Fotograf über US-Polizeigewalt "Sie hat nichts gesagt. Sie hat sich nicht widersetzt."

Eine friedlich demonstrierende Frau im Sommerkleid wird von Polizisten in Kampfmontur festgenommen - dieses Bild aus Baton Rouge sorgt weltweit für Schlagzeilen. Der US-Fotograf hat nun über die Hintergründe gesprochen.

REUTERS

Es passiert nur recht selten, dass in der Flut von Bildern und Videos diese eine Aufnahme hängenbleibt. Ein Foto, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, weil es im Kleinen für das ganz Große steht. In Medien weltweit wird gerade über ein solches Bild berichtet: US-Fotograf Jonathan Bachman hat es in der Stadt Baton Rouge aufgenommen.

Zu sehen ist eine dunkelhäutige Frau in einem langen Sommerkleid, sie steht in ihren Ballerinas mitten auf einer asphaltierten Straße, den Kopf hat sie erhoben. Stolz sieht sie aus. Zwei Polizisten in Schutzmontur stürmen auf sie zu und nehmen sie fest. Hinter ihnen haben sich mehrere Kollegen in einer Reihe formiert. David gegen Goliath, so wirkt es.

Die Frau hatte sich an einer Protestaktion gegen Polizeigewalt beteiligt. In Baton Rouge war am vergangenen Dienstag der Afroamerikaner Alton Sterling aus nächster Nähe von Polizisten erschossen worden, Videomitschnitte des Vorfalls lösten landesweit heftige Kritik aus.

Am Samstag waren zahlreiche Menschen in Baton Rouge erneut auf die Straße gegangen, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Sie versammelten sich unter anderem vor der Polizeiwache und skandierten: "Keine Gerechtigkeit, kein Frieden." Während dieser Aktion entstand das Bild von Bachman für die Nachrichtenagentur Reuters.

"Es ging alles ganz schnell, aber mir war klar, dass sie sich nicht vom Fleck bewegen würde", sagte Bachman dem US-Magazin "The Atlantic" über den Moment, in dem er den Auslöser betätigte. "Es war nicht besonders gewalttätig. Sie hat nichts gesagt. Sie hat sich nicht widersetzt und die Polizei hat sie nicht weggezerrt." Sein Foto sei Sinnbild für die friedlichen Proteste in der Stadt.

Gegenüber "Buzzfeed" sagte Bachman, die Frau sei rasch festgenommen worden. Als er sich die Aufnahme auf seinem Kameradisplay noch einmal angesehen habe, sei er sich sicher gewesen, ein "bemerkenswertes Foto" geschossen zu haben.

Laut Polizei endeten die Proteste am Samstag mit rund hundert Festnahmen. Am Sonntag seien etwa ein Dutzend weitere Menschen festgenommen worden.

Unter anderem der US-Journalist Shaun King veröffentlichte Bachmans Foto auf seiner Facebook-Seite , dazu schrieb er "STARKES Bild aus Baton Rouge". Ihm folgten in dem sozialen Netzwerk mehr als eine halbe Million Menschen. Binnen Stunden wurde das Foto tausendfach geteilt und hundertfach kommentiert. Kings Angaben zufolge wurde die Frau inzwischen freigelassen.

Medien weltweit berichten nun über das Bild. "Das eindrucksvolle Foto, das den US-Konflikt über Polizeigewalt auf den Punkt bringt", lautet eine Überschrift der australischen Nachrichtenseite "News". Bei der amerikanischen "Huffington Post" heißt es: "Dieses Black-Lives-Matter-Foto sollte weltweit gesehen werden". Und die britische BBC berichtet über "Das Baton-Rouge-Foto, das als 'legendär' gepriesen wird".

