Der Jesuitenorden: Intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche

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Er ist der erste Papst aus den Reihen der Jesuiten: Franziskus trat dem weltgrößten Männerorden mit 21 Jahren bei. Der Argentinier gelobte damit, arm und keusch zu leben. Was steckt hinter der Organisation, die 1534 in Paris gegründet wurde?

Rom/Buenos Aires - Offiziell heißt er Societas Jesu (zu Deutsch: Gesellschaft Jesu) - der weltgrößte Männerorden, dessen Mitglied der neue Heilige Vater ist. Mit Franziskus steht nun erstmals ein Pontifex der katholischen Kirche vor, der aus den Reihen der Jesuiten kommt.

Jorge Mario Bergoglio trat dem Orden im Jahr 1958 bei, da war der Argentinier gerade 21 Jahre alt. Damit gelobte der junge Mann, arm und keusch zu leben. Er wurde Mitglied in einem Orden, der vor allem in der Seelsorge, Bildungsarbeit und Entwicklungshilfe aktiv ist.

Die wichtigsten Antworten zum Jesuitenorden im Überblick:

  • Wie leben die Jesuiten? Obwohl sie streng hierarchisch organisiert sind, leben die Jesuiten nicht in Klöstern, sondern in offenen Häusern und Kollegien. Sie unterrichten zum Beispiel an Hochschulen. Die Mitglieder des Ordens gelten als intellektuelle Speerspitze der katholischen Kirche, sie sind bekannt für anspruchsvolle Predigten. Bildung, Missionierung, Spiritualität und Sorge um die Armen gehören zu den Aufgaben des Ordens. Im Unterschied zu anderen Orden verzichten die Jesuiten auf eine eigene Ordenstracht.
  • Welche Ausbildung absolvieren sie? Der Orden stellt an seine Mitglieder hohe Anforderungen: Jesuiten machen eine theologische und philosophische Ausbildung. Mitglieder nennen sich zunächst Novizen und während ihrer wissenschaftlichen Ausbildung Scholastiker. Nach zehnjähriger Ausbildung werden sie sogenannte Koadjutoren und legen ein Keuschheits-, Armuts- und Gehorsamsgelübde ab. Nach 17 Jahren folgt die Stufe der Professen. Geistliche Koadjutoren und Professen sind zugleich Priester.

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Papst Franziskus: Der stille Jesuit aus Buenos Aires

