Militärtourismus in Israel Ballern für die Heimatliebe

In Israel boomt der Militärtourismus - das Geschäftsmodell ist umstritten. Besuch in einer Antiterrorakademie im Westjordanland, wo Jugendliche den Umgang mit Schusswaffen und Liebe zur jüdischen Heimat lernen sollen.

Thore Schröder

Aus Gush Etzion berichtet Thore Schröder


"Nein, nein, nein, so einfach ist das nicht", brüllt Eitan Cohen seine Gäste an. Bei der Frage, wer hier die Bösen sind, hatte eine junge Frau auf die Pappkameraden und deren Palästinensertücher gedeutet. Doch Cohen erklärt: "Die Kleidung ist nicht wichtig. Was zählt, sind die Äxte in ihren Händen."

Chief Instructor Cohen ist einer von vier Ausbildern, die an diesem Nachmittag einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen den Antiterrorkampf näher bringen sollen. Die Übungen begannen mit einer gestellten Geiselbefreiung, bei der die Männer durch eine Menschenmenge auf einem künstlichen Markt preschten, um drei Bösewichte umzulegen.

"Wir haben 50, 60 Patronen verschossen und keine ging daneben", sagt Cohen stolz. Der frühere Grenzschutzpolizist leitet das Special Training Department bei Caliber 3, der größten privaten Sicherheitsakademie in Israel. Vier Standorte betreibt das 2002 gegründete Unternehmen, einen in Kalifornien und die größte Filiale im Siedlungsblock Gush Etzion im Westjordanland, rund 15 Kilometer südlich von Jerusalem.

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Militärtourismus in Israel: Wie bei der Armee

"Das hier ist der Ort für die Touristen", sagt Cohen, ein 42-Jähriger mit Schraubstockhändedruck, raspelkurzen Haaren und hellgrünen Augen. Die Jugendlichen vergleichen ihn mit Actionstar Vin Diesel. Er und seine Kollegen bringen Ausländern in zehn Trainingszonen bei, wie die israelischen Sicherheitskräfte gegen arabische Terroristen vorgehen. Auch Paintball und der israelische Kampfsport Krav Maga werden angeboten.

Im Video: Krav Maga - Selbstverteidigung aus Israel

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Das Angebot stößt auf heftige Kritik. Yotam Yaakoba von der Antisiedlungsorganisation Peace Now hält das Geschäft von Caliber 3 für "einen zynischen und unpassenden Weg, um mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt Geld zu verdienen". Mohammad Burjieh, Lehrer in einer Nachbargemeinde, sagt: "Die Siedler, die diese Firma leiten, verbreiten Angst vor Palästinensern, die die Touristen dann mit sich nach Hause nehmen."

Doch für Caliber-3-Gründer Sharon Gat, gleichzeitig Oberst in einer Spezialeinheit der israelischen Armee, geht es weniger um den Gegner als um die eigene Stärke. "Eines Tages fragte ich mich, ob sich ein Jude im Vernichtungslager von Auschwitz hätte träumen lassen, dass es so eine Akademie in Israel geben kann." Er habe das Unternehmen 2009 für Touristen geöffnet, "um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie weit das jüdische Volk in 75 Jahren gekommen ist". Ähnlich klingt es bei Ausbilder Cohen: "Wenn die Araber die Waffen niederlegen, gäbe es Frieden. Wenn wir es tun, kommt ein neuer Holocaust."

"Manche Ausländer wollen sich auch mal fühlen wie wir"

Reine Selbstlosigkeit steckt freilich nicht hinter dem Angebot, sondern auch finanzielle Interessen. Der israelische Markt für Militärtourismus boomt, ein halbes Dutzend Firmen konkurrieren mittlerweile um die Kunden aus aller Welt, längst nicht mehr bloß jüdische Reisende aus Nordamerika.

"Wir haben das Image, ein Militärstaat zu sein. Und tatsächlich sind hier viele Menschen nun mal ständig bewaffnet", sagt Reserveoberst Danny Tirza, der keine Verbindung zu Caliber 3 hat. Er meint damit nicht bloß die Wehrdienstleistenden. "Manche Ausländer wollen sich auch mal fühlen wie wir", glaubt er.

