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"Nazidorf" Jamel

Gemeinderat verpachtet Dorfwiese an mutmaßlichen Rechten

Das mecklenburgische Dorf Jamel gilt als Hochburg von Neonazis - die haben nun wohl auch Kontrolle über den zentralen Platz im Ort. Der Entscheidung war ein Streit zwischen Gemeinde und Landkreis vorausgegangen.

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Mittwoch, 12.09.2018   16:48 Uhr

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Ein knappes Dutzend Häuser stehen dort nur, und doch ist Jamel bundesweit bekannt: Seit Jahren gilt das mecklenburgische Dorf bei Wismar als Neonazi-Hochburg. Jetzt hat der zuständige Gemeinderat von Gägelow entschieden, eine Freifläche im Zentrum des Orts auf unbestimmte Zeit zu verpachten - an ein mutmaßliches Mitglied der rechten Szene.

Sieben Lokalpolitiker des Gremiums stimmten für die Verlängerung eines im Februar vom Hauptausschuss der Gemeinde beschlossenen Pachtvertrags - bei je zwei Gegenstimmen und Enthaltungen, wie Gägelows Bürgermeister Uwe Wandel sagt. Die Abstimmung fand in nichtöffentlicher Sitzung statt, die Jahrespacht soll 65 Euro betragen. Wandel bestätigt den Betrag nicht, sagt nur, dass es sich um eine niedrige Summe handle.

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Der Entscheidung war ein offenbar heftiger Konflikt zwischen Bürgermeister, Polizei und Landratsamt vorausgegangen. Entsetzt reagieren nun auch die einzigen Einwohner Jamels, die sich lautstark gegen die Verankerung der Neonazi-Szene im Ort wenden. Der Beschluss sei ein "Affront gegen alle demokratischen Bestrebungen, eine weitere Landnahme durch Rechtsradikale in dem durch Neonazis gezielt besiedelten mecklenburgischen Dorf zu verhindern", heißt es in einer Stellungnahme von Birgit und Horst Lohmeyer.

Das Künstlerpaar kann nicht nachvollziehen, welche Gründe für die Verpachtung gesprochen haben könnten: "Bei einem Pachtzins von 65 Euro im Jahr kann davon ausgegangen werden, dass es der Gemeindevertretung bei der Verpachtung der Jameler Dorfwiese nicht um ein finanzielles Interesse geht."

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Das Signal, das von der Entscheidung ausgehe, sei fatal, sagt Birgit Lohmeyer dem SPIEGEL: "Dieses Dorf ist ein Muster dafür, wie Neonazis den öffentlichen Raum dominieren wollen." Es sei daher nicht nachvollziehbar, "einen ganz zentralen Punkt fürs Gemeinwesen ohne Not den Rechten zu überlassen".

"Wir leben jeden Tag mit diesen Leuten"

Bürgermeister Wandel verteidigt den Beschluss. Er bezweifelt, dass es sich bei dem Pächter tatsächlich um einen strammen Neonazi handelt. "Ich weiß, dass derjenige nicht Mitglied einer Partei ist und nicht auf Demonstrationen geht", sagt der parteilose Kommunalpolitiker, der bei der jüngsten Wahl auf der Liste der SPD kandidierte.

Der Pächter ist laut Wandel seit 25 Jahren Altenpfleger und nicht vorbestraft. "Ein Sozialist ist der sicherlich nicht", sagt Wandel, aber: "Wir leben jeden Tag mit diesen Leuten und müssen uns mit ihnen irgendwie auseinandersetzen." Man könne Bürger mit fragwürdigen Ansichten nicht aus allem heraushalten, solange sie sich an die Gesetze hielten.

Die Lohmeyers sind trotzdem nicht überzeugt: Wandels Haltung sei "wirklich gefährlich", sagt Birgit Lohmeyer. Der Pächter sei zweifelsohne mit der lokalen Neonazi-Szene verbunden. Dass das stimmen könnte, zeigte sich erst vor wenigen Wochen bei einer Veranstaltung, die laut "Ostsee-Zeitung"auf der Wiese stattfand: eine "Sonnenwendfeier" mit Kinderhüpfburg, Kremserfahrt - und fast 200 Neonazis.

Im Video: Jamel - Leben unter Neonazis

"Nur mit lautem Schreien und Ausgrenzen kann man das Problem des Rechtsextremismus nicht bekämpfen", sagt Bürgermeister Wandel. Abgesehen davon sei es gar nicht seine Aufgabe, den Pächter einer Dorfwiese auf seine Gesinnung zu überprüfen. Der Mann wolle Ziegen, Gänse und Enten dort weiden lassen. "Er kann das sinnvoll bewirtschaften", sagt Wandel, davon profitiere auch die Gemeinde: Die müsse die Wiese nun nicht mehr regelmäßig selbst pflegen.

Allerdings handelt es sich keineswegs um eine beliebige Wiese: Sie wird unter anderem seit Jahren für das Festival "Jamel rockt den Förster" genutzt - organisiert von den Lohmeyers, ausgerichtet gegen Rechtsextremismus, immer besucht von prominenten Musikern. Die Wiese hat den Behörden zufolge zudem eine große Bedeutung für "polizeitaktische Maßnahmen" im Ort.

Der Landkreis hatte die Gemeinde daher aufgefordert, die Verpachtung zu revidieren. "Da bis zum Jahresende weitere rechtsextrem motivierte Veranstaltungen zu erwarten sind, sollte die Kündigung des Mietvertrages schnellstmöglich erfolgen", heißt es in einer im Juli veröffentlichten Mitteilung.

Die Lokalpolitiker in Gägelow entschieden sich anders, und Bürgermeister Wandel verließ sogar frustriert eine Besprechung mit Vertretern des Landkreises - weil er sich in die rechte Ecke gestellt sah.

Der 60-Jährige weist darauf hin, dass der neue Pächter keineswegs unbeschränkte Kontrolle über die Wiese habe: Der unbefristet laufende Pachtvertrag sei jederzeit zum Ende des Quartals kündbar. Die Weide dürfe auch lediglich eine "mobile Umzäunung erhalten", keinen festen Zaun, und müsse jeweils vier Wochen vor und 14 Tage nach "Jamel rockt den Förster" für die Veranstaltung freigehalten werden.

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