Strand bei Venedig Wo Faschisten baden gehen

Mussolini-Kult, Demokratieverachtung, Gewaltdrohungen: Im norditalienischen Chioggia betreibt der Besitzer einer Strandbar faschistische Hetze. Die Behörden sind alarmiert, Unterstützer sprechen von "Folklore".

ROPI

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Der Blick des "Duce" schweift über die 650 Liegen am Strand von Chioggia bei Venedig. Alles sauber, alles ordentlich, das hätte ihm wohl gefallen.

Doch Benito Mussolini schaut grimmig drein, kein Wunder. Glaubt man dem Lamento neben seinem Schwarz-Weiß-Foto, steht es schlecht um Italien, wo die Demokratie "den Armen das Brot nimmt, um es den Reichen zu geben, die den Fremden hilft und nicht dem eigenen Volk, die ohne Kriege Staatsschulden von zwei Billionen Euro anhäuft".

Der Mann, der dieses Resümee zieht, heißt Gianni Scarpa. Der 64-Jährige betreibt den Strandabschnitt "Playa Punta Canna" und hat gerade jede Menge Ärger. Grund ist seine offensive Art, faschistische Parolen, rassistische Hetze und grobe Drohungen zu verbreiten. Wie die römische Tageszeitung "Repubblica" berichtete, nutzt er dazu große Plakate, die er auf seinem Areal aufgestellt hat. "Zutritt verboten - Gaskammer" steht auf einem Schild. "Nur für Kunden - sonst gibt's mit dem Knüppel auf die Zähne" auf einem anderen.

Scarpa legt laut eigener Aussage Wert auf Sauberkeit, Disziplin und Ruhe. Deshalb sind bei ihm "Kinder und Hinterwäldler unerwünscht", "scharfe Bräute" und echte Kerle hingegen stets willkommen. Der faschistische Gruß, der "saluto romano", ist für ihn ein "Lebensgefühl", sein Privateigentum verteidigt er zur Not auch mit Waffengewalt. Auch über Lautsprecher soll er seine Gäste mit rechtem Gedankengut beschallt haben. "Ich bin ein Faschist", gibt Scarpa unumwunden in einem YouTube-Video zu. Ein Knüppel sei er, "schwarz wie Kohle", fügt er in Erinnerung an die "Schwarzhemden" der faschistischen Milizen hinzu.

Eine Auswahl der populärsten Parolen des Strand-Diktators:

  • "Die Demokratie ekelt mich an"
  • "Ich liebe die Gewaltherrschaft und übe sie in meinem Haus aus"
  • "Das Gesetz der Gerechtigkeit wird aus dem Gewehrlauf geboren"
  • "Drogenabhängige gehören ausgerottet"

Scarpa ist schon mehr als 20 Jahre lang Herr über seinen Strandabschnitt, von dem er sagt: "Hier gelten meine Regeln." Doch offenbar waren seine politischen Ergüsse bisher kein Thema. Das änderte sich mit einem Artikel der "Repubblica" vom Sonntag. Die Polizei ließ sich Foto- und Videomaterial der Journalisten aushändigen und stattete dem "Duce"-Fan einen Besuch ab.

Am Montag erließ der zuständige Präfekt Carlo Boffi eine Anordnung, wonach sämtliche faschistischen Symbole, Plakate und Bekanntmachungen zu entfernen seien. Auch das Verbreiten entsprechender Inhalte über Lautsprecher sei fortan verboten, hieß es. Die Maßnahmen stützen sich auf ein Gesetz aus dem Jahr 1952, das die Verherrlichung von Faschismus und Rassismus in Italien unter Strafe stellt.

Zwar hat Scarpa sofort alle Plakate abgenommen. Er wird sich aber trotzdem vor Gericht verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Der Verfassungsrechtler Michele Ainis erklärte, die radikalen Ausführungen des Signor Scarpa könnten als Anstiftung zur Gewalt interpretiert werden. Der Strandabschnitt sei ein öffentlicher Ort, hier gehe es nicht um private Meinungsäußerung. Jetzt soll die Konzession des "Strand-Diktators" überprüft werden.

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Neofaschisten am Strand: „Die Demokratie ekelt mich an“

"Die Bilder, die wir gesehen haben, sind ein Beleidigung für das Andenken an die Holocaust-Opfer und ein Angriff auf die demokratischen Institutionen in unserem Land", sagte eine Sprecherin der jüdischen Gemeinden in Italien.

Scarpas Stammkunden hingegen verstehen die Welt nicht mehr: Von wegen Faschisten, man wolle doch nur Ordnung, so der Tenor der Besucher. "Ich komme sicher nicht hierher, weil Gianni faschistische Ideen hat oder um Politik zu machen", sagte eine 40-Jährige der Zeitung "Gazzettino" aus Mestre. "Ich komme her, weil der Strand einer der saubersten und ruhigsten in der Gegend ist. Er ist gut bewacht und gut geführt."

Auch der Vizebürgermeister von Chioggia, Marco Veronese von der EU-kritischen und populistischen 5-Sterne-Bewegung, spielte den Fall als "eine Frage der Folklore" herunter: Man solle doch bitte die "ohnehin lächerlichen Ressourcen der Polizei" für die wirklich wichtigen Dinge wie Sicherheit und Sauberkeit am Strand einsetzen. Es sei bekannt gewesen, dass Scarpa ein Mann "mit Sympathien für die Rechte" sei, kauzig, studentesk, "das war es aber auch schon".

Während Sprüche über Lesben und Schwulen tatsächlich zweideutig und nicht explizit homophob daherkommen, lässt ein Zitat des US-Dichters Ezra Pound keine Zweifel an der Gesinnung des Strandfaschisten: "Wenn einer nicht bereit ist, für seine Ideen ein Risiko einzugehen, ist er entweder kein Mann oder seine Ideen sind nichts wert."

Pound, ein Antisemit und glühender Verehrer des italienischen Faschismus vor dem Zweiten Weltkrieg, ist Namensgeber der neofaschistischen Bewegung Casa Pound Italia, die enge Kontakte zu Rechtsextremisten in ganz Europa unterhält.

Vor etwa fünf Jahren soll Scarpa italienischen Medienberichten zufolge versucht haben, Anschluss an die 5-Sterne-Bewegung zu finden. Zwar erklärte er, prinzipiell unpolitisch zu sein, schlug aber dennoch dem umstrittenen Parteivorsitzenden Beppe Grillo vor, ihm 10.000 Wählerstimmen zu verschaffen. Von Freunden.

Ordnung, Disziplin, römische Ideale? Auf einem Plakat im "Punta Canna" ist ein Baby zu sehen, das dem Duce Mussolini zuruft: "Opa Benito, für ein ehrliches und sauberes Italien musst du auferstehen."



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