Vom Nazi zum Pastor: Die Verwandlung des Johannes Kneifel

Von , Elstal

Mit 17 schlug Johannes Kneifel einen Mann so brutal zusammen, dass er starb. Im Gefängnis wandelte sich der Neonazi zum Christen, bald wird er Pastor sein. Doch plötzlich kommt die Vergangenheit zurück in sein Leben.

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Thorsten Wulff

Johannes Kneifel: Früher Neonazi, heute auf dem Weg zum Pastor

Manchmal, wenn er irgendwo öffentlich aufgetreten ist, bekommt er böse Briefe. "Ich wünsche Dir, dass Du Dein Leben lang Alpträume hast", heißt es in einer Facebook-Nachricht. Johannes Kneifel wirkt ruhig, als er davon erzählt. Der 30-Jährige sitzt in einem Café in Elstal, einer alten Eisenbahnersiedlung vor den Toren Berlins. "Von der Tat", sagt Kneifel, "habe ich nie geträumt."

13 Jahre liegt die Tat zurück, doch sie bestimmt sein Leben noch immer. Damals trug er Stahlkappenstiefel. Heute trägt er weiße Turnschuhe, weißes T-Shirt und die rotblonden Haare kurz geschnitten. Damals war er ein gewaltbereiter Neonazi. Heute steht er kurz vor dem Abschluss seines Theologie-Studiums. "Ich bin dankbar für diese zweite Chance", sagt Kneifel.

Am 9. August 1999 betrank sich der damals 17-Jährige mit einem Kumpel auf einem Spielplatz in Eschede. Dann marschierten die beiden Neonazis zur Sozialwohnung von Peter Deutschmann. Der 44-Jährige wurde im Ort "Hippie" genannt, er hatte Kneifels Freund wegen dessen rechter Gesinnung kritisiert. Dafür wollten sie ihm einen Denkzettel verpassen. Als sie ankamen, sahen sie durchs Fenster den Fernseher laufen, doch die Tür wurde ihnen nicht geöffnet. Also trat Johannes Kneifel die Tür ein.

Drinnen diskutierten sie kurz, dann schlug Kneifel zu. Als sein Opfer am Boden lag, trat er mit seinen schweren Stiefeln nach ihm. Bevor die Neonazis verschwanden, zerstörten sie noch das Telefon. Peter Deutschmann blieb blutend zurück. Er starb im Krankenhaus. Johannes Kneifel wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Jugendhaft verurteilt.

Im Gefängnis wandelte sich Kneifel vom Neonazi zum Christen. Er ist seit acht Jahren ein freier Mann. Er sagt, er habe sich seither nichts zuschulden kommen lassen, spricht auf Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus. Er muss akzeptieren, dass manche an seinem Wandel zweifeln, dass sie seine Tat nicht vergessen wollen. Während er sich als Geläuterter in der Öffentlichkeit präsentiert, gibt es in Eschede noch immer keine Gedenktafel für sein Opfer.

Über seinen Wandel hat er nun ein Buch geschrieben. Es wäre ein guter Abschluss der Geschichte gewesen. Doch dann, das letzte Kapitel war eigentlich schon fertig, kam ein Anruf, der Kneifel in die Vergangenheit zurückwarf, ihn zweifeln ließ an der Schwere seiner Schuld. Seither sagt er: "Nach derzeitigem Stand kann ich nicht mehr davon ausgehen, dass ich ein Menschenleben auf dem Gewissen habe."

"Du Krüppel"

Johannes Kneifel wurde 1982 in Celle geboren. Er hatte, wie er selbst sagt, eine "beschissene Kindheit". Seine Mutter leidet schwer an Multipler Sklerose, sein Vater ist fast blind. Als die Familie von Celle nach Eschede zog, verlor Kneifel Senior seine Arbeit. Johannes ging damals noch zur Grundschule, er schämte sich für seine billige Kleidung und für die Hilfsbedürftigkeit seiner Eltern. Zu Hause blieben viele Dinge unausgesprochen, er fühlte sich allein.

Er fing an zu zündeln und zu klauen. Mit 14 begann er zu trinken, häufig bis zur Besinnungslosigkeit. Seinen Vater beschimpfte er als Versager, seine Mutter als Krüppel. Als seine Schwester von zu Hause weglief, wurde das Jugendamt auf die Familie aufmerksam. Kneifel kam wegen seiner Verhaltensauffälligkeit zwei Monate in eine Jugendpsychiatrie.

Der Bruch mit seinen Eltern war danach nicht mehr zu kitten. Kneifel lernte Skinheads kennen, rutschte ab in die rechte Szene. Die Kameraden gaben ihm das Gefühl, etwas Besseres zu sein. Seine Schwester kam zu einer Pflegefamilie, Johannes auf ein Internat in Elze, einem Ort rund hundert Kilometer von Eschede entfernt.

