14. April 2008, 16:11 Uhr

Jugendgewalt

Schwere Mädchen

Von Barbara Hans, München

Sie prügeln, randalieren, klauen, nehmen Drogen und tauschen ihren Körper gegen ein Dach über dem Kopf: Gewaltbereite junge Frauen stehen ihren männlichen Altersgenossen in nichts nach - und verhalten sich doch ganz anders. Besuch in einem geschlossenen Mädchenheim.

München - "Die hat es echt verdient. Das denke ich heut noch." Jessica schaut aus dem Fenster. Der Asphalt draußen ist rot bemalt, weiße Linien umranden ein Basketballfeld. Am 18. August 2006 hat Jessicas Mutter sie nach Gauting gebracht, in eine geschlossene Wohngruppe. Wenn man Jessica fragt, warum sie nach Gauting gekommen ist, wo alle Türen verschlossen sind und Ausgänge genehmigt werden müssen, antwortet sie: "Ich bin hier wegen Alkohol, Abhauen, Körperverletzung und Schlägerei. Ich hatte Probleme mit den Keulen. Da reichte ein falsches Wort. Oder wenn die mich blöd angeguckt haben." Keulen? "Andere Tussis, Mann."

Bevor sie nach Gauting kam, hat Jessica in Kassel auf der Straße gelebt, monatelang. Immer wieder war sie von zu Hause, der Mutter, dem Stiefvater, dem "kompletten Bruder", dem Halbbruder und der Stiefschwester weggelaufen. "Abgehauen", sagt Jessica. Die Sonderschule hatte sie damals schon seit Monaten nicht mehr besucht.

Das Mädchen, das es "verdient hat", rang tagelang auf der Intensivstation um sein Leben. Jessica sagt, die andere habe es provoziert, dass sie ihr immer wieder "ins Herz reingetreten hat". Sie hatte Jessicas Freund angegraben, mitten in der Stadt.

Da ist Jessica mit ihrem Freund zur Wohnung des Mädchens gegangen, er hat die andere unter einem Vorwand auf die Straße gelockt. Neben der Haustür hat Jessica gewartet. Und zugeschlagen. Bis irgendwer den Arzt gerufen hat. Dann ist Jessica weggerannt. Die Polizei hat sie trotzdem gekriegt, wenig später. Jetzt ist sie vorbestraft: Schwere Körperverletzung lautete die Anklage. Während sie erzählt, knibbelt und knabbert Jessica an ihren Nägeln. Im Regal neben ihr türmen sich Fachbücher über sexuelle Aufklärung, autoaggressives Verhalten und psychosoziale Erkrankungen im Jugendalter.

"Meinen Schwestern tu ich nichts"

Jessica, in Jogginghose, pinkfarbenem Pulli, Palästinenser-Halstuch und offenen Turnschuhen, kann nicht auf dem gepolsterten Stuhl im Besprechungszimmer sitzen bleiben. Sie steht auf, läuft um den Tisch, setzt sich kurz, geht zum Fenster. Fast so, als würde sie gescheucht.

"Ich weiß nicht, wie das kam, aber bislang hab ich nur einmal eine abgekriegt." Jessica schaut auf den bunten Flickenteppich. "Einmal waren die 50 und ich alleine. Die haben mich mit 'nem Tele geschlagen." Ein Tele sei so ein "Ding", was "die Bullen" haben, wie ein Schlagstock. "50 gegen einen. Das hätt' ich nie gemacht." Später hat sich Jessica dann eines der Mädchen aus der Gruppe geschnappt, um sich zu rächen. Sie hat ihm immer wieder in den Bauch getreten, um zu zeigen, dass sie "nicht so schwach ist" und sich auch alleine wehren kann.

Die, die am Boden lag, war schwanger, wie sich später herausstellte. Ihr Kind hat sie durch Jessicas Tritte verloren. "Das geschieht der ganz mit Recht. Die hätte ihr Kind auch nur geschlagen", sagt Jessica wieder am Fenster stehend. "Aber meinen Schwestern tu ich nichts."

Wer eine "Schwester" ist und wer nicht, ist schwer zu sagen: "Wenn man mich dumm anmacht, oder meinen Freund dumm anmacht, ihm an den Schwanz packt, oder meine Mutter beleidigt, dann ...", sagt Jennifer und schluckt das Ende des Satzes runter. Dann macht sie einen neuen Anlauf. "Wenn ich aggressiv bin, fang ich an zu schlagen." Manchmal reicht zur Provokation auch schon das falsche Aussehen: die falschen Haare, die falsche Kleidung. "Wenn das so eine Tussi ist mit voll viel Make-up. Oder so eine Möchtegern-Shakira. Niemand hat das Recht, über meinen Style zu reden."

Jessica ist ein wenig stolz darauf, dass sie nicht so wirkt, als könne sie andere krankenhausreif prügeln. Sie ist groß, aber nicht massig. Mit den langen dunklen Haaren und dem schmalen Gesicht wirkt sie sehr feminin.

Von sich erzählen will Jessica nur, solange ein anderes Mädchen mit im Raum ist: "Nichts gegen Sie, aber ich bin nicht gern mit Fremden allein, dann komm ich mir so beobachtet vor."

