Interview mit Islamwissenschaftlerin Klausing Ist der Koran frauenfeindlich?

Die Behauptung hat Konjunktur, bei muslimischen Sexualverbrechern spiele deren Religion eine entscheidende Rolle für die Taten. Islamwissenschaftlerin Klausing über das Frauenbild, das im Koran gezeichnet wird.

Koran-Lektüre vor dem Felsendom in Jerusalem
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Koran-Lektüre vor dem Felsendom in Jerusalem

Ein Interview von


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    Kathrin Klausing ist Islamwissenschaftlerin und seit 16 Jahren Muslima. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über islamischen Feminismus in Ägypten, an der Freien Universität Berlin promovierte sie über Geschlechterrollen in der Koranexegese. Klausing lehrt Koranexegese am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und ist Mitgründerin des Projektes nafisa.de auf Youtube.

SPIEGEL ONLINE: Frau Klausing, welches Frauenbild vermittelt der Koran Ihrer Meinung nach?

Klausing: Die Frau ist eine Gläubige, sie ist Adressatin der göttlichen Offenbarung, genau wie der Mann. Sie ist ein eigenständiges menschliches Wesen, das sich für oder gegen den Glauben entscheiden kann. Sie ist weder bevorzugt noch benachteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Es sei denn, es gibt Krach mit dem Ehemann: Die Sure 4,34 ist der klassische Aufreger für feministische Koranexegetinnen. Darin heißt es sinngemäß, dass die Männer über den Frauen stehen ("qauwamun ala"), weil Gott sie von Natur aus bevorzugt. Lehnt die Frau sich gegen ihren Gatten auf, darf der sie schlagen. Angeborene Minderwertigkeit und physische Gewalt - wo ist hier die Geschlechtergerechtigkeit?

Klausing: Sie zitieren aus Rudi Paret, dessen Koranübersetzung innerhalb der Islamwissenschaft lange als Standardwerk galt. Inzwischen halten einige Experten sie für verzerrend. Deshalb nutze ich gegenwärtig die Übersetzung des Religionswissenschaftlers und Orientalisten Hartmut Bobzin. Darin heißt es: "Die Männer stehen für die Frauen ein." Es geht also um Verantwortung. "qauwamun ala" bedeutet, dass der Mann naturgemäß weniger kräftezehrenden Situationen wie Schwangerschaft oder Stillzeit bei Frauen ausgesetzt ist, und daher dazu verpflichtet ist, für seine Frau einzustehen und damit seinen Anteil am Gedeihen der Familie zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch interpretiert manch gläubiger Muslim die Sure 4,34 als Freibrief, seine Ehefrau zu schlagen.

Klausing: Muslimische Exegeten, auch die klassischen, verstehen den Vers vor allem als eine Ermahnung an die Männer, die Rechte der Frauen zu wahren, weil sie es sonst mit Gott selbst zu tun bekommen. Muslimische Gelehrte wissen aus der Überlieferung, dass der Prophet Mohammed niemals eine Frau geschlagen hat und erwähnen dies im Zusammenhang mit diesem Vers. Die Überlieferung hat in diesem Fall eine normative Funktion. Da der Prophet mit seinem Leben den Koran ausgelegt hat, ist es nicht möglich, den Vers als eine Aufforderung zur häuslichen Gewalt zu verstehen. Es gibt natürlich Männer, die dies lediglich als einen hohen unerreichbaren moralischen Standard des Propheten ansehen, zu dessen Erfüllung sie nicht in der Lage zu sein scheinen. Das Ideal ist aber gewaltfreie Kommunikation in der Ehe, wie der Prophet sie vorgelebt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen die Sure 33,35 als besonders aussagekräftig für das Geschlechterverhältnis im Koran. Es ist ein Appell an die Tugenden muslimischer Männer und Frauen.

Klausing: Der Vers ist eine Rückversicherung an die Frauen und Männer, die in der Anfangszeit der Verkündigung der Botschaft des Islam viele Opfer brachten. Sie werden gleich zehnmal angerufen: "Männer und Frauen!" Das zeigt: Es gibt keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, wenn es um Verantwortung und religiöse Pflichten geht. Die Sure bedient sich sogar einer geschlechtergerechten Sprache, die Wiederholung in der Ansprache bedeutet: Ihr Frauen seid genauso gemeint!

SPIEGEL ONLINE: Aber was nützen den Frauen gemeinsame Pflichten, wenn doch die Rechte nicht die gleichen sind?

