Gewalt gegen Frauen "Ich will Fehler der Polizei aufzeigen. Mit Nacktheit funktioniert das"

Belästigung, dann Schläge - da ruft man die Polizei. Doch was, wenn die nicht kommt? Mit einer provokanten Aktion prangert Jazmine Rose Phillips Polizei-Ignoranz an. Hier erklärt sie, wie es dazu kam.

Performance-Künstlerinnen Jazmine Rose Phillips (r.) und Kyah Dove
Sara Cowdell

Performance-Künstlerinnen Jazmine Rose Phillips (r.) und Kyah Dove

Ein Interview von Anke Richter, Christchurch


Zur Person
    Jazmine Rose Phillips, 26, ist Performance-Künstlerin und lebt in Auckland. Vergangenen Samstag protestierte sie gegen Polizei-Ignoranz gegenüber Frauen mit der Frage: "Müssen Frauen sterben, bevor die Polizei auf Gewalt reagiert?"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich eine Stunde lang nackt, mit Kunstblut verschmiert und mit zugeklebtem Mund in eine Geschäftspassage in Auckland gestellt. Warum?

Jazmine Rose Phillips: Das war unser Protest dagegen, dass unsere Polizei die Opfer von Gewalt oft im Stich lässt, gerade Frauen. Das habe ich selbst drei Wochen zuvor erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen passiert?

Phillips: Meine Freundin und ich kamen am 21. Januar nachts gegen halb elf auf der K-Road (eine beliebte Einkaufs- und Vergnügungsstraße in Auckland, Red.) vom Essen. Wir standen an einer Ecke, ich zeigte ihr den Mond und umarmte sie. Neben uns hielt ein Wagen. Der Mann darin machte krasse sexuelle Gesten in unsere Richtung. Es war ekelhaft. Ich schlug gegen das Autofenster, damit er aufhört. Er stieg aus und schlug mir heftig auf den Kopf. Er war sehr aggressiv, wir mussten davonrennen. Dann riefen wir die Nummer der Polizei an.

SPIEGEL ONLINE: Der Notruf wurde ignoriert?

Phillips: Niemand kam. Man sagte uns, die Videoüberwachung an dem Platz würde ausgewertet werden, aber nichts passierte. Meine Freundin ging daraufhin zur Wache und wurde wieder weggeschickt, weil ich nicht dabei war. Das fühlte sich einfach nur furchtbar für uns an. Ich dachte, ich packe das nicht, mich dieser Behandlung weiter auszusetzen. Aus der Wut darüber, wie vielen Frauen es weltweit so geht, entstand unsere Aktion.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte das Publikum bei der Aktion?

Phillips: Das war unglaublich: hundertprozentige Unterstützung. Leute kamen auf mich zu und dankten uns. Ein paar Frauen nahmen meine Hand, und ein älterer Mann kam und schaute mir in die Augen. Er brachte mich zum Weinen.

SPIEGEL ONLINE: Keinerlei Aggression?

Phillips: Ein paar Männer, die im Auto vorbeifuhren, fotografierten uns. Das fühlte sich deutlich anders an als die Männer, die vorbeiliefen, uns zunickten und dann ein Bild machten. Wenn man aus solcher Nähe mit unserem Anblick konfrontiert wird, kann man eigentlich nur betroffen reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es Ihnen dabei?

Phillips: Meine Hand kribbelte, weil ich Kyah Dove, meine Performance-Partnerin, so festhielt. Wut und Trauer kamen in mir hoch. Obwohl das eine Performance war, habe ich die ganze Last meines eigenen Traumas gespürt.

SPIEGEL ONLINE: War dies das Ziel Ihres Protests?

Phillips: Nein, es ging nicht nur um mich oder uns. Es ging um all die Dinge, die ich von Freundinnen und Müttern gehört habe. Etwa wenn sich die Polizei nicht um das Thema häusliche Gewalt kümmert. In einigen Fällen endete das mit schweren Verletzungen und dem Tod der Frauen. Und jedes Mal haben die Behörden nicht rechtzeitig reagiert. Das ist ein Fehler im System.

SPIEGEL ONLINE: Wussten die Betreiber der Geschäfte, vor denen sie standen, vorher Bescheid?

Phillips: Nein. Bei politischen Aktionen fragt man vorher nicht um Erlaubnis! Unsere Freunde waren da, um uns zu beschützen und zu filmen. Wir dachten, dass wir verhaften werden, vielleicht ein kleiner Artikel irgendwo darüber erscheint und die Polizei dann dumm dasteht.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen bekamen sie Reaktion aus der ganzen Welt, sogar aus Island. Diese Woche sind Sie schließlich doch zur Polizei gegangen.

Phillips: Nicht gegangen - man holte mich ab. Nach der Protestaktion bemühte sich die Polizei plötzlich. Gestern haben sie mich im Wagen von meiner Arbeit zur Wache chauffiert. Ich habe noch nie Anzeige erstattet. Es ist eine ziemlich unangenehme Erfahrung, selbst wenn man nicht vergewaltigt wurde. Es dauerte zwei Stunden, mit zwei Beamten in einem sterilen Raum, und ich musste alles immer und immer wieder erklären. Da fängt man an, an sich selbst zu zweifeln. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das nach einem schweren sexuellen Angriff gehen soll. Und dann verschwindet die Anzeige in einer Akte und wird meist nicht weiterverfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht riskant oder zynisch, sich auszuziehen, um auf Sexismus und Gewalt hinzuweisen?

Phillips: Ich habe eine klare Botschaft: die Fehler der Polizei aufzeigen und die Gewalt gegen Frauen. Mit Nacktheit funktioniert das. Nicht nur als Schockfaktor, es geht emotional unter die Haut. Mir gefällt es nicht, dass mein Körper als Frau politisch ist. Aber er ist es nun einmal.

SPIEGEL ONLINE: Die Polizei in Auckland will jetzt eine interne Untersuchung einleiten.

Phillips: Wenn sie wie versprochen mit mir daran arbeiten, dann will ich, dass sie sich anschauen, was mit ihrem System nicht stimmt. Um das klar zu sagen: Ich werde nicht dafür bezahlt, mich nackt auf die Straße zu stellen und darum zu bitten, dass sich die Polizei verbessert. Ich werde auch nicht dafür bezahlt, Interviews wie dieses zu führen. Die Polizei ist eine milliardenschwere Institution. Da ist es doch etwas schräg, dass ich plötzlich die Aufgabe übernehmen soll, denen ihre Schwächen zu zeigen? Das ist ihr Job.

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen seit der Anzeige besser?

Phillips: Es fühlt sich nicht befriedigend an. Ich wurde nur deshalb zur Wache gefahren und persönlich betreut, weil ich das Polizeiversagen publik gemacht habe. Das ist nicht okay. Mich haben Frauen kontaktiert, denen vom Ex-Partner eine Waffe an den Kopf gehalten wurde, und die Polizei hat sich nicht weiter gerührt, um das in Zukunft zu verhindern. Diese Frauen leben in Angst. Immerhin habe ich diese Angst nicht, weil mein Angreifer ein Fremder war.

SPIEGEL ONLINE: Kann er aufgrund Ihrer Aussage nun endlich geschnappt werden?

Phillips: Sein Nummernschild, das wir uns gemerkt haben, ist abgemeldet. Entweder fuhr er ein gestohlenes Auto - oder wir haben uns an dem Abend die Nummer nicht korrekt gemerkt, was in so einer Situation leicht passieren kann. Das ist dann allerdings mit fast einem Monat Zeitverzug auch nicht mehr so einfach zu rekonstruieren.



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