Fotoprojekt zu ausgesetzten Jagdhunden Das Tier als Wegwerfware

Am Ende der Jagdsaison werden in Spanien jedes Jahr Zehntausende Hunde getötet - oder ausgesetzt. Martin Usborne hat sie in andalusischen Auffangstationen fotografiert. Ein Gespräch über grausame Traditionen und überforderte Helfer.

Ein Interview von

Martin Usborne

Zur Person
  • Martin Usborne, Jahrgang 1973, lebt in London und arbeitet als Fotograf. Seine Werke wurden unter anderem in Großbritannien, Brasilien und den USA gezeigt. In seinem jüngsten Projekt "Where Hunting Dogs Rest" widmet er sich dem Schicksal spanischer Jagdhunde. Eine Ausstellung der Fotos ist noch bis zum 31. Juli in der Galerie Photo12 in Paris zu sehen.
In Spanien hat die Hasenhatz mit Windhunden große Tradition - und üble Folgen: Wenn ein Hund für die Jagd nicht mehr taugt, wird er ausgesetzt oder gleich getötet. Offizielle Zahlen gibt es nicht, aber laut Tierschützern sind am Ende jeder Jagdsaison zwischen 20.000 und 200.000 Tiere betroffen. Der Fotograf Martin Usborne fuhr mehrmals nach Andalusien und verbrachte Wochen mit den Tieren und ihren Pflegern. In seinem Buch "Where Hunting Dogs Rest" zeigt er die ebenso erschreckenden wie anrührenden Aufnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Leidende Tiere gibt es überall auf der Welt. Warum widmen Sie sich ausgerechnet spanischen Jagdhunden?

Usborne: Ich bin ein Jahr lang um die Welt gereist, um Tieren zu helfen. Dabei habe ich auch ein Projekt für ausgesetzte spanische Jagdhunde entdeckt. Ich sah das Foto eines Hundes, der an einem Baum aufgehängt war, so dass die Hinterbeine den Boden gerade noch berührten. Das wird "Klavier spielen" genannt, die Tiere sterben langsam. Von diesen grausamen Praktiken hatte ich nie gehört. Das ist an sich schon erschütternd - schließlich geschieht das in Europa. Ich begann, in andalusischen Tierheimen zu fotografieren. Als ich die Fotos sah, entschied ich mich, daraus ein Buch zu machen.

SPIEGEL ONLINE: In der Einleitung schreiben Sie, dass der letzte Hund, den Sie fotografiert haben, kurz danach von anderen tödlich verletzt wurde.

Usborne: Dieser Moment hat in mir etwas verändert. Ich hatte versucht, keine zu wütenden, emotionalen oder sentimentalen Fotos zu machen, weil ich dachte, das schadet dem Projekt. Ich wollte ein Beobachter bleiben. Aber als der Hund starb, habe ich beschlossen, das Projekt zu beenden. Ich war sehr, sehr traurig und sehr, sehr wütend. Ich wollte nicht mehr fotografieren, sondern gegen die Wand schlagen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos sind wirklich sehr zurückhaltend.

Usborne: Die Bilder des Malers Velásquez (1599 - 1660 - d. Red.) haben mich inspiriert. Er hat in Andalusien gearbeitet, als diese Hunde noch als Statussymbol galten. Ich wollte das Drama dokumentieren, ohne es zu direkt zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Usborne: Ich wusste, wenn ich einfach einen sterbenden Hund fotografiere, würden nur Tierschutz-Aktivisten die Bilder anschauen. Andere würden wegsehen. Tatsächlich finden viele Leute selbst diese Fotos noch zu traurig. Bei meiner Ausstellung in Paris sehen die Besucher die Bilder an, auf denen die Hunde am wenigsten leidend aussehen. Manche meiner Freunde, die Tiere lieben, wollen nicht einmal das Buch sehen. Es ist einfach zu schmerzhaft.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Leute, die Jagdhunde aussetzen?

Usborne: Ich habe zwei- oder dreimal Jäger getroffen. Das waren vernünftige, nette Menschen, keine Bösewichte: Bauern, Richter, Polizisten. Der Umgang mit den Hunden ist eine kulturelle Sache.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Hunde aussortiert?

