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Italienische Komapatientin: Streit um Sterbehilfe spitzt sich zu

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Seit 17 Jahren liegt Eluana Englaro im Wachkoma. Zwar gab ein Gericht die Erlaubnis für die vom Vater geforderte Sterbehilfe - doch Kritiker laufen Sturm. Premier Berlusconi nutzt die aufgeheizte Stimmung, um per Eilverfahren ein umstrittenes Gesetz auf den Weg zu bringen.

Udine - Es ist Eluanas siebter Tag in der Klinik "Die Stille" im italienischen Udine. Seit vier Tagen bekommt die 38-Jährige kein Wasser mehr. Auch die künstliche Ernährung wurde Schritt für Schritt eingestellt. Englaros Atmung ist zu einem Röcheln geworden - über eine letzte verbliebene Kanüle geben die Ärzte Schmerzmittel.

Eluanas Körper habe begonnen, sich in Krämpfen zu winden und zu krümmen, berichtete ein Reporter der Zeitung "Il Giornale". Ihr rasselnder Atem sei "das Grauen erregende, verzweifelte Signal eines Menschen, der Hilfe brauche", schreibt der Journalist - und macht sich zum Sprachrohr jener italienischer Katholiken, die derzeit den öffentlichen Kampf um das Leben und den Tod der Eluana Englaro mit Entsetzen verfolgen.

Eluana war 1992 nach einem Unfall ins Koma gefallen. Nach etlichen gerichtlichen Auseinandersetzungen hatte ihr Vater Giuseppe die Erlaubnis erwirkt, die künstliche Ernährung seiner Tochter zu stoppen und damit ihren Tod herbeizuführen. Ein kurzer Triumph für den Vater, denn die Verlegung der Frau in die Klinik La Quiete in Udine trat einen Sturm des Protests los.

"Wach auf, Eluana!" und "Stoppt die Hand des Mörders!" riefen Sterbehilfegegner vor dem Krankenhaus, das sich bereiterklärt hatte, die Familie und die Patientin bis zum Ende zu begleiten. Die Klinik sei nichts weiter als "ein Parkplatz für Menschen auf dem Weg ins Jenseits", ätzte das "Giornale".

Der behandelnde Neurologe Carlo Alberto Defanti wehrte sich: "Ich helfe einer Frau bei der Erfüllung ihres eigenen Wunsches, einer Frau, die von allen verraten wurde außer ihrem Vater und wenigen anderen." Eluana selbst soll sich vor ihrem Unfall explizit gegen lebensverlängernde Maßnahmen im Falle eines Komas ausgesprochen haben.

"Eluana könnte Kinder bekommen"

Längst ist der Auslöser des Streits in den Hintergrund getreten, geht es keineswegs nur noch um Sterbehilfe ja oder nein, sondern um Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der sich mit blumigen Worten in die Diskussion eingemischt hat. Eluana könne sich immer noch erholen und sei theoretisch sogar in der Lage, Kinder zu bekommen, betonte der Premier, der nun mit einem per Eilverfahren eingebrachten Gesetzentwurf die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung erwirken will.

Der Senat berät am Montagabend über den Entwurf, eine Abstimmung wird am Dienstag erwartet. Am Mittwoch soll das Blitzgesetz dann im Abgeordnetenhaus vorgebracht werden.

Viel Mühe, ihr Anliegen durchzupauken, dürfte die Mitte-Rechts-Regierung nicht haben - sie verfügt in beiden Parlamentskammern über eine komfortable Mehrheit. Unklar ist, ob Eluana Englaro über die Entscheidungsfindung sterben wird - die Ärzte gehen davon aus, dass sie ohne künstliche Ernährung bis zu zwei Wochen am Leben bleiben kann. Ohnehin ist bei der derzeitigen Fassung des Entwurfs nicht klar, ob er auf den Fall Englaro überhaupt Anwendung finden könnte.

"Wir sind Gesetzgeber und keine Richter"

Die politischen Gegner des "Cavaliere" waren wenig angetan von dem forschen Auftritt Berlusconis. "Wir sind Gesetzgeber und keine Richter", empörte sich Senator Stefano Ceccanti (PD) und verwies auf die Entscheidung des zuständigen Gerichts im Fall Englaro.

"Wem liegt das Schicksal von Eluana am meisten am Herzen?", fragte Roms ehemaliger Bürgermeister Walter Veltroni am Sonntagabend im Fernsehsender TG1. "Dem Vater und der Mutter, die seit 17 Jahren an ihrer Seite sind und dieses Drama erleben? Oder ein Politiker wie Berlusconi, der sieben Monate Zeit hatte, ein Gesetz einzubringen und es nicht getan hat, aber ab morgen mit dem gleichen Eifer von anderen Problemen reden wird?"

