Software für Sozialarbeiter: Das Jugendhilfe-Programm
Hamburg will die Qualität der Jugendhilfe verbessern, mit Hilfe eines deutschlandweit einzigartigen Computerprogramms. JUS-IT setzt Fristen, erinnert an unerledigte Aufgaben, informiert Vorgesetzte. Es nimmt den Sozialarbeitern einen Teil ihrer Verantwortung. Aber kann es Sicherheit bieten?
Vom Büroturm der Sozialbehörde hat man einen guten Blick über die Stadt. Im zehnten Stock sitzt Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) und stellt ein neues Computerprogramm vor. Es soll ein erster Schritt sein zu einem umfassenden Qualitätsmanagement in der Hamburger Jugendhilfe. Scheele spricht von "Leitplanken für die Kollegen" in den Jugendämtern und beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). JUS-IT heißt die Software. Sie setzt Fristen, erinnert an unerledigte Aufgaben, schlägt Hilfsangebote vor und informiert Vorgesetzte über die Arbeit der Sozialarbeiter. Kurz gesagt: JUS-IT soll den Überblick behalten, wo die oft überlasteten Mitarbeiter ihn zu verlieren drohen. Seit Ende Mai ist sie im Einsatz und steuert die Sozialarbeiter durch ihre Fälle.
Oft war von Versagen die Rede, wenn in den vergangenen Jahren über Hamburgs Jugendämter berichtet wurde: im Januar, als die bei drogenabhängigen Pflegeeltern untergebrachte Chantal, 11, an einer Methadon-Vergiftung starb; im März 2009, als die neun Monate alte Lara Mia völlig unterernährtstarb. Und wie nach dem qualvollen Hungertod der siebenjährigen Jessica aus Jenfeld im Jahr 2005.
Nie wieder, forderte der damalige Oberbürgermeister Ole von Beust (CDU), dürfe ein Kind "durchs Rost" fallen. Die Entwicklung von JUS-IT ist eine der Konsequenzen. Es ist der Versuch, Fehler abzufedern: durch Datensätze, elektronische Kontrolle und eine bessere Systematik.
Das Programm soll Mitarbeiter von Jugendämtern und ASD entlasten, die in der Vergangenheit oft über Überlastung klagten. Scheele hofft so mehr Sicherheit für die Sozialarbeiter herstellen zu können, die Angst hätten, dass "wieder ein Kind durchrutscht". Und er hofft, die Standards und Arbeitsabläufe in allen sieben Hamburger Jugendämtern vereinheitlichen zu können.
Schnittstelle mit Polizeiprogramm
Das Projekt war wegen seiner Kosten - mehr als hundert Millionen Euro sind bis 2015 veranschlagt - umstritten, der Start verzögerte sich mehrfach. Zu Beginn mussten 2,2 Millionen Datensätze überführt werden. Was genau kann das Programm? Wie hilft es den etwa 800 Mitarbeitern in den Behörden, die derzeit damit arbeiten?
Ein Vorteil sei, dass nun sämtliche Hilfsmaßnahmen, deren Anbieter und Kosten - zum Beispiel rund 5000 Euro pro Monat für eine Heimunterbringung - elektronisch im System hinterlegt sind, sagt Projektleiterin Katrin Stolle. Vorher waren sie meist nur auf Papier zu finden und auf mehrere Ordner verteilt.
Deutlich einfacher als bislang soll auch die Übermittlung von Polizeidaten an die ASD-Dienststellen funktionieren. Rund 700 Fälle pro Monat erreichen die Jugendämter auf diesem Weg - etwa 90 Prozent der Meldungen über Verdacht auf Verwahrlosung, Missbrauch oder verzögerte Entwicklung, im Fachjargon Kindeswohlgefährdungen genannt. Greifen Beamte jetzt kriminelle Jugendliche auf, müssen sie die Informationen nicht mehr per Fax an das jeweilige Jugendamt schicken. JUS-IT kann die Daten elektronisch komplett übernehmen. So sollen Informationsverluste minimiert und der weitere Umgang mit den Fällen beschleunigt werden.
Doch gerade in diesem Bereich scheint es Schwierigkeiten gegeben zu haben - offenbar so gravierende, dass die Leiter der ASD-Dienststellen in einem Schreiben warnten: Sie könnten keine Verantwortung dafür übernehmen, dass jeder Verdacht auf Kindeswohlgefährdung rechtzeitig entdeckt werde - weil die Polizeimeldungen oftmals den falschen Adressaten erreichten. Laut Sozialbehörde ist das Problem mittlerweile behoben.
"Fehlbeurteilung wird auch mit dieser Software möglich sein"
Schritt für Schritt führt JUS-IT die Sachbearbeiter durch ihre Fälle. In die Datenmaske müssen Informationen zu allen beteiligten Personen eingegeben werden - zum Beispiel auch relevante Verwandtschaftsverhältnisse oder Erkenntnisse über Drogenprobleme. Im Fall Jessica wäre so vielleicht aufgefallen, dass ihre Mutter ihr erstes Kind zur Adoption freigegeben und für zwei weitere Kinder das Sorgerecht verloren hatte. Bei Chantal wären die drogenabhängigen Pflegeeltern möglicherweise stärker in den Fokus gerückt.
Der Sachbearbeiter muss in einer ersten Einschätzung - nach Rücksprache mit einem Kollegen - bewerten, ob tatsächlich ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besteht. Das Programm wird von Menschen mit Daten gefüttert, es nimmt ihnen nicht das Denken und die fachliche Expertise ab, ein Ermessensspielraum bleibt.
Besteht ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, wird automatisch der Vorgesetzte informiert. Das System gibt zudem die nächsten Schritte und einen Zeitraum für deren Ausführung vor (Sachbearbeiter nimmt Kontakt mit der betroffenen Familie auf, schätzt die Sicherheit des Kindes ein, erstellt ein Schutz- und Hilfekonzept). Werden sie nicht eingehalten, bekommt der Vorgesetzte eine Meldung.
Die Vorgesetzten können per Mausklick die offenen Fälle je Mitarbeiter aufrufen. In Deutschland, sagt Stolle, gebe es bislang kein vergleichbares System. Einige ASD-Mitarbeiter fürchten dennoch, dass es zu stärkerer Be- statt Entlastung führt. "Der Sozialarbeiter muss teilweise ganz spezielle Fragen beantworten, die aber mit dem aktuellen Fall gar nichts zu tun haben", bemängelt etwa Carsten Fuchs*. Das Programm rege mit Checklisten "zum gründlichen Reflektieren der Fälle" an, erwidert Stolle.
Hundertprozentige Sicherheit garantiert es nicht. "Eine Fehlbeurteilung wird auch mit dieser Software möglich sein", sagt Senator Scheele. Doch das Risiko, dass es zu einem weiteren Fall Chantal komme, sei deutlich geringer.
* Name von der Redaktion geändert
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- Mittwoch, 18.07.2012 – 11:15 Uhr
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- Immer wieder werden Fälle von Vernachlässigung bekannt. Die Namen einzelner Kinder stehen für unvorstellbare Schicksale: Jessica, Kevin, Chantal, Marcel. Das Statistische Bundesamt meldet, dass immer mehr Mädchen und Jungen vom Jugendamt in Obhut genommen werden. Wie aber arbeiten die Sozialarbeiter? Wie die Jugendämter und Familienhelfer? Wie viel Kontrolle darf ein Staat ausüben? In einer losen Reihe beschäftigen wir uns mit Jugendhilfe in Deutschland.
DPA
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