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Präsentation auf Frankfurter Buchmesse: Das Kachelmanöver

Von , Frankfurt am Main

Miriam und Jörg Kachelmann rechnen in ihrem Buch ab - mit der Justiz, den Medien und vor allem der Ex-Geliebten des Moderators. Auf der Frankfurter Buchmesse hat das Ehepaar nun sein Werk präsentiert - und einen bemerkenswerten Auftritt hingelegt.

dapd

Jörg Kachelmann hat zwei Drohungen wahrgemacht, seit er die Zelle 1328 des U-Haft-Trakts der Justizvollzugsanstalt Mannheim verlassen hat. Erstens hat er in seinem Buch "Recht und Gerechtigkeit" mit all denen abgerechnet, die ihn seiner Auffassung nach ins Gefängnis gebracht haben - und ihn dort am liebsten weiterhin schmoren sähen. Zweitens will er den "kriminellen Frauen von 2010/2011 keine zweite Chance" geben, ihn durch weitere Vorwürfe erneut zum Opfer zu machen, wie er schreibt. Heißt: Ihn gibt es nur noch in Gesellschaft seiner "Gemahlinnenzeugin", wie er seine Ehefrau Miriam nennt.

Auf der Frankfurter Buchmesse frönten am Freitag beide ihrer erklärten Mission: dem Kampf für Gerechtigkeit. Strahlend stolperten sie aufs Podium zur Pressekonferenz im Raum "Facette" in Halle 3. Sie im weißen Blazer, die schwarze Bluse darunter tief dekolletiert, die dichten, dunklen Locken auf die rechte Schulterseite drapiert. Er in anthrazitfarbenem Jackett mit Erdkundelehrer-Brille und Stoppelbart.

Sie sind ein Paar, das man sich in der Freizeit gut in identischen, atmungsaktiven Funktionsjacken vorstellen kann. Für den Auftritt vor der Presse beschränkt sich der Partnerlook auf einen Ehering jeweils links und ein schwarzes Heiligen-Armband aus Holz jeweils rechts. Als die Pressedame vom "gewaltigen Medienecho" spricht, das das Buch in den letzten Tagen ausgelöst habe, kichern beide.

Sie war das treueste "Lausemädchen"

Neben die Kachelmanns setzt sich Verleger Ulrich Genzler, ein Karl-Valentin-Double mit Segelohren und Intellektuellenbrille, der erklärt, warum das Buch des Ehepaars wichtig ist: Es zeige exemplarisch, wie weit Recht und Unrecht auseinander lägen. Den Namen der Ex-Geliebten Claudia D., die ihn der Vergewaltigung beschuldigt hat, habe man ausgeschrieben, weil sie durch von Fotostrecken begleiteten Interviews selbst auf ihre Anonymität verzichtet habe. Miriam und Jörg Kachelmann lauschen andächtig.

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"Recht und Gerechtigkeit": Die Kachelmanns auf der Frankfurter Buchmesse
40.000 Exemplare des Buches wurden bislang ausgeliefert, sie dürfen noch ungeschwärzt verkauft werden. Ende nächster Woche sollen die korrigierten Exemplare vertrieben werden. Während darüber gesprochen wird, stehen die Anwälte von Claudia D. vor der Tür, weil ihnen der Zutritt verwehrt wurde.

Zum Warming-up stellt Genzler steife Fragen, Miriam Kachelmann antwortet mit angenehm tiefer Stimme, wählt ihre Worte überlegt aus. "Hier geht es um ein generelles Problem", erklärt die 26-Jährige. Sie ist mehr als Co-Autorin, sie ist laut Klappentext ausgebildete Bühnendarstellerin, Psychologiestudentin. Und sie ist die einzige Frau aus der Riege der "Luusmaitli", der Lausemädchen, die Kachelmann parallel beehrte, die zu ihm hielt. Sie war dabei, als er am 20. März 2010 am Frankfurter Flughafen festgenommen wurde.

"Haben Sie das Buch gelesen?"