Die Antwort gab der Vorsitzende der größten Mitte-Links-Partei Italiens, dem Partito Democratico (PD) gleich selbst: Der Fall Englaro, so Veltroni, werde aufs hässlichste instrumentalisiert. "Berlusconi will Spannungen mit dem Staatspräsidenten heraufbeschwören, indem er die Verfassung in Frage stellt", kritisierte er und rief zu einer Demonstration auf der Piazza Santi Apostoli am Dienstag auf, um Giorgio Napolitano seiner Unterstützung zu versichern.

"Ich habe auf die Verfassung den Eid geschworen und ich respektiere sie", konterte Berlusconi. Für ihn sei die Entscheidung im Fall Eluana weniger eine rechtliche als eine Gewissensfrage.

"Anstelle des Vaters hätte ich genau dasselbe getan"

Vater Englaro lud Berlusconi ein, Eluana zu besuchen und sich selbst ein Bild von deren Zustand zu machen. Der Premier ließ sich bisher nicht blicken - wohl aber der Präsident der Region Friaul-Julisch-Venetien, Renzo Tondo. Der sagte laut "Repubblica": "Ich habe sie nach Weihnachten gesehen. Es geht ihr sehr schlecht." Die Nachrichten, die über Eluana kursierten, vermittelten einen falschen Eindruck. "Anstelle des Vaters hätte ich genau dasselbe getan", so Tondo.

Das hielt den Regionspräsidenten aber nicht davon ab, die ohnehin angespannte Situation noch zu verschärfen. In einem Brief forderte Tondo (Mitglied der Partei Popolo della Libertà) die Klinikleitung auf, Englaros künstliche Ernährung wieder aufzunehmen, bis das Parlament über das Eilgesetz zur Sterbehilfe abgestimmt habe.

Die Polizei stellte zudem bei einem Besuch in der Klinik am Wochenende "Unregelmäßigkeiten" in der Verwaltung fest. Die Folge: Vier Beamte überprüften am Montag das Krankenhaus. Gesundheitsminister Maurizio Sacconi zog gar in Zweifel, ob die Klinik La Quiete überhaupt die geeignete Einrichtung für eine Sterbehilfe sei. Das Krankenhaus sei schließlich kein Hospiz.

Die Anwälte der Familie kündigten Widerstand an, sollte die Regionalregierung die Klinik unter ihre direkte Verwaltung stellen und Eluanas Sterben verhindern. Bereits im Jahr 2004 hatte Giuseppe Englaro ein Hilfegesuch an Berlusconi gesendet, dass dieser niemals beantwortete.

Einer Umfrage des "Corriere della Sera" zufolge spaltet Englaros Schicksal derzeit das katholisch geprägte Italien: Demnach sind 47 Prozent der Bürger dafür, Eluana sterben zu lassen - 47 Prozent dagegen.

Das Horrorszenario: Polizei stürmt Klinik

Während die Auseinandersetzung eskalierte, kursierten jede Menge Gerüchte. Die Polizei plane einen Einsatz im Krankenhaus, hieß es. Man wolle das Zimmer der Sterbenden beschlagnahmen und so dem Gebaren der Ärzte Einhalt gebieten. Auch von einem Transport der Patientin in eine andere Klinik sei die Rede gewesen, berichtet die "Repubblica".

Letztlich baten Polizei und Carabinieri am Sonntag den Staatsanwalt von Udine, Antonio Biancardi, per Dringlichkeitsmaßnahme eine Besetzung der Räumlichkeiten durch die Ordnungskräfte zu unterstützen. Die Kommune beriet sich noch am Sonntagabend auf einer Sitzung und entschied, es gebe "keine rechtliche Grundlage" für einen derartigen Einsatz.

Der Papst hofft auf Wunderheilung

Im Vatikan war man von Berlusconis gesetzgeberischer Eile angetan. Zwar betonte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone im Gespräch mit Staatspräsident Giorgio Napolitano, man wolle sich nicht in Staatsangelegenheiten einmischen. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi signalisierte jedoch gleichzeitig "lebhafte Zustimmung" für den Gesetzentwurf.

Benedikt XVI. hatte am Sonntag während des Angelus-Gebets in Rom Stellung zu dem Fall genommen. Er bat die Gläubigen auf dem Petersplatz, für alle Kranken zu beten, "besonders die am schwersten Kranken, die ganz und gar von der Pflege anderer abhängen" - und verwies auf die Möglichkeit einer Wunderheilung.

Der Vater von Eluana will trotz unterschiedlicher Positionen nicht gegen die Kirche polemisieren. Er würde es aber begrüßen, wenn sie sich zurückhielte, sagte er der spanischen Zeitung "El País": "Die Kirche kann mir ihre Werte nicht aufdrücken."

Mit Material von AP und dpa

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Sterbehilfe: Der umkämpfte Tod der Eluana Englaro


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