Wie Opfer zu Tätern werden

Wichtig ist nicht nur, was die Mädchen erzählen, sondern auch, was sie verschweigen. Oder nur erzählen, wenn es ihnen nicht persönlich zugeordnet wird. Die Geschichten der Mädchen aus Gauting haben zwei Seiten. Die, über die sie offen sprechen, auf die sie stolz sind: Diese Geschichten handeln von der eigenen Härte beim Leben auf der Straße, dem Mut, nur nach den eigenen Prinzipien zu handeln. Und von der Unverfrorenheit, denen, die anders denken, mit Schlägen zu zeigen, wer mächtiger ist.

Doch es gibt auch den Teil, über den die Mädchen nicht gern sprechen, bei dem sie dicht machen, sich in Übersprungshandlungen verlieren. Der handelt von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigungen, Schlägen, Demütigungen durch die eigenen Eltern, Erniedrigungen aller Art.

In eine geschlossene Einrichtung kommt nur, wer mit seiner Freiheit nicht umgehen konnte und immer wieder abgehauen ist. Von den Eltern, aus Wohngruppen. Vor sich selbst, dem eigenen Leben, den eigenen Problemen. Viele der Teenager haben Monate auf der Straße gelebt. "Auf Trebe sein", sagen die Mädchen. "Entweichungen", sagt Bernhard Stadler, Psychologe und Heimleiter. Dazu kommen Probleme in der Schule, Drogen, Alkohol, Tabletten.

Stadler ist ein ruhiger Mann mit wachen Augen. "Die Opfer von gestern sind die Täter von heute", sagt er, in seinem Besprechungszimmer sitzend. Zwischen den Sätzen macht er lange Pausen, so als wolle er sicher gehen, dass die Worte auch genau treffen, was er meint.

Viele Mädchen erleben im Heim zum ersten Mal einen strukturierten Alltag. Außerdem versuchen die Erzieher, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen: In Gesprächen werden die Probleme der Jugendlichen thematisiert. Die Mischung aus beidem nennt Stadler "liebevolle Strenge": "Die Erziehung ist autoritär, nicht partnerschaftlich. Wir geben die Regeln vor und schauen, dass sie eingehalten werden." Stadler sagt, es sei wichtig, die Mädchen zugleich als Täter und Opfer zu sehen. "Wir helfen ihnen nicht, indem wir nur Mitleid haben, und wir helfen ihnen auch nicht, wenn wir ihr Verhalten nur Sanktionieren und nicht versuchen, es zu verstehen."

Keine Eltern, keine Achtung

Wer ihr Verhalten verstehen will, muss wissen, dass jedes zweite Mädchen in Gauting Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist, dass viele, wenn sie auf der Straße leben, ihren Körper gegen ein Dach über dem Kopf tauschen, weil sie ohnehin das Gefühl haben, nichts wert zu sein.

"Viele haben keine intakten Familien. Die Eltern sind oft gestörter als ihre Kinder. Sie nehmen Drogen, trinken Alkohol und sind inkonsequent: Einmal lacht der Vater und beim nächsten Mal schlägt er wegen derselben Sache zu", sagt Stadler. Die größten Erfolge haben die Erzieher, wenn Eltern mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist nicht immer der Fall: Einige haben Schuldgefühle, andere Angst, alle sind überfordert mit dem Verhalten ihrer Kinder.

Bei manchen Eltern stoßen die Pädagogen schlicht auf Desinteresse. In Gauting gibt es Elternapartments, im günstigsten Fall kostet eine Übernachtung gerade zehn Euro. Doch die kleine Wohnung steht fast immer leer. Und die Mädchen? Sie warten. Auf ein Päckchen zum Geburtstag, einen Brief, einen Anruf. Vergeblich.

"Abhalten kann mich nur meine Mutter"

Können härtere Strafen die Mädchen von der Kriminalität fernhalten? "Hören Sie mir auf. Das bringt gar nichts", sagt Stadler, für seine Verhältnisse sehr energisch. "Sie glauben doch nicht, dass die Mädchen so rational denken. Dass sie in den Momenten so abwägen und eine höhere Strafe sie abhalten würde. Wir müssen stärker präventiv arbeiten." Jessica haben ihre 100 Sozialstunden in der Krankenhausküche nicht weitergebracht, auch wenn sie "übelst anstrengend" waren. "Abhalten kann mich nur meine Mutter", sagt sie. Ein Bild von ihr klebt mitten auf dem mit Fotos beklebten, gelben Pappherz, das in Jessicas Zimmer steht.

Die 15-Jährige wohnt inzwischen in einer offenen Gruppe in Gauting, darf das Heim also nach Absprache mit den Betreuern zwischendurch verlassen und nach Hause zu ihrer Familie fahren. Im Sommer wird sie in eine andere, offene Wohngruppe ziehen. Vielleicht schafft sie bis dahin ihren Sonderschulabschluss. Wie geht es dann weiter? "Ich kann jetzt sagen, ich werd' in Zukunft nicht mehr ausrasten. Aber vielleicht passiert es doch."

Dann tritt sie einen Schritt vom Fenster zurück, streckt die Hand aus und bedankt sich höflich für das Gespräch.


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