Ja, er hätte abtauchen können, das wäre "bequemer und einfacher" gewesen, sagt Jörg Kachelmann. "Allerdings!", haucht seine Ehefrau, beide lächeln vor sich hin. Er bedankt sich artig beim Verlagschef für seinen Mut, das Buch gemacht zu haben. Man wolle damit weg vom Einzelfall, es gehe um "die vielen Opfer, denen Ungerechtigkeit widerfährt", sagt der Wettermoderator und erhebt seine Stimme: "Ich will, dass jeder Vergewaltiger in den Knast kommt!"

"Es ist wunderschön, Sie zu sehen, Herr Kachelmann!", sagt ein Journalist, bevor er seine Frage formuliert. Gelächter im Raum. Jörg Kachelmann grinst gequält. "Geben Sie Claudia D. mit ihrem Buch eine Bühne?", will der Reporter wissen. "Haben Sie das Buch gelesen?", fragt Jörg Kachelmann zurück. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass er und seine Gattin sich in die Strategie mit der Gegenfrage flüchten.

Es gehe nicht um Claudia D., betont der Meteorologe. Sie sei "nicht wichtig". Warum er sie dann namentlich nenne, will ein anderer Journalist wissen. Alle, die "bekannt und berühmt" seien durch Fotostrecken in der "Bunten", würden eben genannt.

"Es ist kein Armer-Kachelmann-Jammer-Buch", sagt Jörg Kachelmann über sein mit viel Pathos und Wut verfasstes 384-Seiten-Werk, in dem alle Beteiligten ordentlich abgewatscht werden - außer seiner Mutter, seinen Söhnen, Miriam und seinen letzten Verteidigern.

"Die Buben hier vorne"

Er sei nicht stolz auf sein unstetes Leben, schreibt Jörg Kachelmann. Und er wolle es nun besser machen. "Glauben Sie, Frau Kachelmann, dass er Ihnen treu bleibt?", fragt ein Reporter und erntet Gelächter, in das selbst Kachelmann einstimmt. "Darauf werde ich Ihnen keine Antwort geben", sagt Miriam Kachelmann schmallippig.

In seinem Buch schreibt Jörg Kachelmann, er habe im Sommer 2010 den Vornamen seiner jetzigen Frau mit Kugelschreiber auf die linke Wand neben dem Kleiderschrank in seiner Gefängniszelle gekritzelt. Tage später ergänzte er ihn demnach um drei weitere Buchstaben: "Nur Miriam", stand dort schließlich. Monate darauf wurde sie zu seiner "Verteidigerin für den Rest der Welt".

Und so sitzt sie nun neben ihm und fällt einer ARD-Reporterin ins Wort. Die Journalistin entgegnet: "Kann ich mal ausreden?" Miriam Kachelmann verstummt und setzt anschließend zur Beantwortung der Frage an, die Reporterin unterbricht: "Die Frage war an Herrn Kachelmann gerichtet." Miriam Kachelmann schaut verdutzt. Ihr Ehemann macht den Kavalier, frotzelt, das sei "Teil der Emanzipation", dass die Frage auch seine Frau beantworten könne und tröstet die Journalistin: "Wenn es Ihnen nicht gefällt, was sie sagt, kann ich ja noch was sagen." Miriam Kachelmann wahrt mühsam die Fassung, sagt kopfschüttelnd in Richtung ARD-Frau: "Unglaublich."

Mit fortschreitender Zeit scheint sich Jörg Kachelmann an das klickende Geknatter der Fotoapparate zu gewöhnen, es gar zu genießen, er scherzt mit Schweizer Charme und geriert sich fast kumpelhaft gegenüber einigen Journalisten, während seine Frau sich immer weiter zurücklehnt auf dem Stuhl, als würde sie die Sekunden zählen, bis es endlich vorbei ist.

Jörg Kachelmann schäkert ausgiebig mit den Fotografen, die sich zu Prozesszeiten fast auf die Kühlerhaube des Autos legten, mit dem Kachelmann davon chauffiert wurde. Er nennt sie "die Buben hier vorne". Es klickt und blitzt, Einzelporträts sind gewünscht. Von Jörg Kachelmann. Er lächelt, lacht, blickt ernst, nachdenklich, grinst. Seine Frau verlässt derweil die Bühne.

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