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Bremer Islamverein nach Polizeiaktion: "Sie haben uns gedemütigt"

Von , Bremen

Mohammad Omar Habibzada: "Wir lehnen den Salafismus ab" Zur Großansicht
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Mohammad Omar Habibzada: "Wir lehnen den Salafismus ab"

Auf der Suche nach Waffen stürmten Polizisten das islamische Kulturzentrum in Bremen. Jetzt beschweren sich die Gläubigen - und geben sich völlig harmlos.

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"Wir wollen der Bevölkerung mitteilen, dass sie keine Angst vor uns haben muss", sagt Mohammad Omar Habibzada, der Vorsitzende des Islamischen Kulturzentrums in Bremen (IKZ). Die zertrümmerten Türen lehnen ganz vorn an der Wand, stumme Zeugen für den Vorfall des vergangenen Wochenendes - ein Vorfall, der die Mitglieder des Vereins empört.

Sie haben Journalisten in ihre Moschee eingeladen, wollen ihre Version einer Geschichte erzählen, die Bremer Sicherheitskräfte in Atem hielt. Denn im Grunde geht es genau darum: Angst. Oder zumindest die Sorge vor islamistischem Terror in Deutschland und den Umgang damit.

Das IKZ steht im Mittelpunkt der jüngsten Terrorwarnungen in der Hansestadt. Auf der Suche nach Waffen durchsuchten Ermittler am Sonnabend die Räume des Moscheevereins in Bahnhofsnähe. Die Aktion erfolgte in Zusammenhang mit Ermittlungen gegen zwei libanesische Brüder aus dem IKZ-Umfeld. Sie sollen mit Kriegswaffen handeln.

Die Ermittler befürchteten offenbar, dass Gewehre und Pistolen bereitlagen und ein Terrorakt unmittelbar bevorstand. Eine "konkrete Anschlagsgefahr" habe man nicht ausschließen können, sagte Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) - und ließ ein Sicherheitsnetz über die Stadt spannen. Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillierten auf dem Marktplatz. Waffen allerdings wurden weder bei der Razzia im IKZ noch bei den Libanesen gefunden.

Polizisten am Samstag in Bremen: Sicherheitsnetz über der Hansestadt Zur Großansicht
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Polizisten am Samstag in Bremen: Sicherheitsnetz über der Hansestadt

Und so gerät Mohammad Omar Habibzada in Rage, als er über die Polizeiaktion gegen das Gebetshaus spricht. Mit Rammböcken hätten die Polizisten die Türen aufgestoßen, seien in Stiefeln in die Räume eingedrungen, wo sonst jeder ohne Schuhe läuft. Männer seien mit Kabelbindern gefesselt worden - länger als eine Stunde. "Kinder haben geschrien", sagt ein Muslim, den der Vorsitzende aus einer Schar von etwa 40 anwesenden Glaubensbrüdern nach vorn bittet. "Sie haben uns gedemütigt", sagt ein anderer. Über einen Anwalt legte das IKZ beim Amtsgericht Beschwerde gegen die Razzia ein.

Der Verfassungsschutz hält den Verein für einen Treffpunkt von Salafisten. Bremen hat ein großes Problem mit diesen radikalen Muslimen, 19 Erwachsene sollen sich bereits der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen haben. Im Dezember verbot der Innensenator den salafistischen Kultur- und Familienverein (KuF), der sich 2008 vom IKZ abgespalten hatte.

Der IKZ-Vorsitzende Habibzada kennt die Vorwürfe - und gibt sich ahnungslos. "Wir lehnen den Salafismus ab. Ich kenne niemanden, der sich hier als Salafist definiert", sagt er und lächelt in die Runde. Hinter den Journalisten haben einige junge Männer mit Bärten ihre Handys gezückt und filmen die Gäste. "Der Verfassungsschutz hat Salafismus als Kampfbegriff eingeführt", sagt Habibzada.

Den Verdacht, die Moschee sei ein Waffenversteck, weist er brüsk zurück. "Hier geht niemand rein oder raus, ohne dass die Behörden das mitkriegen." Seit Jahren werde man vom Geheimdienst beobachtet. Die Botschaft ist klar: Wir haben nichts zu verbergen. Lasst uns in Ruhe.

Zu Präventionsmaßnahmen oder ihrem Umgang mit jungen Männern, die in die Radikalität abzugleiten drohen, will der IKZ-Vorstand sich an diesem Nachmittag nicht äußern. Gesprochen werden soll nur über den aktuellen Fall. Als angeblichen Beweis für eine überzogene Behördenaktion verteilt Habibzada sogar den Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts.

Demnach wirft die Staatsanwaltschaft dem hauptbeschuldigten Libanesen vor, er habe im Oktober 2014 Maschinen- und Automatikpistolen beschafft und diese an Personen aus dem IKZ-Umfeld verteilt.

Innensenator spricht von Fundamentalismus-Import

Noch während Habibzada spricht, lässt Innensenator Mäurer eine Erklärung verbreiten. Das IKZ sei ein salafistischer Moscheeverein. "Salafisten propagieren die Vollverschleierung der Frau, lehnen die Demokratie als System ab", schreibt Mäurer dort. Das IKZ werde finanziell aus Saudi-Arabien unterstützt, um den dortigen Fundamentalismus nach Deutschland zu importieren. Mäurer stört besonders, dass sich so viele Muslime in Bremen mit dem IKZ solidarisiert haben. Auch die Schura, der Dachverband der Moscheevereine in der Hansestadt, hält die Razzia im IKZ für überzogen. Mäurer bestreitet das.

Mohammad Omar Habibzada will die Vorwürfe des Innensenators einfach weglächeln. Er hat eine eigene Erklärung für das Vorgehen der Polizei: "Es kann sein, dass es eine Wahlkampfveranstaltung für den Innensenator war."


Zusammengefasst: Das Islamische Kulturzentrum Bremen (IKZ) hat gegen eine Razzia in seiner Moschee Beschwerde beim Amtsgericht eingereicht. Die Polizei hatte wegen Terrorwarnungen nach Waffen gesucht, die ein Verdächtiger an Personen im Umfeld des Vereins verteilt haben soll. Das IKZ fühlt sich an den Pranger gestellt.

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