Streit um jüdische Begräbnisstätte: Herr Korsch und sein Friedhof

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Matthias Korsch wollte ein Haus bauen. Doch mit seinem Grundstück erwarb er unwissentlich einen jahrhundertealten jüdischen Friedhof. Nun ringt er um eine angemessene Entschädigung - und eine Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet er für die Verpflichtungen der Bundesrepublik aufkommen soll.

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Matthias Korsch

Alter jüdischer Friedhof in Wallertheim: Hier wollte Matthias Korsch sein Haus bauen

Hamburg - Es war einmal ein Mann, der wollte ein Haus bauen. Er besaß das passende Gelände dazu, rund 700 Quadratmeter groß, als Baugrundstück ausgeschrieben und seit Jahrzehnten im Besitz der Familie. Der Mann beauftragte einen Architekten mit der Planung, schloss einen Bauvertrag ab, ließ eine Garage entwerfen. Doch bevor die Bagger rollten, stellte sich heraus: Auf dem Grundstück, dieser mit wildem Gras bewachsenen Wiese, befindet sich ein jahrhundertealter jüdischer Friedhof. Und da jüdische Friedhöfe für die Ewigkeit angelegt sind, durfte der Mann dort nicht mehr bauen.

Die Geschichte könnte damit zu Ende sein - ist sie aber nicht. Denn inzwischen geht es für Matthias Korsch auch um die Frage: Was ist Moral eigentlich wert? Und warum muss er den Preis dafür zahlen? Denn der 31-Jährige fürchtet, auf den Kosten des geplatzten Bauprojekts sitzenzubleiben, insgesamt mehr als 150.000 Euro. Dabei hat er sich nichts zuschulden kommen lassen. Die Gemeinde bietet Korsch eine Entschädigung von 110.000 Euro. Zu wenig, findet Korsch.

Korsch kämpft seit fast einem Jahr für eine höhere Entschädigung. Ihm ist, so sieht er es, großes Unrecht widerfahren, denn er wusste nichts von der Existenz des Friedhofs. Er wühlte sich durch das Landesarchiv in Speyer. Er schrieb Hunderte E-Mails, wandte sich an den Bundespräsidenten, das Bundesinnenministerium, die evangelische Landeskirche. Doch niemand konnte ihm helfen. "Ich habe nur noch Friedhof und Beruf, ich mache nichts anderes mehr", sagt Korsch.

Das Grundstück, um das es geht, liegt in der kleinen Gemeinde Wallertheim im Osten von Rheinland-Pfalz, einem Ort mit nicht einmal 2000 Einwohnern. "Halten Sie sich an die Fakten", sagt Bürgermeister Robert Majchrzyk, "es wird schon genug spekuliert im Dorf."

Auf dem alten Friedhof soll nicht gebaut werden. Nur: wie weiter?

Die Fakten: Etwa 1840 wurde der alte jüdische Friedhof in Wallertheim geschlossen und ein neuer angelegt. In der NS-Zeit wurde das Gelände von einem privaten Eigentümer übernommen und in Ackerfläche umgewandelt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag das Gelände brach. Der Eigentümer wechselte zweimal, ehe das Grundstück 1950 in den Besitz der Familie von Matthias Korsch gelang.

1992 wies die Gemeinde das Gelände als Baugrundstück aus - und niemand legte Einspruch ein. Gras war über den alten Friedhof gewachsen, so musste es scheinen. "Jeder hat nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt", erinnert sich Bürgermeister Majchrzyk, der schon damals im Amt war. Es sei keine Behörde übergangen worden.

Im Januar 2011 übernahm Matthias Korsch das Grundstück in der Mozartstraße. Er bezahlte seiner Mutter 50.000 Euro, die andere Hälfte bekam er von seiner Großmutter geschenkt. Sein Bauantrag wurde zunächst bewilligt, doch nur einen Monat später wieder gestoppt: Ein Nachbar hatte auf die Historie des Geländes hingewiesen, die nie ganz in Vergessenheit geraten war. 2009 wurde die jüdische Begräbnisstätte in einer Ausstellung erwähnt, 2000 im Rahmen eines "historischen Spaziergangs".

Laut dem jüdischen Religionsgesetz, der Halacha, darf die Totenruhe nicht gestört werden. Egal, wie lange eine Beerdigung zurückliegt, die Gräber sind Eigentum der Verstorbenen. Jeder Körper hat Anspruch auf ungestörte Ruhe, um eines Tages wieder auferstehen zu können.

"Die Bürde der Bundesrepublik Deutschland"

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verpflichtete sich die Bundesregierung, jüdische Friedhöfe zu umsorgen. Der Zentralrat der Juden erstellte hierzu eine Liste, die damals etwa 1700 Friedhöfe umfasste. Im Laufe der Zeit kamen weitere Begräbnisstätten hinzu.

Problematisch ist, wenn zufällig alte Friedhöfe entdeckt werden - zum Beispiel 2007 bei Bauarbeiten in Mainz oder 1992 in Hamburg. In Mainz bekam der Bauherr ein Ersatzgrundstück, in Hamburg wurde nach wütenden Protesten von orthodoxen Juden ein Kompromiss gefunden: Ein Einkaufszentrum durfte unter Auflagen gebaut werden, auf die geplante Tiefgarage wurde verzichtet.

In Wallertheim wurde schnell klar: Auf dem alten Friedhof soll nicht gebaut werden. Darauf einigten sich alle Beteiligten bei einer Begehung mit einer internationalen Rabbiner-Delegation. Korsch machte deutlich, dass er die jüdische Totenruhe respektiere.

Deutlich langsamer gingen die Verhandlungen um eine Entschädigung für den Grundstücksbesitzer voran. Solange die Situation mit dem alten Grundstück nicht geklärt war, konnte Korsch kein neues kaufen. Erst Ende September ging eine Immobilie, für die er sich entschieden hatte, an einen Mitbewerber. Korsch musste wieder bei null anfangen.

Das Angebot der Gemeinde umfasst den Grundstückswert plus die Steuer für ein neues Grundstück. Korsch fordert auch einen Ausgleich für seine zusätzlichen Aufwendungen: Anwaltskosten und Schadensersatz für das schon bestellte Fertighaus. Er wolle sich nicht bereichern, beteuert er. "Aber ich finde es unfair, dass ich als Einzelperson die Bürde der Bundesrepublik Deutschland finanziell auf mich nehmen muss."

Die jüdische Gemeinde Mainz, an die der Friedhof gehen soll, hält sich aus dem Streit über die Entschädigung heraus. Das sei Sache des Eigentümers und der Gemeinde, heißt es.

Der Bürgermeister bezeichnet die Entschädigung als faires und annehmbares Angebot.

Korsch sagt, er könne nicht mehr nach Wallertheim ziehen. "Da kommt nur noch Wut hoch."

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