Geschlossene Heime für Kinder und Jugendliche: "Freiheitsentzug ist nur ein Rahmen" 

Wann muss ein Kind oder ein Jugendlicher zur Erziehung eingeschlossen werden? Was kann eine Mauer bewirken, wenn alle anderen Maßnahmen erfolglos waren? Diplom-Pädagogin Sabrina Hoops vom Deutschen Jugendinstitut erklärt den Sinn geschlossener Heime.

Jugendlicher auf der Straße: "Hab die Geschlossene gebraucht, aber wünsch es keinem" Zur Großansicht
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Jugendlicher auf der Straße: "Hab die Geschlossene gebraucht, aber wünsch es keinem"

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet eine geschlossene Unterbringung für Kinder und Jugendliche?

Sabrina Hoops: Eines muss man wissen: Bei freiheitsentziehenden Maßnahmen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe geht es nicht um Strafe. Hier wird niemand weggesperrt, weil er strafrechtlich in Erscheinung getreten ist, also beispielsweise geklaut oder eine Körperverletzung begangen hat. Anlass für eine solche Heimunterbringung sind vielmehr die massiven Probleme der Kinder und Jugendlichen, die schließlich dazu geführt haben, dass eine Sicherung des Kindeswohls mit offenen Hilfen nicht mehr zu gewährleisten war.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Probleme?

Hoops: Kinder und Jugendliche, für die freiheitsentziehende Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, haben vielfach ein ganzes Bündel an Problemen: Schwierigkeiten in der Familie und der Schule, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Aggressivität, Delinquenz. Auch Weglaufen ist ein großes Problem. Wir wissen aus unseren Studien, dass ein Großteil zum Zeitpunkt einer Aufnahme eine regelrechte Maßnahmenkarriere hinter sich hat, teilweise mit Pendelkarrieren, das heißt raschen Wechseln zwischen verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe, Aufenthalten zu Hause und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Keine Hilfe hat den gewünschten Erfolg gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Und ausgerechnet eine Mauer soll helfen?

Hoops: Nein, natürlich nicht! Was hilft, ist die pädagogische Arbeit! Durch den freiheitsentziehenden Rahmen wird zunächst nur gewährleistet, dass sich die Kinder und Jugendlichen nicht entziehen können, auch wenn anfänglich meist großer Widerstand da ist. Mit dieser intensivpädagogischen Form der Unterbringung wird die Möglichkeit eröffnet, die Kinder und Jugendlichen überhaupt erst zu erreichen, um dann an ihren Problemen anzusetzen und gemeinsam mit ihnen an ihren Zielen zu arbeiten. Alle Einrichtungen, die ich kenne, arbeiten mit qualifiziertem pädagogischem Personal und haben einen sehr guten Betreuungsschlüssel. Ziel ist es immer, den Kindern und Jugendlichen möglichst schnell wieder Freiräume zu eröffnen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es viele Kritiker.

Hoops: Ja, und das ist auch gut so, denn jeder Freiheitsentzug ist ein gravierender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Der Gesetzgeber hat die Hürde deshalb auch sehr hoch gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die geschlossene Unterbringung gesetzlich geregelt?

Hoops: Die Regelungen finden sich vor allem im § 1631b BGB. Nur solange von dem Kind eine Gefahr für sich oder andere ausgeht, kann eine freiheitsentziehende Maßnahme in Betracht gezogen werden. Und die muss dann von einem Familiengericht beschlossen werden. Dazu müssen ein kinder- und jugendpsychiatrisches Gutachten sowie eine Stellungnahme des Jugendamtes vorliegen. Außerdem wird ein Verfahrensbeistand eingesetzt und das Kind selbst sowie seine Eltern angehört.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Kinder und Jugendliche in einem geschlossenen System überhaupt lernen, ein Leben in Freiheit zu führen?

Hoops: Das ist die ganz große Herausforderung. Die Einrichtungen arbeiten nach Stufenplänen, das heißt mit einem Modell der sukzessiven Öffnung. Zentrale Elemente im pädagogischen Alltag sind die Beziehungsarbeit, die Verhaltenspädagogik, der Gruppenprozess und die individuelle Hilfeplanung. In jedem Fall muss frühzeitig darauf hingearbeitet werden, den Übergang zu gestalten und eine passende Anschlussmaßnahme zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Niedersachsen, Bayern, Brandenburg - mehrere Bundesländer haben in den vergangenen Jahren geschlossene Heime neu eingerichtet oder geplant. Gibt es einen Boom?

Hoops: Nein, auch wenn es seit 1996 bundesweit einen Anstieg der Plätze und der Einrichtungen gibt. Aber eines ist ganz wichtig: Es handelt sich mit den derzeit rund 370 Plätzen um einen sehr, sehr kleinen Teil der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Forschungsergebnisse zum Erfolg geschlossener Konzepte?

Hoops: Die Frage nach dem Erfolg ist komplex und nicht einfach zu beantworten. Zum einen mangelt es an Langzeituntersuchungen, zum anderen orientiert sich der Erfolg immer am Einzelfall. Ein Erfolg kann hier schon sein, wenn ein Kind, das lange als Schulverweigerer galt, eine Chance auf Bildung und einen Schulabschluss hat oder sich auf weitere offene Hilfen einlassen kann. Im Rahmen unserer Studie haben wir Jugendliche ein Jahr nach Verlassen der Einrichtung zu ihrer weiteren Entwicklung befragt. Die meisten besuchten eine offene Einrichtung, einige waren zu Hause, manche haben sogar eine Ausbildung beginnen können. Generell können aber in pädagogischen Prozessen keine Erfolgsgarantien gegeben werden - insbesondere nicht in den schwierigsten Fällen, um die es hier geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sahen die Kinder und Jugendlichen, die Sie im Rahmen Ihrer Studien befragt haben, ihre Zeit im geschlossenen Heim?

Hoops: Bei aller Ambivalenz zogen die Befragten zumeist eine positive Bilanz. Typische Aussagen waren "es war hart, aber es hat mir viel gebracht" oder "ich hab die Geschlossene gebraucht, aber wünschen tu ich's keinem" oder "wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich es auch draußen".

Das Interview führte Simone Utler.

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  • DJI
    Sabrina Hoops, Diplom-Pädagogin, ist seit 1998 wissenschaftliche Referentin in der Abteilung "Jugendhilfe" am Deutschen Jugendinstitut e.V. in München.

    Das DJI führte Studien zu freiheitsentziehenden Maßnahmen durch, deren Abschlussberichte 2006 und 2010 veröffentlicht wurden. Das DJI untersuchte, wo es derartige Einrichtungen gibt, wie dort gearbeitet wird, unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche dorthin kommen und wie diese ihre Zeit dort sehen.


Jugendhilfe in Deutschland
  • DPA
    Immer wieder werden Fälle von Vernachlässigung bekannt. Die Namen einzelner Kinder stehen für unvorstellbare Schicksale: Jessica, Kevin, Chantal, Marcel. Das Statistische Bundesamt meldet, dass immer mehr Mädchen und Jungen vom Jugendamt in Obhut genommen werden. Wie aber arbeiten die Sozialarbeiter? Wie die Jugendämter und Familienhelfer? Wie viel Kontrolle darf ein Staat ausüben? In einer losen Reihe beschäftigen wir uns mit Jugendhilfe in Deutschland.