Jugendamtsmitarbeiter Manager des Elends

Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt
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Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt

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5. Teil: "Die Arbeit eines Jugendamtmitarbeiters gleicht einem technokratischen Machtwerk"


Peter Rasch*

Ich habe 30 Jahre lang als Sozialarbeiter gearbeitet, 18 davon bei einer ASD-Abteilung im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Es gab Zeiten, da habe ich circa 120 Familien betreut, das hieß, ich war für 180 bis 200 Kinder zuständig.

Der Fall der ermordeten (verhungerten) Jessica in Hamburg-Jenfeld 2005 hat meine Kolleginnen und mich damals sehr überrascht. (Anmerkung der Redaktion: Die siebenjährige Jessica war wegen Unterernährung entkräftet und erstickte im März 2005 an ihrem Erbrochenen. Die Eltern hatten das Kind jahrelang in einem Zimmer der Wohnung eingesperrt, die Fenster vernagelt. Sie wurden zu lebenslanger Haft verurteilt.)

Plötzlich interessierte sich die Politik für unsere Arbeit. Der Hamburger Senat nahm ein Verbrechen zum Anlass, unsere Arbeit in Windeseile in einer für uns bis dahin nicht vorstellbaren Art und Weise zu verändern. "Hamburg schützt seine Kinder", hieß es jetzt und "Geschlossene Heimerziehung", ein neues achte Jugendamt (das FIT - Familieninterventions-Team) und eine Task-Force (jetzt Kinderschutzbeauftragte genannt) wurden geschaffen.

Als dann der Fall Lara Mia 2009 in Hamburg-Wilhelmsburg passierte, wurde dem letzten Zweifler klar: Wir waren nicht mehr beratende und begleitende Sozialarbeiter vor Ort, sondern fallzuständige Fachkräfte, die als Case-Manager in einem zunehmend intervenierenden und kontrollierenden Jugendamt Kindeswohlgefährdungen abwenden sollen und Hilfen zur Erziehung "organisieren". (Anmerkung der Redaktion: Lara Mia war am 11. März 2009 tot von Rettungskräften in der Wohnung ihrer Eltern aufgefunden worden. Die Obduktion hatte eine deutliche Unterernährung des Mädchens ergeben, das nur noch 4,8 Kilogramm wog, das Doppelte wäre in dem Alter normal gewesen.)

Die Kinderschutz-Hotline und viele interne Fachanweisungen, die der neu geschaffene Paragraf 8a des Kinderjugendhilfegesetzes (KJHG) mit sich brachte, haben dann zu einer Dokumentationsflut geführt.

Das hat unsere Arbeit verkompliziert und erschwert. Heute gleicht die Arbeit eines Jugendamtsmitarbeiters einem technokratischen Machtwerk und hat mit dem, was ich in den achtziger und neunziger Jahren als Sozialarbeiter tat, nichts mehr gemein.

Der "böse Behörden-Onkel"

Die Fälle sind komplexer geworden. Heute kann es noch häufiger als früher sein, dass ein Sozialarbeiter pro Fall mit bis zu 20 Personen zu tun hat: Es muss neben den Eltern und dem Kind mit Ärzten, Lehrern, Vermietern, Rechtsanwälten, Kindertagesheimen und manchmal sogar mit Polizisten für Fallkonferenzen Kontakt gehalten werden. Mit dem Wandel der Gesellschaft hat sich auch der Erziehungsstil verändert: Es ist schwer für ASD-Mitarbeiter, es allen recht zu machen. Und zwar von Beginn an. Der Sozialarbeiter sitzt überwiegend am Schreibtisch, arbeitet am PC und muss entscheiden: Was ist ein Fall? Wann wird ein Fall ein Fall? Die Antwort liegt immer im Ermessen des einzelnen Mitarbeiters.

Mit dem Fall Jessica begann eine neue Zeitrechnung. Für Sozialarbeiter in Hamburg gibt es inzwischen nur noch "vor und nach Jessica". Früher war unsere Arbeit Beratung, jetzt ist sie Intervention. Heute wird bereits nach dem ersten Kontakt mit einer Familie eine Akte angelegt, auch wenn sich die Familie freiwillig an die Helfer gewandt hat. Damit ist der Fall beim Jugendamt registriert, was viele Eltern abschreckt.

Der Dokumentationsaufwand ist enorm, meiner Einschätzung nach pflegt der Sozialarbeiter nur noch 30 Prozent seiner Zeit den direkten Kontakt zur Familie. In der restlichen Zeit arbeitet er vom Amt aus und dokumentiert - auch aus Selbstschutz: Jeder Sozialarbeiter muss ständig eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung befürchten.

Die Kunst eines ASD-Sozialarbeiters bestand früher darin, nicht der "böse Behörden-Onkel" zu sein, heute scheint es den verantwortlichen Politikern und Fachvorgesetzen sinnvoll, wenn wir als Kontrolleure bei Konflikten in Familien auf der Matte stehen. Und offenbar glauben sie selber daran, dass unser Auftreten dann umgehend zu einer Verhaltensänderung führt. Das gelingt nur, wenn man den notwendigen Respekt der betroffenen Familie gegenüber hat und wenn man beachtet, wie weit man mit Fragen zugelassen ist: Nur so bekommt man Zugang zur Familie.

Die Arbeit ist hart. Ständig muss man Menschen Sachen vermitteln, die ihnen nicht gleich in ihr Lebenskonzept passen, ständig hat man mit Konflikten zu tun. Es ist ja nicht so, dass unsere Klienten nicht liebevoll mit ihren Kindern umgehen wollen - sie schaffen es häufig nur nicht, weil sie Barrieren gegenüber stehen, die sie nicht sehen, bemerken oder erfahren haben - und die sie nicht leicht überwinden können, weil sie als fremd wahrgenommen werden.

Die Anzahl der Erwachsenen, die ihren Kindern nicht wohlgesonnen ist, mag größer geworden sein, dieser Personenkreis darf aber nicht zur alleine bestimmenden Ausrichtung für die Arbeit im ASD genommen werden. Und ganz wichtig: Das Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfe, KJHG) muss in seinen beratenden und fördernden Absichten die maßgebliche Bedeutung behalten.

Trotzdem fühlte ich mich von meinem Job beglückt, vielleicht auch, weil sich Sozialarbeiter und Klient zu meiner Zeit gegenseitig nie unverhältnismäßig begegneten - obwohl sie unterschiedliche Ansichten hatten.

Es gibt Fälle, an die denke ich noch heute, die kann man bewältigen, aber nicht vergessen. Das kann mir auch keiner abnehmen, das würde ich auch gar nicht wollen. Denn bis heute ist es schön, dass man gegrüßt wird von den Betroffenen - obwohl man wusste, dass man manchmal - mindestens vorübergehend - als das Arschloch in der betreffenden Familie galt.

*Die Namen sind der Redaktion bekannt.



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