  • Woher stammt die "Gesellschaft Jesu"? Gegründet wurde der Jesuitenorden am 15. August 1534 in Paris. Initiatoren waren der Heilige Ignatius von Loyola und einige seiner Studiengefährten. Die Jesuiten wollten damals in Palästina missionieren, wohin sie jedoch nicht gelangten. Deshalb ließen sie sich in Rom nieder, wo Papst Paul III. die Gemeinschaft am 27. September 1540 anerkannte. Schwerpunkt der Arbeit der Jesuiten wurde schnell der Unterricht in Schulen. Binnen weniger Jahrzehnte waren sie nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa aktiv. Hauptanliegen des Jesuitenordens war die innere Erneuerung der katholischen Kirche und ihrer Geistlichen. Dem dienen die "Geistlichen Übungen", 30-tägige Exerzitien in großer Stille zur Einübung in die Glaubensgeheimnisse.
  • Welche Rolle spielten sie? In der Gegenreformation gründeten die Jesuiten zahlreiche Ordenshäuser in protestantisch gewordenen Regionen. Im 17. und 18. Jahrhundert gerieten die Jesuiten in Europa zunehmend unter Druck. Vor allem unter Vertretern der Aufklärung gab es Verschwörungstheorien. Den Jesuiten wurde zudem vorgeworfen, sich in politische Fragen einzumischen. Vielen Herrschern war der Orden zu mächtig geworden. Im Jahr 1759 wurde er in Portugal, wenig später auch in Frankreich und Spanien verboten. Dem Druck beugte sich schließlich auch Papst Clemens XIV. und löste die Organisation am 21. August 1773 auf, was nur in Preußen und Russland nicht anerkannt wurde. Am 7. August 1814 ließ Papst Pius VII. den Orden wieder zu.
  • Welche Bedeutung haben die Jesuiten heute in der Kirche? Der Orden wurde in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem deshalb zurückgedrängt, weil er sich für eine politisch offensivere Armutsbekämpfung einsetzte.
  • Wie viele Mitglieder hat die Organisation? Nach eigenen Angaben haben die Jesuiten gut 17.600 Mitglieder, darunter mehr als 12.500 Priester. Der Orden ist weltweit in 89 Provinzen oder Regionen aufgeteilt. Die Organisation gibt an, seine Mitgliederzahlen in Asien und Afrika zu steigern, während sie in Lateinamerika stagnierten, in Europa und Nordamerika aber zurückgingen. Für die deutsche Provinz, zu der auch Dänemark und Schweden gehören, werden knapp 400 Ordensbrüder angegeben, für Österreich fast 80, für die Schweiz rund 65. Wie in vielen katholischen Ordensgemeinschaften mangelt es auch den Jesuiten in Deutschland an Nachwuchs: 1967 waren es noch 1200 Männer, heute zählt der Orden nur noch wenige hundert.
  • Welche Einrichtungen betreiben sie? In Rom sind die Jesuiten Träger der bekannten Päpstlichen Universität Gregoriana, in Deutschland betreiben sie zwei Hochschulen in der Nähe von Frankfurt am Main und in München sowie drei Gymnasien in Berlin, St. Blasien und Bonn.
  • Wer sind bekannte Jesuiten? Das derzeit in der Welt bekannteste Mitglied nach dem neuen Papst dürfte der vatikanische Pressesprecher Federico Lombardi sein. In Deutschland gehörte etwa der CDU-Politiker Heiner Geißler dem Orden an. Zu den bekanntesten Jesuiten des 20. Jahrhunderts gehören der Konzilstheologe Karl Rahner und Hugo Lassalle, der den Zen-Buddhismus mit der christlichen Mystik verbinden wollte.

heb/dpa/AFP

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1.
luxaeterna 14.03.2013
Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleich gestellte Werke des allmächtigen Schöpfers - unsere Brüder. Franz von Assisi (1182 - 1226), eigentlich Giovanni Bernadone, katholischer Heiliger, Stifter des Franziskanerordens Es lebe der neue Papst
2. Geißler ist kein Jesuit
noalk 14.03.2013
Heiner Geißler war als Student lediglich für wenige Jahre als Novize im Orden, nahm aber von der endgültigen Aufnahme Abstand. Im übrigen ist er verheiratet und hat Kinder, für einen Jesuiten schlichtweg eine Unmöglichkeit. Mal wieder miserabel recherchiert.
3. Geißler ist kein Jesuit
noalk 14.03.2013
Heiner Geißler war als Student lediglich für wenige Jahre als Novize im Orden, nahm aber von der endgültigen Aufnahme Abstand. Im übrigen ist er verheiratet und hat Kinder, für einen Jesuiten schlichtweg eine Unmöglichkeit. Mal wieder miserabel recherchiert.
4. Korea ...
slaritbartfass 14.03.2013
Diese Fotos erinnern irgendwie an die organisierte Massenhysterie in Nord Korea ... nur das es sich in Rom um Menschen handelt welche nicht politisch sondern religiös manipuliert wurden ...
5. 4 mal papst
FunKuchen 14.03.2013
Ich frage mich, warum bei spiegel online die obersten vier großen Überschriften und die zugehörigen Artikel dem Papst gewidmet sind. So viel Aufmerksamkeit bekommen hier nicht einmal neue Bundeskanzler oder -präsidenten. Mal davon abgesehen denke ich, dass die meisten Leute diese Botschaft wohl eher als Randnotiz aufnehmen werden, denn
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