Jerusalem-Marathon Ein ziemlich schwieriges Rennen

Schon vor dem Start tobte die Debatte: Darf der Jerusalem-Marathon auch durch den arabischen Osten der Stadt führen? 2000 Polizisten standen an der Strecke, sicherten die 10.000 Läufer. Doch vielen in der Stadt ging es nicht um Sport - sondern einmal mehr um Politik.

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Elf Marathons ist Frank Hofmann aus Hamburg in seinem Leben gelaufen. Doch als er heute am Start in Jerusalem nochmals seine Laufschuhe fester schnürte, fühlte er sich so seltsam wie nie.

"Klar", sagt Frank Hofmann, "vor einem großen Rennen bin immer nervös. Aber heute dachte ich mir: Gibt es einen Verrückten, der es ausnutzt, dass hier gleich Tausende Menschen durch die Straßen laufen? Und bin ich vor einem Anschlag geschützt? Es war ein ganz schönes Gefühlschaos."

Hofmann, 48, ist Redakteur des Laufsportmagazins Runner's World. Er hatte sich für den Jerusalem Marathon etwas Besonderes einfallen lassen. Hofmann startete zusammen mit einem jüdischen und einem muslimischen Läufer, er selbst ist Christ.

Alle drei trugen ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "3 Religionen, 1 Gott". Die Vorstellung vom friedlichen nebeneinander der Religionen ist in Jerusalem eine recht romantische Idee. Die Realität sieht anders aus. Der Start des Marathons befand sich an der große Kreuzung vor der Knesset, dem israelischen Parlament. Nur einen Kilometer davon entfernt detonierte vor nicht einmal 48 Stunden eine zwei Kilogramm schwere Bombe.

Selten wurde ein Sportereignis so von der Politik instrumentalisiert

Der Sprengsatz explodierte vor dem zentralen Busbahnhof. Eine Frau wurde getötet, 39 Menschen verletzt. Es war der erste große Terroranschlag in Jerusalem seit drei Jahren. Noch bekannte sich niemand dazu. Fest steht aber: Die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern hat in den vergangenen Wochen wieder zugenommen.

Zuletzt trafen mehrere Raketen aus dem Gaza-Streifen israelische Städte, die israelische Armee antwortete mit Gegenangriffen. Die Bombe in Jerusalem explodierte nur ein paar Meter vom International Convention Center entfernt.

Dort trafen sich die Marathonläufer am Mittwoch um 15 Uhr zu einer Laufmesse. Nur 15 Minuten später passierte der Terroranschlag. Doch für die Organisatoren des ersten Marathons in Israels Hauptstadt war das alles kein Grund, das Event abzusagen. Durch das Beharren wurde noch deutlicher, wie politisch aufgeladen dieser Lauf war.

Schon einige Wochen vor dem Rennen entbrannte in Jerusalem ein heftiger Streit um den Marathon. Grund dafür war der Verlauf der 42,195 Kilometer langen Strecke. Sie führte nicht nur durch den israelischen Westteil Jerusalems, sondern auch durch den arabischen Osten. Beispielsweise kamen die Läufer durch das Viertel Sheik Jarrah, das größtenteils von Arabern bewohnt wird. Palästinenser fordern Ostjerusalem als Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staates ein. Für die Israelis ist der Osten allerdings Teil einer seit 1980 vereinigten Stadt.

Der Kampf um Jerusalem steht im Zentrum des Nahostkonflikts. Vor diesem Hintergrund ist ein Marathon durch die komplette Stadt nicht einfach nur ein ziemlich langes Rennen - sondern vor allem auch ein ziemlich schwieriges. Schon bei der Idee zu diesem Lauf muss den Verantwortlichen klar gewesen sein, welches Signal davon ausgehet. Selten wurde ein einzelnes Sportereignis von der Politik so instrumentalisiert.

"Wir haben keine Angst"

Und damit spiegelt sich in diesem Marathon auch die hoffnungslose Auseinandersetzung über eine geteilte Stadt wider. Die Strecke des Jerusalem Marathons führte am israelischen Museum vorbei, an historischen Stadttoren, der alten Stadtmauer, dem Theater, der Universität und dem Ölberg.

Über 10.000 Läufer gingen an diesem Morgen auf die Strecken, darunter rund 800 Sportler aus dem Ausland. Neben dem Marathonlauf gab es auch einen Halbmarathon und einen Zehnkilometerlauf. Auch 4000 Soldaten der israelischen Armee liefen mit. In voller Dienstkleidung und mit Maschinenpistolen um die Schulter holten sich die Militärs am Mittwoch ihre Startnummern im International Convention Center ab.

