Dialog "Islam und Homosexualität" "Jetzt müssen wir dranbleiben"

Nach der Ankündigung hatte es bissigen Protest gegeben, nun fand ein erstes Treffen zwischen Muslimen und Homosexuellen in Berlin-Kreuzberg statt. Das Ziel ist ein Dialog über "Islam und Homosexualität", der Anfang war von Vorsicht geprägt.

Jerusalemkirche Berlin-Kreuzberg: Dialog gestartet
Google Street View

Jerusalemkirche Berlin-Kreuzberg: Dialog gestartet

Von Marius Münstermann


Berlin - "Islam und Homosexualität", das ist ein heikles Thema, und wer daran noch Zweifel hatte, wurde vor kurzem in Berlin-Kreuzberg belehrt. Vertreter der Sehitlik-Gemeinde wollten mit Vertretern von Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgenderverbänden in der Moschee diskutieren. Doch daraus wurde nichts: Die Veranstaltung wurde abgesagt.

Schon die Ankündigung zur Veranstaltung hatte hohe Wellen geschlagen, vor allem in der türkischen Presse hagelte es bissige Kommentare. Die Zeitung "Yeni Akit" etwa berichtete von einem geplanten Besuch "abnormaler Homosexueller".

Ender Çetin, der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Gemeinde, sagte dem RBB allerdings, man habe nicht auf Druck aus der Türkei gehandelt. Besonders ältere Gemeindemitglieder hätten irritiert auf dieses Vorhaben reagiert, sagte Çetin dem Sender. Es sei die Gemeinde gewesen, die die Entscheidung getroffen habe.

"Wer Homosexuelle beleidigt, sündigt"

Am Montagabend fand nun der Auftakt statt: im Tagungssaal der evangelischen Jerusalem-Kirche, jedoch nicht in voller Besetzung. Der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) hatte sich aus dem Kreis verabschiedet, da es Treffen an neutralen Orten bereits gegeben habe, man sei an einer weiteren Podiumsdiskussion nicht interessiert.

Berlins Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration, Dilek Kolat (SPD), zeigte sich bei ihrem Grußwort in der Jerusalem-Kirche nun einerseits enttäuscht, dass es mit einem Treffen in der Moschee nichts geworden ist. Sie sei aber auch froh, dass sich grundsätzlich "der Wille zum Dialog durchgesetzt hat".

Theologe Çetin stellte in seinem Vortrag fest, dass der Koran an keiner Stelle explizit auf Homosexualität eingehe. Folglich sei die Interpretationen von richtig oder falsch vor allem eine Auslegungssache. Dennoch ließ Çetin keinen Zweifel daran, dass Homosexualität nach Auffassung der meisten muslimischen Gelehrten eine Sünde sei, die - wenn überhaupt - im Privaten stattfinden solle. Doch er fügte hinzu: "Wer Homosexuelle beleidigt oder diskriminiert, sündigt ebenfalls."

Von der Toleranz zur Wertschätzung

Daniel Worat vom Bundesverband schwuler Führungskräfte (Völklinger Kreis) sagte darauf: "Wenn mir jemand sagt, ich führe ein sündiges Leben, dann kann ich mich damit nicht zufrieden geben." Er betonte jedoch zugleich, dass es bei dem angestrebten Dialog nicht allein um Homophobie unter Muslimen gehe: "Homophobie ist ein gesamtgesellschaftliches Problem." Außerdem erinnerte Woran daran, dass es auch darum gehe, islamophobe Vorurteile unter Schwulen und Lesben abzubauen. Menschen mit unterschiedlichen Moralvorstellungen und Weltansichten sollen sich begegnen - und eines Tages könne aus Toleranz sogar echte Wertschätzung erwachsen, so der Tenor. Das Ziel: Mehr Normalität.

Ender Çetin betonte, dass es bereits in der Vergangenheit zwei Besuche von Homosexuellen in der Sehitlik-Moschee gegeben habe. Die Gemeinde, eine der größten der Hauptstadt, sieht er als Vorreiter: "In den meisten muslimischen Gemeinden ist Homosexualität nach wie vor ein Tabu. Auch für uns ist es noch sehr neu. Jetzt müssen wir dranbleiben und mit aufklärerischer Haltung an die Schrift herangehen."

Es war ein vorsichtiger Auftakt, manch einer im Publikum hatte sich mehr Kontroverse gewünscht. Es wurde nicht darüber gesprochen, wie man Jugendlichen begegnen kann, für die "Schwuchtel" oder "schwule Sau" zum normalen Schimpfwortvokabular gehören. Oder was konkret zu unternehmen sei, um Gewalt gegen Homosexuelle und Muslime zu begegnen. Und dass sich homosexuelle Muslime selbst in Berlin keineswegs problemlos offen leben können, tauchte lediglich als traurige Gewissheit auf.

In einem Punkt immerhin waren sich alle Beteiligten einig: Die Veranstaltung soll nicht die letzte ihrer Art gewesen sein, sondern den Anfang eines langen Prozesses markieren.



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.