Usborne: Das Leben dieser Tiere hängt von ihrer Geschwindigkeit ab. Wenn ein Hase gesichtet wird, lässt der Jäger mehrere Hunde gleichzeitig los, um zu sehen, welcher schneller ist. Die langsameren werden aussortiert. Wenn ein Hund erst mal drei, vier Jahre alt ist, ist ohnehin Schluss. Dann wollen die Jäger ihn nicht mehr. Es ist halt auch sehr einfach, neue Hunde zu züchten.

SPIEGEL ONLINE: Können Hilfsprojekte das auffangen?

Usborne: Es ist unglaublich schwer. Es gibt ein paar Leute, die sich über Gebühr engagieren und Hilfe brauchen. Die Projekte leben quasi ausschließlich von Spenden. Wo Geld fehlt, sind die Bedingungen für die Hunde entsprechend. Die Helfer fühlen sich wie Krankenschwestern auf dem Schlachtfeld: Du kannst den Krieg nicht stoppen, du kannst nur dem Individuum vor dir helfen. Und das schafft neue Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Usborne: Mit der Zahl der Auffangstellen wächst auch der Anreiz, die Tiere auszusetzen. Ich habe gesehen, wie in einer Station am Ende der Jagdsaison täglich 90 Hunde eintrafen. Die einzige Lösung für dieses Problem ist eine Veränderung der Kultur. Derzeit sehen Jäger die Hunde eben nicht als Individuen.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Usborne: Als Werkzeug. Man pflegt es, aber wenn es kaputtgeht, wirft man es weg. Viele der Jäger in Spanien haben für die Hunde nicht den Respekt eines Haustierbesitzers, sondern eher den Respekt eines Stierkämpfers für den Stier: Ein schönes Tier, aber ich werde es trotzdem töten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie überlegt, selbst einen Hund aus Spanien bei sich aufzunehmen?

Usborne: Oh ja. Ich habe ungefähr 25-mal versucht, meine Frau zu überzeugen. Aber wir haben schon zwei Hunde. Ich musste versprechen, dass ich unser Haus nicht in einen Zoo verwandle. Oft habe ich ihr Fotos aus Tierschutzeinrichtungen geschickt: "Was ist mit diesem Hund? Was ist mit diesem Hund?" Ich konnte sie nicht umstimmen. Aber ansonsten unterstützt sie mich sehr in meiner Arbeit.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
hkostal 19.06.2015
1. Wen wundert's
Spanien ist ja noch nie bekannt dafür gewesen, dass es Respekt vor Leben hat.
wurmfortsatz 19.06.2015
2.
Pech für Schweine, Kühe, Schafe, Hühner, Puten und viele andere Wildtiere, dass sie keinen solchen Status haben wie Hunde.
martine-primus 19.06.2015
3. bereits seit Jahren bekanntes Problem
gerade wer einen Hund hält, der sollte doch eigentlich fühlen, wie tief sein Vertrauen in seinen Menschen ist. Man muss doch nur tief in die Augen des Hundes gucken, da sieht man bedingungslose Liebe. Ein Hund kann so viel... Ich verstehe nicht, wie emotionslos ein Mensch einem Tier gegenüber sein kann. Solche Menschen sind für mich nichts wert. Gerade gestern wieder wurde mein Hund "entführt" ins Altersheim, wo er für einen kurzen Moment ein Lächeln über die Gesichter der Bewohner zauberte. Ein Tröster für unsere Kinder, eine Ulknudel für die Kids. Wer so mit diesen feinfühligen Kreaturen umgeht, der ist ein emotionaler Krüppel!
ChriPan 19.06.2015
4. Meine
Meine "Geschiedene" (aber sie hat mich nicht wegen meiner Tierliebe verlassen :-)) arbeitet ehrenamtlich bei http://www.galgos-aus-spanien.de mit. Wer helfen möchte und gerettete Hunde in Pflege zur Vermittlung (oder sogar selbst) aufnehmen möchte, möge doch bitte mal auf o.a. Link klicken!
ChriPan 19.06.2015
5. Hmmmpf ... Status?
Zitat von wurmfortsatzPech für Schweine, Kühe, Schafe, Hühner, Puten und viele andere Wildtiere, dass sie keinen solchen Status haben wie Hunde.
Schon mal was davon gehört, dass es eine "evolutionäre und kommunikative Symbiose" zwischen Hund und Mensch gibt? Manche Haustiere sind einfach nur zum essen da (wobei ich Vegetarier wäre, wenn ich sie selbst schlachten müsste und sie nicht nett verpackt bei Aldi liegen ... Schande über mich
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