15.000 bis 20.000 Menschen trainieren jedes Jahr in seinem Unternehmen, schätzt Sharon Gat. Zuletzt erhitzte der Besuch von Jerry Seinfeld in Gush Etzion die Gemüter. Auf den Fotos, die später auf der Facebook-Seite von Caliber 3 zu sehen waren, posierte der US-Comedian mit Sturmgewehr und geballter Faust, in Kriegerpose. "Er hatte Spaß, hat die ganze Zeit nur gegrinst", erinnert sich Cohen. Für den Besuch wurde Seinfeld stark kritisiert.

"Ich möchte erfahren, was die Soldaten und alle anderen Menschen in Israel jeden Tag durchmachen müssen. Und hoffentlich lerne ich auch ein bisschen, mich zu verteidigen", sagt der 18-jährige Daniel bevor es losgeht. Der junge Mann kommt aus Colorado und hat wie die 14 anderen Heranwachsenden aus seiner Gruppe eine schwere Krankheit überlebt.

Ihre Reise nach Israel wird von einer jüdischen Stiftung gesponsert. Die Jugendlichen besuchen unter anderem die Klagemauer in Jerusalem, die Festung Masada am Toten Meer und den See Genezareth in Galiläa. Der Tag bei Caliber 3 soll ihnen "die Werte der israelischen Armee vermitteln", sagt ihr Gruppenleiter, Rabbi Schlomo Krandel aus Chicago. Das Standardprogramm kostet normalerweise zwischen 85 und 115 Dollar pro Person. "Aber die Gruppe hat einen Sonderpreis bekommen", sagt Eitan Cohen, "wir wollen den Kids etwas Gutes tun."

Rabbi Schlomo Krandel
Thore Schröder

Rabbi Schlomo Krandel

Nach der ersten Übung - der Erstürmung des Markts - ist eine Personenkontrolle an der Reihe. Vom Nachbarschießstand dröhnen Schüsse, als der belgische Schäferhund Zeus auf einen Terroristen im Schaumstoffanzug losgelassen wird, bis der sein Gummimesser fallen lässt. Noch ein paar Tritte von Eitan, dann geht vom Angreifer keine Gefahr mehr aus. Die Kinder jubeln. Dabei kommt der Höhepunkt des Tages noch: das Schießen.

Noch schnell mit Waffen posieren, dann ab zum Abendgebet

Filmen und Fotografieren ist dabei streng verboten. "Wir wollen nicht, dass die Leute da draußen denken, wir brächten hier Kindern das Töten bei. Das ist doch kein Hamas-Camp", sagt Cohen, nachdem er die Gruppe in Viererreihen aufgeteilt hat. Die Jugendlichen tragen Plastikbrillen und Gehörschutz, feuern nacheinander mit halbautomatischen Gewehren auf bunte Ballons. "Ziel anvisieren!" Peng, peng, peng. "Drück den Schaft fest an die Wange!" Peng, peng, peng. "Jetzt Schnellfeuer!" Peng, peng, peng. Beim zweiten Durchgang müssen sich die Teilnehmer auf dem Weg zum Schießstand um sich selbst drehen. Dazu läuft der "Rocky"-Soundtrack: "Eye of the Tiger".

Danach bleiben noch fünf Minuten für Fotos - mit den vier Ausbildern und verschiedenen Waffen. Der 15-jährige Avi aus New York hat im vergangenen Jahr Blutkrebs überstanden, jetzt posiert er mit einer Bazooka. "Eine Waffe abzufeuern, ist fantastisch. Ich konnte meinen ganzen Frust rauslassen."

Auf dem Weg zum Ausgang bestaunen die Jugendlichen die Auslagen im Caliber-3-Shop. Eine Glock 17 ist für knapp 1000 Euro zu haben, eine Mütze kostet 14 Euro, ein Fidget-Spinner aus Gewehrkugeln 20 Euro. Doch dafür haben einige von ihnen keine Augen mehr. Es ist Zeit für das Abendgebet.

dbate-Video: Mein Gaza - Leben im größten Gefängnis der Welt

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