Jedes zweite Wochenende fuhr der Teenager zurück nach Hause. Doch Kneifel verbrachte die Zeit in Eschede nicht mit seinen Eltern, sondern mit seinen Nazi-Freunden. Wenn sie gemeinsam unterwegs waren, gab es häufig Ärger. Er sei von Freitagmittag bis Sonntag sturzbetrunken gewesen, so Kneifel. Im August 1999 schickte ihn das Jugendamt in ein Ferienlager nach Dänemark. Einen Tag nach seiner Rückkehr betrank er sich mit seinem Kumpel - und machte sich auf den Weg zur Wohnung von Peter Deutschmann.

Ihre Nächstenliebe beeindruckte ihn

Johannes Kneifel am Theologischen Seminar Elstal: "Ich bin dankbar" Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Johannes Kneifel am Theologischen Seminar Elstal: "Ich bin dankbar"

Im Gefängnis konnte Kneifel ausländischen Jugendlichen nicht aus dem Weg gehen. "Aber was draußen war, zählte im Knast nicht", erinnert er sich. Er fand keinen Draht zu rechten Inhaftierten, freundete sich stattdessen mit Ausländern an. Sein Weltbild begann zu bröckeln. Doch auch im Gefängnis schlug Kneifel zu. Er sagt, er habe es aus Selbstschutz getan. "Im Gefängnis darf man keine Schwäche zeigen, sonst ist man schnell ein Opfer." Er flog aus Gruppentherapien und wurde mehrfach in Einzelhaft verlegt.

Doch Kneifel machte auch Fortschritte: Er absolvierte eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker, besuchte Gottesdienste. Christen, die zu Besuch kamen, beeindruckten ihn mit ihrer Nächstenliebe - weil sie selbst ihm offen begegneten, dem Totschläger. Er musste erst lernen, Emotionen zuzulassen. "Ich kannte kein Mitgefühl", sagt er heute.

Zwei neue Anzeigen im Gefängnis ließen seine Hoffnung auf eine Entlassung schwinden. In dieser Phase, nach vier Jahren hinter Gittern, erschien ihm seine Lage aussichtslos. Kneifel war mit seiner Kraft am Ende und wandte sich an Gott. Es sei ihm bis dahin nicht möglich gewesen, sich selbst seine tiefe Schuld einzugestehen, schreibt er in seinem Buch. Stets habe er anderen die Schuld an seinen Fehlern gegeben. "Jetzt erst kann ich mir selbst und vor Gott alles eingestehen, was ich getan habe. Und erst indem ich das tue, kann ich wirkliche Reue empfinden. Ich spüre, wie schuldig ich geworden bin und wie sehr diese Schuld auf mir lastet", erinnert er sich an jene Momente in seiner Zelle. Er beschloss, sein Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Die zwei Gerichtsverhandlungen gingen glimpflich aus, dank einer guten Sozialprognose kam Kneifel schließlich 60 Tage vorzeitig frei.

Nach seiner Entlassung fand er Anschluss bei einer Freikirche in der Nähe von Hameln. Er arbeitete in Jugendgruppen, holte sein Fachabitur nach und entschloss sich, Pastor zu werden. Seit 2006 studiert er am theologischen Seminar in Elstal, zum Abschluss fehlt ihm nur noch die Masterarbeit.

"Es lässt mir keine Ruhe"

Im Frühjahr wurde eine TV-Dokumentation über seine Geschichte ausgestrahlt. Im Anschluss habe sich ein Mann bei ihm gemeldet, so Kneifel. Der Anrufer war nach eigenen Angaben Augenzeuge in jener verhängnisvollen Nacht im August 1999 - und er erzählte laut Kneifel eine ganz neue Version. Peter Deutschmann sei ansprechbar gewesen, als die Rettungssanitäter in seiner Wohnung eingetroffen seien. Er habe sich sogar selbst das Blut abgewaschen. Im Krankenhaus sei er dann mit einem Arzt derart in Streit geraten, dass der Mediziner ihn nicht behandelt habe. Die Prügelverletzungen seien, so behauptet der angebliche Zeuge, normalerweise nicht tödlich gewesen. Deutschmann sei gestorben, weil er zu spät behandelt worden sein soll.

Wahr oder falsch - der Anruf wühlte Kneifel jedenfalls auf. War er vielleicht doch nicht allein für den Tod von Peter Deutschmann verantwortlich? Zumindest Kneifel hält die Schilderung des Anrufers für glaubwürdig. Er kennt dessen Identität, doch sie soll nicht öffentlich gemacht werden. Auch für SPIEGEL ONLINE war die Person nicht zu sprechen. Die Person wäre wohl bereit, die Angaben vor Gericht zu wiederholen, sagt Kneifel.

