Jugendamtsmitarbeiter Manager des Elends

Deutschlands Jugendämter haben 2011 insgesamt 38.500 Jungen und Mädchen in Obhut genommen, meldet das Statistische Bundesamt. Die Sozialarbeiter stehen unter enormem Druck. Vier von ihnen erzählen aus ihrem Alltag: von Eltern, die ihre Kinder nicht füttern, nicht pflegen, sondern vernachlässigen.

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Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt
DPA

Wohnung eines vernachlässigten Kindes: 38.500 wurden 2011 aus ihren Familie geholt


Chantals Leben beginnt traurig. Die Mutter säuft, der Vater nimmt Drogen. Im Alter von sieben Jahren nehmen Mitarbeiter des Jugendamts den Eltern das Mädchen weg, geben es zu Pflegeeltern in Hamburg.

Doch dieser Schritt ist keine Wendung zum Guten. Chantals Leben endet traurig. Am 16. Januar 2012 wird sie in der Wohnung der Familie leblos aufgefunden. Laut Obduktion starb die Fünftklässlerin an einer Überdosis Methadon, der Ersatzdroge für Heroinabhängige. Chantals Pflegeeltern sind heroinabhängig, seit Jahren nehmen sie an einem Methadonprogramm teil.

Jugendämter müssen eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen vor Gefährdungen in Obhut nehmen. Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mitteilte, waren im vergangenen Jahr 38.500 Kinder und Jugendliche davon betroffen. Das waren etwa 2100 oder sechs Prozent mehr als 2010. Seit 2007 nahm die Zahl der Inobhutnahmen um 36 Prozent zu.

Im Fall Chantal stellen sich drängende Fragen: Warum wählte das Jugendamt, als es das Mädchen aus seiner Familie nahm, ehemalige Junkies als Pflegeeltern aus? War die Inobhutnahme überhaupt die richtige Entscheidung?

Fragen, denen sich die Verantwortlichen nun stellen müssen. Fest steht: "In den Jugendämtern herrscht Notstand", sagt Christiane Blömeke, Sprecherin der Hamburger Grünen-Fraktion GAL für die Bereiche Familie, Kinder und Jugend. Die GAL will die Zahl der Fälle, die eine Fachkraft im Jugendamt zu betreuen hat, auf 35 begrenzen. Denn Jugendämter mit geringeren Fallbelastungen haben in der Regel auch weniger Mitarbeiter, die den Dienst quittieren, wie eine Anfrage Blömekes ergeben hat - und die Fluktuation im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), der an die Jugendämter angeschlossen ist, ist wegen der hohen Belastung enorm. Man dürfe nicht bei der Betroffenheit stehen bleiben, die der Tod von Chantal ausgelöst hat, so Blömeke.

Wie gehen die Sozialarbeiter mit der Belastung um? SPIEGEL ONLINE hat mit vier Mitarbeitern des Jugendamts in Hamburg gesprochen.



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