Fall Jimmy Savile: Missbrauchsvorwürfe auch gegen Ärzte

Jimmy Savile war für seine Spenden an Krankenhäuser bekannt - doch auch dort soll er sich an Kindern vergangen haben. Nun verdichten sich Hinweise, dass er nicht allein handelte: Mehrere Ärzte stehen unter Missbrauchsverdacht, sie hatten offenbar Kontakt zum BBC-Moderator.

Verstorbener Kult-Moderator: Der Missbrauchsskandal um Jimmy Savile Fotos
Getty Images

Hamburg - Zu unglaublich scheint es, dass sich Jimmy Savile über Jahrzehnte hinweg unbemerkt an Kindern vergehen konnte. Dass niemand etwas mitbekommen haben soll von den Übergriffen auf Minderjährige, auf dem BBC-Gelände, in Krankenhäusern und Heimen. Die britische Polizei spricht von 300 möglichen Opfern. Die zentrale Frage ist: Wer wusste wann was?

Zunächst gab die britische Rundfunkanstalt bekannt, dass auch gegen neun aktuelle und ehemalige BBC-Mitarbeiter Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und Belästigung erhoben wurden. Nun berichtet der "Guardian", dass die Ermittler im Fall Savile mindestens drei Ärzte verdächtigen, sich an Kindern vergangen zu haben - in Krankenhäusern, zu denen Savile enge Verbindungen pflegte und in denen auch er Minderjährige missbraucht haben soll.

Savile war für sein soziales Engagement bekannt, er spendete 40 Millionen Pfund an Schulen und Krankenhäuser, in einigen Einrichtungen arbeitete er als Freiwilliger. Er hatte ein Büro und Wohnräume im Broadmoor-Krankenhaus in Berkshire; ein Schlafzimmer in Stoke Mandeville bei Aylesbury; zudem wurde ihm im Krankenhaus Leeds "freier Lauf gelassen", wie der "Guardian" berichtet.

In Stoke Mandeville soll Savile auch Kontakt zu Michael Salmon gehabt haben. Der Mediziner wurde dem Zeitungsbericht zufolge 1990 zu drei Jahren Haft verurteilt: Ein Gericht hatte ihn der sexuellen Nötigung dreier minderjähriger Mädchen schuldig gesprochen. Einst soll Prinzessin Diana ihn dafür gelobt haben, behinderten Kindern eine Reise ins Disneyland Florida zu ermöglichen.

An der einstigen Arbeitsstätte von Salmon soll Savile so präsent gewesen sein, dass jeder Arzt im Krankenhaus ihn gekannt habe, zitiert die Zeitung einen seiner ehemaligen Kollegen: "Savile kam einfach regelmäßig in die Krankenstation, ich habe dabei nie ein Problem gesehen." Nun, wo die Vorwürfe gegen Savile bekannt sind, sei er geschockt.

Was wusste Thompson?

Inzwischen ist die Missbrauchsaffäre auch Thema in den USA: Im November tritt Mark Thompson seinen Posten als Geschäftsführer bei der "New York Times" an, Amerikas bekanntestem Zeitungshaus. Die Personalie ist deshalb von Bedeutung, weil Thompson noch bis vor wenigen Wochen Chef der BBC war - und der britische Sender sich derzeit mit heftigen Vorwürfen konfrontiert sieht.

Zum einen soll der Missbrauch in mehreren Fällen auf dem Gelände des Senders passiert sein. Zum anderen wurde ein eigener Beitrag über die Verdächtigungen gegen Savile monatelang unter Verschluss gehalten: Ein im November 2011 gedrehter Film wurde erst jetzt ausgestrahlt - nachdem der private Sender ITV am 3. Oktober ein Stück über den Pädophilen Savile gesendet hatte.

Seit 2004 war Thompson BBC-Chef. Er war also nicht im Amt, als Savile die Taten begangen haben soll. Wohl aber, als Savile im vergangenen Oktober starb und der kritische Beitrag über ihn hätte gesendet werden sollen. Doch stattdessen wurden Tribute gezeigt. Savile blieb vorerst Star des Senders, kein Pädophiler.

Thompson betonte in den vergangenen Wochen wiederholt, er habe weder vom Inhalt des kritischen BBC-Beitrags, noch von den Vorwürfen gegen Savile etwas gewusst. Zudem habe er mit dem vorläufigen Sendestopp nichts zu tun.

Und so stellt sich auch der neue Arbeitgeber hinter Thompson. "Er genießt das Vertrauen des Managements", zitiert die Zeitung "The Washington Post" Robert Christie, den Sprecher der "Times". Es gebe keine Beweise, dass Thompson etwas von den Vorwürfen gegen Savile gewusst habe.

aar

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1. 10 Millionen Menschen
dorok 25.10.2012
Und wieder wird alles dafür getan werden, hieraus einen „bestürzenden Ausnahmefall“ zu machen, der mit dem Rest der Welt (anderen Ländern, anderen Medien, anderen Ärzten, anderen potenten „Wohltätern“, usw.) nichts zu tun hat. Es gibt viele Saviles – überall. Und es gibt viele Salmons, Thompsons und BBCs. Überall. Nicht nur in England. Und überall wird weggesehen, totgeschwiegen, vertuscht, Ruf geschützt, Geld genommen, unter Verschluss gehalten, nicht gesendet oder veröffentlicht, gegenseitig die Stange gehalten, Tätern freier Lauf gelassen. Katholische und evangelische Kirche, Boy Scouts USA, Odenwaldschule, Deutscher Olympischer Sportbund, Eisenbahnerverein, Deutsches Rotes Kreuz, Jugendschutzeinrichtungen. Pfarrer, Polizisten, Richter, Lehrer, Soldaten, taz-Mitbegründer, Sozialpädagogen, Jugendfreizeitbegleiter, Kinderschützer, Fahrlehrer, Therapeuten, weltbekannte Klavierlehrer, berühmte Künstler, Politiker, Behindertenbetreuer, Pfleger und immer wieder Väter, Großväter, Stiefväter, Pflegeväter, Brüder, Onkel, Nachbarn. Wie viele „bestürzende Ausnahmefälle“ braucht es eigentlich noch, bis endlich eingeräumt wird, dass hier etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt?? Wann wird endlich offen ausgesprochen, dass wir es schon längst mit einer Pandemie (was die Verbreitung und das Ausmaß betrifft) zu tun haben? 12,6 Prozent der Bundesbevölkerung haben sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend erfahren, 1,9 Prozent davon sogar „schweren“ (Häuser-Studie, 2011). Das sind mehr als 10 Millionen Menschen. Zu viele „bestürzende Ausnahmefälle“. Es wird Zeit, dass endlich hingesehen wird.
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