Für die Sicherheit beim Rennen waren aber andere zuständig. "Mehr als 2000 Polizisten werden an der Strecke sein", sagte Uri Menachem vor dem Rennen. Er ist Chef des städtischen Sportamts, das den Marathonlauf überwachte. "Wir haben keine Angst, wir können uns auf die Sicherheitsleute verlassen." Schon wenige Stunden nach dem Bombenattentat kehrten die Verantwortlichen in Jerusalem zur Tagesordnung zurück. Die Routine, mit der das Rennen durchgezogen wurde, wirkte mitunter bizarr.

Bei der Pressekonferenz einen Tag vor dem Lauf redete Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat schon wieder über das Wetter, die Temperaturen und die anstehende Nudelparty für die Läufer. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE äußerte er sich gelassen: "Wenn es irgendeine Stadt auf der Welt gibt, die weiß, wie man mit Terrorismus umgeht, dann sind das wir", sagte Barkat. An eine Absage des Rennens habe er nie gedacht. "Dass wir den Lauf trotz des Anschlags starten, ist die beste Medizin gegen Terroristen." Außerdem hätten sich nach dem Attentat keine Läufer von der Starterliste streichen lassen.

"Wir wollen den Läufern die ganze Schönheit Jerusalems zeigen"

Nir Barkat gönnte sich selbst gestern Abend eine Portion Nudeln. Der Politiker ist ein leidenschaftlicher Läufer und ging an diesem Freitag beim Halbmarathon an den Start. Barkat ist die Hauptperson hinter den Kulissen des Jerusalem Marathons, er hatte die Idee dazu, und er war letztlich auch für den Streckenverlauf verantwortlich.

Warum der Marathon nach Ostjerusalem führt? "Wir wollen den Läufern die ganze Schönheit Jerusalems zeigen", antwortete Barkat. Seit 2009 ist der Geschäftsmann und Computerspezialist Bürgermeister Jerusalems. Seitdem pocht er vehement auf die Fortsetzung des israelischen Siedlungsbaus im Osten. Vor einem Jahr bewilligte er den Bau von 1600 Wohnungen im palästinensischen Stadtteil.

Auf diesen Ort ständigen Streits platzierte Barkat nun seine Marathonkarawane. Linke Politiker des Jerusalemer Stadtrats, wie Meir Margalit von der Oppositionspartei Meretz, riefen zum Boykott des Sportevents auf.

"Ostjerusalem ist ein besetztes Gebiet, das nicht zu Israel gehört", sagt Margalit. "Wer dort einen Marathon veranstaltet, legitimiert nicht nur die Besatzung und spielt sie herunter. Er verstößt damit auch gegen internationales Recht." Ostjerusalem wurde von Israel im Sechstagekrieg 1967 eingenommen und annektiert. Die Internationale Staatengemeinschaft hat das nie anerkannt. Margalit setze sich in den vergangenen Wochen immer wieder für eine Verlegung der Marathonroute ein. Er schrieb Briefe an den deutschen Botschafter in Tel Aviv, Harald Kindermann, und auch an das Außenministerium in Berlin.

Beide Briefe blieben unbeantwortet. Auch Erich Stamminger, Vorstandsmitglied bei Adidas und zuständig für Global Brands, bekam im Dezember 2010 Post von Meir Margalit aus Israel. Adidas trat beim Jerusalem Marathon als Hauptsponsor auf. Margalit bat Stamminger, sich für eine Streckenänderung stark zu machen. In seinem Antwortschreiben ließ der Manager wissen, dass Adidas "keine politischen Prozesse beeinflusst" und sich "nur darauf konzentriert, die Wünsche der Marathonläufer zu befriedigen".

"An der Strecke war alles ruhig"

Außerdem wies Stamminger noch darauf hin, dass das Unternehmen "überzeugt von der vereinigenden Kraft des Sports" ist. Mitte März schickte der Stadtrat Margalit einen weiteren Brief nach Herzogenaurach und forderte den Sportartikelhersteller auf, lediglich als Sponsor für die Strecke in Westjerusalem aufzutreten. Ansonsten unterstütze Adidas direkt die Besatzung Ostjerusalems, schrieb der Politiker. Eine Antwort erhielt er diesmal nicht mehr.

An dem Verlauf der Marathonstrecke änderte sich letztlich nichts. Am Ende blieb Meir Margalit nichts anderes übrig, als heute mit einem Transparent an der Grenze zu Ostjerusalem zu stehen. Zusammen mit Friedensaktivisten demonstrierte er gegen den Marathonlauf.

Frank Hofmann, der Marathonläufer aus Hamburg, kam nach vier Stunden und 22 Minuten ins Ziel. Müde von dem hügeligen Kurs und erleichtert. "An der Strecke war alles ruhig, auch im Ostteil", sagte Hofmann. "Aber es war schon komisch, gemeinsam mit so vielen Soldaten zu laufen." Sein Wunsch, zusammen mit der jüdischen Läuferin und dem muslimischen Läufer ins Ziel zu kommen, ging nicht in Erfüllung. Das Trio wurde unterwegs auseinander gerissen.



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