Er weiß: Die Vorgänge liegen lange zurück, die Behauptungen lassen sich kaum belegen. Er will es trotzdem probieren. Er sei es sich selbst schuldig, so Kneifel. "Ich war der böse Nazi, niemand hat sich damals für mich eingesetzt", sagt er. "Ich behaupte nicht, dass ich unschuldig bin. Aber vielleicht hätte ich nicht für fünf Jahre ins Gefängnis kommen dürfen."

Kneifel will den Fall neu aufrollen lassen - auch wenn Eschede und die Angehörigen dann erneut mit der Tat konfrontiert werden müssten. Dass Peter Deutschmann eine Tochter hatte, erfuhr er angeblich erst durch die TV-Dokumentation. Die Frau will bis heute nicht mit ihm sprechen.

Sein Vorgehen wird einige Menschen wütend machen. Kneifel kann mit seiner Schuld leben, damit kommen nicht alle klar. Jemand wie er müsse doch von seiner Schuld aufgefressen werden, denken sie. Alpträume, ein Leben lang. Jetzt will er die Schuld auch noch abwälzen?

Über die Toten nur Gutes, so sagt man. Hat er keine Angst, alte Wunden aufzureißen? "Es lässt mir keine Ruhe", sagt Johannes Kneifel, "deshalb kann ich es auch nicht auf sich beruhen lassen."

Er hat sich einen Anwalt genommen. Der Antrag auf ein Wiederaufnahmeverfahren wird bereits geprüft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. .
frubi 18.09.2012
Zitat von sysopMit 17 schlug Johannes Kneifel einen Mann so brutal zusammen, dass er starb. Im Gefängnis wandelte sich der Neonazi zum Christen, bald wird er Pastor sein. Doch plötzlich kommt die Vergangenheit zurück in sein Leben. Johannes Kneifel: Vom Nazi zum Pastor, vom Saulus zum Paulus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,854234,00.html)
Von der einen extremen Ideologie zur anderen extremen Ideologie. Nah zum Glück schlägt er wenigstens keine Leute mehr zusammen.
2. Tya, falscher Weg...
muwe6161 18.09.2012
... "Streit mit Arzt", "Arzt verweigert" usw. Kein Arzt riskiert seinen Job wegen einem renitenten Hilfsbedürftigen! Die Prozeduren in diesem Falle sind vorgegeben. Der Mann ist noch nicht mit seiner Schuld klargekommen.
3. Er ist noch ganz der Alte.
zelema030 18.09.2012
Zitat von sysopMit 17 schlug Johannes Kneifel einen Mann so brutal zusammen, dass er starb. Im Gefängnis wandelte sich der Neonazi zum Christen, bald wird er Pastor sein. Doch plötzlich kommt die Vergangenheit zurück in sein Leben. Johannes Kneifel: Vom Nazi zum Pastor, vom Saulus zum Paulus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,854234,00.html)
Also als er jemanden feige ermordet hat konnte er immer ruhig schlafen ohne an die Tat zu denken( die Tat hat er 100% begangen das weiss er ja selber), jetzt wo er es eventuell nicht war (daran habe ich schwerste Zweifel) kann er nicht mehr ruhig schlafen? Das stinkt nach ALibichrist so einen in die Kirche auf zu nehmen ist gleichbedeutent wie Kinderschänder schützen. Johannes Kneifel du bist und bleibst ein Nazi und dazugelernt hat der Typ ja auch nix. Er ist schuld das der Typ ins Krankenhaus kam und an seinen ihm zugefügten Verletztungen ist Hippi gestorben und der will sich in Unschuld suhlen, nein danke schmeist den aus der Kirche so schnell wie möglich oder ihr verliert 1000ende gläubige Menschen, Jesus auch.
4.
fiutare 18.09.2012
Er hat nichts gelernt, nichts begriffen. Bigottes Verhalten hat nichts mit Einsicht zu tun, sondern lediglich mit einer Glaubensänderung. Waren früher seine Nazikumpels seine Heimat und Trost, ist es eben jetzt die Kirche. Er hat seine Schuld nie begriffen, und er tritt heute die Angehörigen des Opfers mit Füsssen.
5. ich habe ...
response-xx 18.09.2012
... von ihm eine Reportage in der ARD gesehen...! Es ist erstaunlich dass sich ein Mensch so ändern kann. Er hat seinen Weg gefunden und bereut seine Taten wirklich, meinen Respekt!
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