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Antisemitismus in Frankreich: Lieber in Israel im Bunker als am Boulevard in Paris

Von Verena Hölzl

Tomy Seroussi mit seiner Familie: Ausgewandert nach Israel Zur Großansicht
Agence Juive

Tomy Seroussi mit seiner Familie: Ausgewandert nach Israel

Tausende französische Juden wandern nach Israel aus, unterstützt von einer Agentur ihres neuen Heimatstaats. Sie halten den Antisemitismus in Frankreich oft für gefährlicher als die Lage im Nahen Osten.

Tel Aviv/Paris/Hamburg - Als am Wochenende militante Demonstranten bei einer propalästinensischen Demonstration in Paris einen jüdischen Lebensmittelladen in Brand steckten, war Tomy Seroussi schon in seiner neuen Heimat Israel. Seroussi ist ein Oleh: Der französische Jude ist gemeinsam mit seiner Frau und den vier Kindern nach Israel ausgewandert. Sie sind in der vergangenen Woche nach Tel Aviv geflogen.

"Lieber bei jeder Sirenenwarnung für fünf Minuten in den Bunker verschwinden, als mit der Kippa in den Straßen von Paris unterwegs zu sein", erzählt der 35-Jährige am Telefon.

Antisemitische Übergriffe in Frankreich überraschen Seroussi nicht mehr. Er sei einmal am helllichten Tag auf der Straße eines Pariser Vororts angegriffen worden. "Seitdem fühle ich mich mit meiner Kippa unsicher", sagt er. Damit sollte Schluss sein. Seroussi kündigte seinen Job in der Energiebranche und ließ alles hinter sich. Einen neuen hat er nicht und Hebräisch kann er kaum, doch das ist für ihn zweitrangig. "Frankreich ist ein schönes Land, aber mit den Menschen dort sollen meine Kinder nicht aufwachsen müssen", sagt der Auswanderer.

Immer mehr französische Juden gehen nach Israel

Die Zahl der Franzosen, die wie die Seroussis ihre Heimat Richtung Israel verlassen, steigt. Statistiken der Organisation Agence Juive zeigen, dass 2013 die Zahl der Auswanderer um 70 Prozent gestiegen ist. Rund 3300 französische Juden hätten die Aliyah, die Einwanderung nach Israel, gewagt. Daran hätten laut Agence Juive auch die jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten nichts geändert.

Es mag auch mit der wirtschaftlichen Perspektive in Frankreich zu tun haben. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Antisemitismus. Immer mehr französische Juden fühlen sich in ihrer Heimat nicht mehr wohl. Die Zahl antisemitischer Delikte und auch deren Schweregrad nahm in den vergangenen Jahren zu. "Wir haben es inzwischen sogar mit körperlichen Angriffen auf Juden zu tun", sagt der Extremismusforscher Jean-Yves Camus vom Pariser Institut für Internationale Beziehungen und Strategien. Anders als früher sieht er die Gewalt nicht mehr aus dem rechtsextremen, sondern aus dem arabisch-islamischen Milieu kommen.

Das Trauma von Toulouse

Alles habe 2000 mit der zweiten Intifada im Nahen Osten begonnen. Von da an nahmen antisemitische Delikte zu. Zwischen 600 und 900 zählt Camus pro Jahr. Dazu kamen traumatische Ereignisse wie das Attentat von Toulouse im März 2012. Mohammed Merah tötete an einer jüdischen Schule drei Kinder und einen Lehrer und traf damit die französisch-jüdische Gemeinde ins Mark. Auch beim Anschlag in einem jüdischen Museum im vergangenen Mai in Brüssel war eine Französin unter den Opfern. Premierminister Manuel Valls warnte angesichts der aktuellen Übergriffe bei propalästinensischen Kundgebungen vor einer neuen Form des Antisemitismus.

Die Agence Juive stockte ihr Personal zuletzt von 14 auf 24 Mitarbeiter auf, nur so kann sie Anfragen ausreisewilliger Juden noch zeitnah bearbeiten. Die Organisation ist eine Agentur des Staates Israel. Sie soll Juden aus allen europäischen Ländern zusammenbringen - idealerweise in Israel. Dafür bietet sie Sprachkurse, vermittelt Praktika, berät und hilft bei bürokratischen Hürden der Auswanderung. Sie betreute auch die Familie Seroussi. "Ohne die Agentur wäre es noch schwieriger gewesen", sagt Tomy Seroussi. Die Agence Juive rechnet bis zum Ende des Jahres mit 5000 französischen Auswanderern.

Auswanderung mit Pomp und israelischen Fähnchen

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rief bei einem Besuch im Elysée-Palast 2012 die französischen Juden auf: "Kommt nach Israel!" Bei Frankreichs Präsident François Hollande kam das gar nicht gut an. Er parierte damals: "Der Platz der französischen Juden ist in Frankreich."

Die Seroussis konnte er nicht überzeugen. Sie beschritten den Weg der Aliyah mit 400 anderen Olim. Bevor sie in zwei Flugzeuge nach Tel Aviv stiegen, wo die Einwanderungsministerin sie persönlich empfangen sollte, ging es in Paris noch in die Synagogue des Tournelles. Dort wurden sie mit viel Pomp und israelischen Fähnchen feierlich in ihr neues Leben in Israel entlassen.

Der Präsident der Agence Juive, Natan Sharansky, erklärte: "Es wird immer unsicherer, ob die Juden in Frankreich noch eine Zukunft haben. Kein Zweifel besteht dagegen, dass die französischen Juden eine Zukunft in Israel haben." Und falls es auch in Israel einmal ernst werden sollte, legt die Agence Juive den Olim via Facebook "Red Alert" ans Herz. Eine Alarm-App für Raketenangriffe.

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