Tokio - An diesem Montagmorgen war so gar nichts normal in der japanischen Hauptstadt. Mitten auf den Straßen lagen sich Menschen in blauen Fußballtrikots in den Armen, auf Tokios zentralen Plätzen versammelten sich die Japaner zu spontanen Freudenfesten: Das Land feiert den Gewinn der Fußball-WM der Frauen im fernen Deutschland. Da war es auch egal, dass das Finale gegen die USA in den frühen Morgenstunden angepfiffen wurde - und nach einem dramatischen Elfmeterschießen erst weit nach Sonnenaufgang entschieden war. Japan jubelt.
"Ich freue mich aus tiefstem Herzen, gerade jetzt, da Japan so harte Zeiten durchmacht. Danke", lautete eine von vielen euphorischen Reaktionen im japanischen Twitter-Dienst. Der Sieg der Frauen bei der Fußball-WM hilft Japan zumindest für einen Moment, die vergangenen Monate seit der verheerenden Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe in der nordöstlichen Region Tohoku zu vergessen. "Danke, dass ihr an die Gefühle der Menschen in Tohoku gedacht habt. Danke, dass ihr Japan Hoffnung gegeben habt", twitterte ein begeisterter Fan.
Auch das japanische Fernsehen kannte am Morgen nur ein Thema: Immer wieder flimmerten die schönsten Spielszenen und der in den Himmel gereckte Siegerpokal über die Mattscheibe. Kameras in den Heimatorten der Spielerinnen zeigten das Zittern und den Jubel der daheimgebliebenen Angehörigen und Fans in blauen Trikots, als sie vor Fernsehern das Final-Drama verfolgten. "Historische Leistung" stand auf einem Plakat im Studio eines japanischen Privatsenders. "Sie haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben", kommentierte ein Sprecher des Senders NHK. Viele Zeitungen des Landes feierten ihre neuen Heldinnen mit Sonderseiten und Extraausgaben.
Japan ist plötzlich eine Fußballnation
In vielen Kneipen des Landes verfolgten Fußballanhänger das Finale. Alte und junge Menschen fielen sich nach dem Elfmeter-Drama in die Arme. "Ich habe das Gefühl, Japan ist eins geworden", twitterte ein Fan.
Schon in den Tagen vor dem Finale war die Erwartung in der Heimat gestiegen. Nach dem Halbfinal-Sieg gegen Schweden organisierten Reisebüros auf den letzten Drücker noch Gruppenreisen zum Endspiel. Trikots mit den Namen der Spielerinnen und andere Fanartikel waren fast überall ausverkauft.
Auch der unter Rücktrittsdruck stehende Regierungschef Naoto Kan soll sich laut Medienberichten kurz überlegt haben, ob er nicht auch nach Deutschland fliegen und das Endspiel anschauen soll, verzichtete am Ende aber darauf, wie die Tageszeitung "Yomiuri Shimbun" berichtete.
"Wir haben Selbstvertrauen, und ich glaube, es ist langsam Zeit, dass der Fußballgott uns einen Sieg gönnt", wurde Nationaltrainer Norio Sasaki kurz vor dem Endspiel zitiert. Ein Fischhändler auf dem Tokioter Fischmarkt Tsukiji nannte einen seiner Kraken - nach deutschem Beispiel - "Paul der Dritte" und ließ ihn orakeln, wer das Endspiel gewinnen werde.
In einem Aquarium legte der Fischer zwei Töpfe aus, dahinter die Fahnen der USA und Japans. Prompt kroch der Krake in den Topf für Japan. "Klasse! Wenn es den Menschen in den Katastrophengebieten wenigstens etwas Mut und Hoffnung verleiht, freue ich mich. Danke!", fasste ein Twitterer die Stimmung im Land zusammen.
jok/dpa
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