Jahrzehnt des Hoaxing Unglaublich, aber falsch

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2. Teil: Der Terroranschlag, der keiner war


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Hoax 2000: Quadratische Katzen im Glas
Die Affäre Bluewater beginnt am Donnerstag, 10. September 2009, um 10.38 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Da meldet die Nachrichtenagentur dpa: "In der kalifornischen Kleinstadt Bluewater soll es nach einem Bericht des örtlichen Senders vpk-tv zu einem Selbstmordanschlag gekommen sein." Im gleichen Zeitraum klingelt in vielen Redaktionen das Telefon, ein gewisser Rainer Petersen erzählt die gleiche Geschichte: Es habe Explosionen in einem Restaurant gegeben, die Täter sollen arabischstämmige Männer sein.

Ein Anschlag in den USA? Unmittelbar vor dem Jahrestag von 9/11? Eine heiße Story?

Mitnichten. Es ist ein akribisch geplanter Hoax, ein PR-Coup des Regisseurs Jan Hendrik Stahlberg, dessen neuer Film "Short Cut To Hollywood" wenige Wochen später anlaufen soll.

Es gibt einen Wikipedia-Eintrag und eine Homepage des erfundenen TV-Senders "vpk-tv". Es gibt eine fingierte Polizeistation Bluewater, die bereitwillig Auskunft erteilt. Es gibt Posts bei Twitter und einen Augenzeugenbericht auf YouTube - alles Informationen, die in Sekundenschnelle abrufbar sind.

So gewinnt der Hoax an Dynamik, zahlreiche deutsche Medien berichten, obwohl die Geschichte mit etwas Misstrauen und ordentlicher Recherche zu durchschauen ist.

Als es heißt, der Anschlag sei nur ein Scherz von drei Berliner Rappern gewesen, ist die Verwirrung komplett. Die Quelle der Berichterstattung? Ein Bekennervideo der "Berlin Boys" auf der Homepage von vpk-tv.

Auch diese Geschichte ist erfunden.

So dauert es noch ein wenig, bis der Spuk endgültig endet. Die dpa meldet am frühen Nachmittag: "Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht." Die Nachrichtenagentur kündigt in den folgenden Tagen härtere Regeln bei ihrer Berichterstattung an.

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Strichnid 17.12.2009
1. ...
Ich hab mir da eine Regel erstellt: Je unglaublicher eine Nachricht mit belanglosem Inhalt klingt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie erfunden ist. Umgekehrt verhält es sich mit unglaublich klingenden Nachrichten, die Relevanz versprechen. Zum Beispiel die von den vier hessischen Steuerfahndern, die mit Hilfe eines Psychiaters kalt gestellt wurden, weil sie zu erfolgreich den großen Frankfurter Banken Steuerbetrug nachweisen konnten. Und? Jemand deshalb zurückgetreten? Irgendeine Kampagne eines großen Nachrichtenmagazins, wie das früher bei sowas üblich und auch zielführend gewesen wäre? Fehlanzeige. Stattdessen hat SpiegelOnline noch vor Politik und Wirtschaft stets die Headlines der "Panorama"-Rubrik, wo die im Artikel erwähnten Hoaxes stets ebenso ungeprüft übernommen werden wie anderswo. Wie wär's mal wieder mit investigativem Qualitätsjournalismus?
billy pilgrim 17.12.2009
2. Catch 22
Zitat von sysopGeorge W. Bush: zu dumm zum Lesen. Da sitzt er neben einem Schulmädchen und hält das Buch verkehrtrum. Ein Bild, das um die Welt ging - und eine Fälschung war. SPIEGEL ONLINE über der die dreistesten Lügen eines Jahrzehnts, in dem das böse Spiel mit der Wahrheit Mode wurde. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,666310,00.html
tough luck... Soll man der Regierung glauben, die einen nachweislich belogen hat, oder den Regierungsgegnern, die nachweislich jedes Mittel benutzen, um die Regierung des Lügens zu überführen... Alle Bilder lügen, immer.
parasympathikus 17.12.2009
3. Kommentar
Ich musste schmunzeln beim Lesen. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass die brennende Amy W. und die Bonsaikittens sogar bei uns im Fernsehen verbreitet wurden (Viva bzw Pro7?!?)!
cosmo72 17.12.2009
4. also viele der Qualitätsjournalisten
also viele der Qualitätsjournalisten drucken hier auch mal gerne ein Bild von einem Flugzeugträger ab, und schreiben USS Cole darunter - der eine etwas ander Schiffsklasse mit nicht jet-landbarem Deck darstellt ... oder schreiben eine Artikel über "A Little Night Music" und veröffentlichen den in der ersten Version mit DREI NENNUNGEN - a little LIGHT Music - mit dem selben Bild im Hintergrund in dem der Titel 2 mal vollständig und richtig zu erkennen war ... http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,667156,00.html wer im glashaus ....
Zephira 17.12.2009
5. Netzkultur
Ein wunderbares Beispiel für Internetphilosophie. Im Cyberspace ist der objektive Wahrheitsgehalt vollkommen irrelevant, es geht allein um den Unterhaltungswert. Die Offline-Welt jedoch kriegt diesen Gedankenschritt nicht hin, sie muss etwas gleich für bare Münze nehmen...
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