Gottgewollte Polygamie Mormonengründer hatte 40 Ehefrauen

Joseph Smith, der als Prophet verehrte Gründer der Mormonen, soll 40 Frauen geehelicht haben. Dies machte die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" selbst publik - und stürzt manchen Anhänger in eine Glaubenskrise.

Kirchengründer Joseph Smith: Gottgewollter Auftrag zur Vielehe
AP/ Church Archives

Kirchengründer Joseph Smith: Gottgewollter Auftrag zur Vielehe


Er war Gründer der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", wird gepriesen als unantastbarer Prophet des Mormonentums: Seit Joseph Smith Junior im Jahr 1820 nicht nur Jesus Christus, sondern auch Gott der Vater höchstselbst im Wald erschien, war er sich sicher: Er hatte nicht nur eine Vision, sondern auch eine Mission.

Heute berufen sich weltweit 14,8 Millionen Gläubige auf das Buch Mormon. In den USA bekleiden sie wichtige Posten in Wirtschaft und Politik, wie etwa Ex-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney.

Jetzt müssen die Mormonen eine Nachricht verdauen, die zwar nicht unerwartet, aber möglicherweise desillusionierend daherkommt: Joseph Smith war nicht nur seiner Gattin Emma Hale aus Harmony in Pennsylvania in Liebe verbunden. Jener "unerschrockenen, beständigen und unerschütterlichen, unveränderlichen, liebevollen" Frau, wie er selbst sie einmal beschrieb.

Nein, der Prophet hatte geschätzt 40 Frauen, mehrere von ihnen bereits verheiratet, eine von ihnen gerade Mal 14 Jahre alt. So berichten es die Kirchenoberen der "New York Times" zufolge.

Die Veröffentlichung auf der kircheneigenen Website ist Teil einer neuen Transparenzoffensive der Mormonen. Viele Gläubige wussten bisher lediglich, dass Smiths Nachfolger Brigham Young Polygamie praktizierte. Offiziell distanzierte sich die Kirche bereits im Jahr 1890 von der Vielehe.

"Nicht der Joseph Smith, den ich liebe"

Für manche ist das Bild des Kirchengründers nun stark beschädigt: "Joseph Smith wurde mir als praktisch perfekter Mormone präsentiert, und das gilt für eine Menge Leute", schreibt die Bloggerin Emily Jensen aus Farmington im US-Bundesstaat Utah. "Dies ist nicht die Kirche, in der ich groß geworden bin, dies ist nicht der Joseph Smith, den ich liebe."

Es ist unklar, ob es sich in allen Fällen auch um sexuelle Beziehungen handelte. Smiths jüngste Gespielin Helen Mar Kimball, Tochter eines befreundeten Ehepaars, definierte die Verbindung zum Propheten als "für die Ewigkeit allein gemacht". Nach Smiths Tod heiratete sie erneut und verteidigte für den Rest ihres Lebens die Beziehung ebenso wie das Prinzip der Polygamie.

Die meisten Frauen, die mit Smith zusammen waren, riskierten ihren guten Ruf und ein bürgerliches Leben für die Verbindung. "Ich habe ein größeres Opfer gebracht, als mein Leben zu geben", sagte etwa Zina Huntington Jacobs.

Einige überlegten lange, ob sie den Schritt wagen sollten. So beschreibt eine Frau namens Lucy Walker ihre Reaktion nach dem Antrag: "Jedes Gefühl meiner Seele rebellierte dagegen." Dennoch habe sie nach mehreren schlaflosen Nächten auf Knien und im Gebet Erlösung gefunden. Das Zimmer habe sich "mit einem heiligen Einfluss gefüllt", einem "blendenden Sonnenschein" gleich. "Höchste Glückseligkeit nahm mein ganzes Wesen in Besitz."

Smiths Ehefrau Emma: "Unerschütterlich liebevoll"
AP

Smiths Ehefrau Emma: "Unerschütterlich liebevoll"

Ehefrau Emma war fern von solchen Glücksgefühlen. Sie litt entsetzlich unter der komplizierten Lebenssituation, empfand das polygame Gebaren des Gatten als "quälende Prüfung", wie es in den Kirchendokumenten heißt. Dennoch soll sie mindestens vier "Nebenfrauen" in ihren Haushalt aufgenommen haben. Vermutlich wusste sie auch von weiteren, dies allerdings ist nicht belegt.

Smith selbst interpretierte die Vielehe als gottgewollt, als Auftrag an ihn, der ihm einst von einem Engel überbracht worden sei. Ehefrau Emma liebte ihn offenbar trotzdem: Nach seinem Tod trug sie stets ein Medaillon mit einer Locke des Gatten um ihren Hals.

ala

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