bei 40 Grad zehn Etagen zu Fuß hoch. Ihr glutheißes Apartment ist unversehrt. Sie setzen sich auf den Balkon und holen tief Luft. "Glück gehabt", sagt Cook.

"Ich bin todmüde"

Nur wenige Meilen westlich, in den Gemeinden Oakland Park und Wilton Manors ist fast überall der Strom ausgefallen, nur ab und zu flackern Lichter, als die Sonne mit einem dieser Farbspektakel versinkt, wie man sie nach Stürmen kennt. Robert Scardino fährt den ganzen Tag herum, um das Chaos zu ordnen und zu bewältigen. Zwischendurch geht ihm der Sprit aus, und er steht eine Dreiviertelstunde an einer der ersten Tankstellen an, die hier aufmachen.

Scardino führt eine Drogenentzugsanstalt. 24 Patienten mussten in ein Hotel umziehen. Dem gingen ebenfalls Strom und Wasser aus, jetzt hocken die Männer bei den Frauen, die sonst getrennt wohnen. Einer ging bereits stiften, "der hatte keinen Bock mehr", sagt Scardino.

Auf der Suche nach einem klimatisierten Raum für ihre Therapie landet Scardino schließlich abends an der Sunshine Cathedral, einer alternativen Kirche. In dem verschlossenen Bau flackert Licht, im Hof brutzeln Würstchen auf einem offenen Holzkohlefeuer, doch kein Mensch ist in Sicht. Es ist einer dieser skurrilen Anblicke, die sich einem in diesen Tagen hier überall bieten.

Straßenszene in Wilton Manors
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Straßenszene in Wilton Manors

"Ich bin todmüde", sagt Scardino. Während er sich um andere kümmerte, hat er sein eigenes Wohl etwas vergessen. Sein Häuschen ist klein und flach, es war kein Spaß, da den Sturm auszusitzen. "Ich war tagelang nervös", sagt er. "Jetzt bin ich nur noch platt." "Irma" verschonte sein Haus, doch entwurzelte draußen einen Baum, der das Auto des Nachbarn verbeulte.

Es ist ein Phänomen, das sich immer offenbart nach Katastrophen hier: Die Menschen helfen einander, lassen ihre Ideologien beiseite, ihre Hautfarbe und ihren Status. Auf dem Höhepunkt von "Irma" retten weiße Polizisten eine Schwarze, die in ihrem Haus in North Miami Beach mit ihrem Baby zu ertrinken droht. Die Cops rücken mit einem militärischen Panzerwagen an.

"Das Leben ist verrückt", sagt David Dapko im Vincent's, wo die Stimmung immer ausgelassener wird. "Gestern standen wir noch vor dem Tod, heute machen wir Party." Der Sänger gibt eine Zugabe - die US-Nationalhymne.

Video: Nach Hurrikan "Irma" - "Die Leute stehen vor dem Nichts"

SPIEGEL ONLINE / Reuters

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