Street-Fotograf Jamel Shabazz "Die Kamera als Waffe gegen Rassismus"

Seit den Achtzigerjahren dokumentiert Fotograf Jamel Shabazz die Lebensumstände in schwarzen Communities der USA. Er sagt: "In Amerika herrscht ein neuer Bürgerkrieg."

Jamel Shabazz

Ein Interview von


Zur Person
  • WireImage
    Jamel Shabazz, Jahrgang 1960, wurde in Brooklyn geboren. Als Teenager begann er, seine New Yorker Umwelt zu fotografieren. Nach seiner Armeezeit, die er teils auch in Deutschland verbrachte, kehrte er in den Achtzigerjahren nach New York zurück und dokumentiert seitdem das Street Life, die sozialen Zustände und die Jugendkultur von Afroamerikanern und Latinos. Seine Fotos wurden auf der ganzen Welt ausgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie Ihre Fotos als politisch?

Shabazz: Gewisse Aspekte meiner Fotos sind sehr politisch. Schon als Kind zog es mich zu Büchern und Magazinen, die sich mit Krieg und Ungerechtigkeit beschäftigten, vor allem mit dem Vietnamkrieg und den Demonstrationen, die damals auf der ganzen Welt stattfanden. Mir wurde klar, welche Auswirkung ein einziges Bild haben kann, dass es notwendig war, meine Kamera als Waffe gegen Krieg, Rassismus, Ungerechtigkeit und Armut einzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Fotos das erreichen?

Shabazz: Indem ich sie einem Publikum zugänglich mache, hoffe ich, solche Krisen zu erhellen und Mitgefühl zu wecken. Als der Irakkrieg ausbrach, bemühte ich mich, die Antikriegsdemonstrationen in ganz Amerika abzubilden.

SPIEGEL ONLINE: Wo finden Sie Ihre Motive?

Shabazz: Überall. Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, Passagiere im Bus und der U-Bahn, Liebespaare in Parks oder den Straßen. Ich schätze mich glücklich, in New York zu leben. Mit 8,6 Millionen Einwohnern gibt es da überall Motive.

SPIEGEL ONLINE: Doch ihr Schwerpunkt liegt auf dem afroamerikanischen Leben.

Shabazz: Schwarze Communities werden viel zu selten in positivem Licht gezeigt. Als betroffener Fotograf habe ich die Verantwortung, solche Stereotypen zu konterkarieren. Eines der Probleme, die die afroamerikanische Gemeinschaft plagen, sind zum Beispiel vaterlose Haushalte, doch auf meinen Reisen treffe ich zahlreiche engagierte afroamerikanische Väter, nicht nur mit ihren Kindern, auch mit ihren Familien.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos haben ein ganz persönlichen Stil. Wie ist der entstanden?

Shabazz: Was ich mache, ist nicht wirklich ein Stil, es ist eine Lebensart, die ich seit meinem 15. Lebensjahr gewählt habe. Ein Großteil meines Einflusses und meiner Inspiration kommt vom musikalischen Genie Marvin Gaye. Sein Album "What's Going On" gab den Ton an für das, was ich im Inneren fühlte. Ich wollte mit meinen Bildern erreichen, was Marvin mit seiner Musik machte, vor allem mit diesem Album. Darauf stellte Marvin zwei grundlegende Fragen: "What's Going On?" und "What's Happening Brother?" Dieselben Fragen stelle ich denen, die ich auf meinen vielen Reisen treffe.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Situation dieser Menschen über die Jahre verändert? Rassismus und Gentrifizierung sind ja so hartnäckig wie immer.

Shabazz: Ganz ehrlich, nichts hat sich wirklich verändert. Der Hass, den ich in den Achtzigern erlebte, der "Drogenkrieg" der Reagan-Ära, das alles besteht weiter. Durch das Internet und die sozialen Medien verbreiten sich diese Sachen sogar noch schneller und weiter durch die Welt, in Echtzeit.

Fotostrecke

16  Bilder
Fotograf Jamel Shabazz: In den Straßen New Yorks

SPIEGEL ONLINE: Wiederholt sich die Geschichte? Hat die amerikanische Gesellschaft überhaupt etwas dazugelernt?

Shabazz: Die Geschichte reflektiert die Mentalität des Landes, und soweit ich mich erinnern kann, war die immer so.

SPIEGEL ONLINE: Seit der Präsidentschaftswahl 2016 scheint das aber noch schlimmer geworden zu sein.

Shabazz: Die ganze Welt ist in Aufruhr. In Amerika herrscht ein neuer Bürgerkrieg, der sehr real und in ethnischer wie politischer Zugehörigkeit verwurzelt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht sich das in den Straßen bemerkbar, in denen Sie fotografieren?

Shabazz: Was ich am meisten bemerke, und zwar im ganzen Land, ist eine Zunahme von Hassverbrechen und Massenschießereien. Andererseits erheben in New York City viele Menschen aller Hautfarben täglich ihre Stimme, um gegen die derzeitige Regierung im Weißen Haus zu protestieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Werk Bestandteil dieses Widerstands?

Shabazz: Ich wurde mit dem Mantra erzogen: "Ich will für meinen Bruder, was ich für mich selbst will." Das allein ist ein Akt der Opposition in einer Welt, die nur trennen und herrschen will. Als besorgter Bürger kann ich nicht tatenlos zusehen, wie diese Welt langsam kaputtgeht. Kunst ist eine Sprache, die jeder versteht, und ich habe die Verantwortung, mein Talent zu nutzen, um Liebe und Harmonie wecken in einer Welt, die so voller Hass und Zwietracht ist. Und ich achte darauf, dass ich das jeden Tag mache, mit meinen diversen Social-Media-Posts.

SPIEGEL ONLINE: Social Media hat auch die Fotografie verändert. Wie empfinden Sie Instagram und andere Websites, die das Leben in einem endlosen Bilderstrom abbilden?

Shabazz: Ich begrüße das aus vollem Herzen. Wenn man das korrekt anwendet, kann man eine breite Plattform schaffen, um mitzuhelfen, ein besseres Verständnis der Menschheitsfamilie zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch "Sights in the City" besteht überwiegend aus Fotos, die zum ersten Mal veröffentlicht werden. Wie viele unveröffentlichte Bilder haben Sie eigentlich noch und was planen Sie mit denen?

Shabazz: Mein Fotoarchiv ist massiv. Ich habe Abertausende unveröffentlichte Bilder, sowohl Dias wie Negative, dazu kommt eine umfangreiche Menge digitaler Aufnahmen. Mein Ziel ist es, weiter Bücher zu veröffentlichen, außerdem plane ich Ausstellungen und hoffe, meine Archivbestände in wichtigen Museen und höheren Bildungseinrichtungen zu sehen.

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Jamel Shabazz:
Sights in the City: New York Street Photographs

Damiani Verlag, New York; 160 Seiten; Englisch



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