Klausing: Man muss den historischen Kontext kennen, um diese Sure zu verstehen. In den meisten Korankommentaren findet man sogenannte Anlässe der Offenbarung, Überlieferungen, die erklären, wie es zu der Offenbarung kam. In diesem Fall hatten gleich drei Musliminnen den Propheten gefragt, warum Frauen im Koran nicht explizit genannt würden, wenn es um den jenseitigen Lohn für diesseitige Standhaftigkeit ging. Der Vers war Gottes Antwort darauf. Auch die Frauen im 7. Jahrhundert haben also Fragen gestellt - und die wurden vom Propheten und Allah beantwortet.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie Kritikern, die Gewaltaufrufe im Koran als nicht grundgesetzkonform verurteilen?

Klausing: Der Koran ist ein Text, den man deuten muss wie jeden anderen Text auch. Koran und Grundgesetz sind zwei völlig unterschiedliche Textsorten, die man nicht gegeneinander ausspielen sollte, sie gehören zwei verschiedenen Registern an. Der eine ist eine Offenbarung, der andere ist ein Kodex, der das Zusammenleben regelt und Wirkmacht hat, durch eine Exekutive, eine Legislative. Zum Interpretationsspielraum: Es gibt keine unqualifizierten Aufrufe zu Gewalt im Koran. Es gibt allerdings Menschen, die mit einem ideologischen Vorverständnis an den Koran gehen und eine religiöse Legitimation für ihre Haltung darin suchen. Das sind in der Regel Menschen, die sich nicht bemühen, Verse innerhalb des Korans und der Geschichte zu kontextualisieren, um dann zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen. Das Ergebnis steht schon vorher fest.

SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich muslimische Gesellschaften so schwer mit der Gleichberechtigung der Frau?

Klausing: Ihre Frage unterstellt ein allgemeines Defizit für alle muslimischen Gesellschaften und impliziert gleichzeitig, dass dieses Defizit mit der Eigenschaft "muslimisch" ursächlich zusammenhängt. Defizite bezüglich der Gleichberechtigung gibt es aber in den meisten Gesellschaften. Auch in Deutschland, wo Frauen schlechter bezahlt werden als Männer und viel häufiger von Altersarmut betroffen sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Wahrnehmung vieler ist jedoch, dass der Grad der Frauenfeindlichkeit in muslimischen Gesellschaften höher ist.

Klausing: Es gibt nicht die einzige, typische muslimische Gesellschaft über 1400 Jahre, flächendeckend von Indonesien bis Marokko. Religion ist ein Faktor von vielen, und dieser kann je nach Interpretation positiv oder negativ wirksam werden. Für die Situation von Frauen spielt eine Vielzahl von historischen, politischen, rechtlichen, kulturellen und ökonomischen Faktoren eine Rolle. So hat etwa die im Zuge der Kolonialisierung stattfindende Nationalstaatenbildung und Einführung europäisch geprägter Gesetze in vielen Ländern des Nahen Ostens zu einem "neuen Patriarchat" geführt, wie Professor Wael Hallaq von der Columbia University dargelegt hat. Man kann nur auf konkrete Regionen und Bevölkerungsgruppen schauen und unter Berücksichtigung aller Faktoren Erklärungen versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich als muslimische Feministin bezeichnen?

Klausing: Ich werde vor allem als Wissenschaftlerin wahrgenommen. Wenn ich mich in meinem beruflichen Kontext für die Gleichstellung von Frauen und Männern einsetze, dann tue ich das auf Grundlage des Grundgesetzes, gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der Religionszugehörigkeit. In diesem Sinne bin ich vor allem Feministin und nicht eine spezifisch islamische Feministin. Es gibt außerdem einen sehr etablierten feministischen Diskurs, der davon ausgeht, dass Angehörige einer angeblich patriarchalischen Religion ohnehin keine Feministinnen sein könnten, weil ihnen unterstellt wird, dass sie unterdrückt sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist das so?

Klausing: Ich bin gerne und aus vollem Herzen Muslimin, so wie viele andere Frauen auch. Wer nicht willens oder in der Lage ist, von unzulässigen Verallgemeinerungen abzusehen und bequeme Stereotype zugunsten der persönlichen Begegnung aufzugeben, den werde ich vom Gegenteil leider nicht überzeugen können. Ich dränge mich deshalb auch nicht in eine Gruppe, die mich nicht haben will, ich kann meine Arbeit auch sehr gut ohne das Label Feminismus tun. Meine Erfahrung zeigt mir: Ganz viele muslimische Frauen wollen die Gleichberechtigung. Und viele der Menschen, die uns öffentlich unterstützen, sind muslimische Männer.



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