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aar



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sachfahnder 11.07.2016
1. Bin ich froh...
... die USA zu einem früheren Zeitpunkt besucht zu haben, wo solche Auswüchse noch keinen Nährboden hatten !
scxy 11.07.2016
2.
Zitat von sachfahnder... die USA zu einem früheren Zeitpunkt besucht zu haben, wo solche Auswüchse noch keinen Nährboden hatten !
...dann war das wohl Erfindung sogenannter Sozialer Medien?
woling 11.07.2016
3. Polizeigewalt in Deutschland
Polizeigewalt und Polizeiübergriffe gibt es nicht nur in den USA. Auch in Deutschland gibt es jährlich tausende Fälle. Nicht selten werden Fälle von Polizeigewalt durch politisch motivierte Polizisten begangen. Nationalistische und rechtsgeleitete Motive, folgende Übergriffe, ja sogar Organisiertheit aus rechtsextremer, rechtsradikaler Gesinnung heraus - diese Dinge sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gibt verschiedene Untersuchungen, die in etwa folgendes Bild aufzeigen. Von mehreren Tausend Fällen an widerrechtlicher Polizeigewalt im Amt pro Jahr kommen noch nicht mal 1 Prozent zur strafrechtlichen Ermittlung UND fast keine zur Verurteilung des straffällig gewordenen Polizisten. Dabei wurden aber noch keine Motive untersucht. Nachzulesen ist so etwas auch hier: https://correctiv.org/blog/2015/08/20/polizei-ohne-kontrolle/ Ein Grundproblem bei der Untersuchung von Polizeigewalt ist wohl, dass es in Deutschland dafür keine unabhängige Stelle gibt. Allenfalls ermitteln Polizisten bei ihren Kollegen - ein Unding und im internationalen Vergleich ein irrationales Vorgehen. Die hier vorliegende Analyse hat mir in etwa den Schweregrad verdeutlicht, als Opfer von Polizeigewalt Gerechtigkeit zu finden. Der Staat schützt zuerst seine Polizisten. Dafür kann man ggf. Verständnis haben. WER aber schützt die Opfer von Polizeigewalt? Ich selbst bin so ein Opfer geworden. Über ein Jahr nach der Tat (!) und meiner Anzeige gab es immer noch keine juristische Bewertung. Ich werde nicht aufhören, zu kämpfen, bis der Täter (damals ein Zivilpolizist im Dienst) für seine an ein Verbrechen grenzende Tat bestraft wird. Gibt es Personen, Organisationen, Vereine (außer dem Weißen Ring), die Opfern von Polizeigewalt ggf. mit Rat und/oder Tat zur Seite stehen können?
Annabelle1811 11.07.2016
4. Ein wirklich
starkes Bild, das schon aussagt wie überzogen Amerika's Polizei reagiert. Man könnte fast meinen, die Polizisten hätten Angst und das haben sie wohl immer, wenn sie einen Schwarzen vor sich haben. Wenn der Polizist sagt: Zeig mir deinen Ausweis und der Schwarze greift nach diesem und wird sogleich erschossen. Entweder die weiße Polizei spielt ein grausames Spiel oder sie haben vor jedem Schwarzen Angst. Dann gehören sie nicht in die Polizei. Die sollten eigentlich mehr geschult werden. Aber in USA gilt ja wohl die Knarre alles. Ich wundere mich, daß nicht schon früher ein schwarzer Rächer aufgestanden ist oder, daß die Black Panther-Bewegung nicht zu neuem Leben auferstanden ist. Und unter Trum dürfen sich die Rassisten austoben. Armes Amerika und mit diesen Irren sollen wir Geschäfte machen.?!?!
ingofischer 11.07.2016
5. keine falschen Schlüsse
Das Bild ist wirklich sehr einprägsam. Leider tritt bei solchen Aufnahmen schnell in den Hintergrund, was eigentlich wirklich geschehen ist. So kann es schnell passieren, dass solche Bilder als Symbol für die unverhälnismäßig hohe Polizeigewalt gegen eigentlich völlig friedliche Menschen mit dunkler Hautfarbe herhalten müssen, obwohl in dem konkreten Fall sicherlich alles recht harmlos abgelaufen ist. Und das macht die angespannte Situation und sicher nicht einfacher.
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