Von Silvia Dahlkamp
Doch der Erpresser stand unter Drogen, redete wirr, war gereizt. Auf der Rückfahrt von einem Lokal geriet alles außer Kontrolle. "Der sollte endlich seine Fresse halten, ich wurde böse. Und plötzlich saß auf dem Beifahrersitz des Autos nur noch eine Strohpuppe. Ich bearbeitete sie, wie ich es bei der Armee gelernt hatte."
14-mal stach Kirr zu, in den Hals, den Nacken, und immer wieder in die Brust, mit so viel Wucht, dass dem anderen mehrere Rippen brachen. Damit der Erpresser auch wirklich tot war, feuerte Hans-Joachim S. noch mit einer 9-Millimeter-Pistole auf ihn. Danach fuhren die beiden Kumpel so lange mit dem Nissan Patrol herum, dass sie den Toten kaum noch aus dem Wagen bekamen. Die Leichenstarre hatte schon eingesetzt. In einem Wald zündeten sie ihn an, das war's. Dachten sie.
Das Leben ist eine Straße mit vielen Kreuzungen. Rechts, links, geradeaus. Ivan Kirr weiß: "Ich bin zu oft falsch abgebogen." Hat er Mitleid mit den Schülern, die heute vor ihm sitzen? "Nein, sie sind für sich selbst verantwortlich. Sie haben die Wahl." Als damals ein Freund von ihm in den Knast ging, fand Ivan das cool. "Das sitzt man doch mit einer Arschbacke ab, da lernste endlich Yoga", spottete er, und die anderen Kumpel grölten.
Aber "Gefängnis ist nicht wie im Fernsehen - Basketball spielen, in der Kantine essen, Banden bilden", warnt Kirr in Grabow. "Es ist kalt, macht krank. Du kommst nie raus aus dem Zwölf-Quadratmeter-Loch, starrst den ganzen Tag an die graue Wand, kannst mit niemanden quatschen."
Einmal im Monat, eine Stunde, kam die Mutter. Breiter Tisch, trauriger Blick, Umarmen verboten. Kirr erzählt, wie sich Eltern und Verwandte schämten - für den missratenen Sohn. Und von der Beobachtungszelle, wo Selbstmordkandidaten nackt auf eine Pritsche geschnallt werden.
"Alle Wärme in mir ist gestorben"
Ivan Kirr hat geheult, geschrien, getreten. "Ich war unendlich einsam. Nach einem Jahr bekam ich Depressionen. Die Wände kamen auf mich zu. Ich dachte, sie quetschen mich tot." Aus Langeweile holte er an einer Fern-Uni sein Abi nach. Weil er sechs Jahre in Einzelhaft saß, lernte er einsam in seiner Zelle. Durchschnitt 2,6.
Mehr als ein Drittel seines Lebens verbrachte Ivan Kirr im Gefängnis. Draußen ging das Leben ohne ihn weiter: Als er vor vier Jahren raus kam, hatte er noch nie an einem Computer gesessen, noch nie eine E-Mail geschrieben, noch nie mit einem Handy telefoniert. Und er hatte Angst, andere Menschen zu berühren: "Alle Wärme in mir ist gestorben."
Dabei hat er noch Glück gehabt: Er bekam eine Stelle im Hamburger Hafen, sogar als Vorarbeiter.
Ivan zeigt mit dem Finger auf Peter, der gerade erzählt hat, dass er einen anderen bedroht hat: "Du erzählst hier ganz lustig, dass du Ärger mit der Polizei hast? Denkst dir, dass nichts passieren kann, weil du noch minderjährig bist. Glaub mir, es gibt trotzdem eine Akte. Und irgendwann, wenn du vor Gericht stehst, wird alles vorgelesen - alles, jeder Mist. Und dann landest du im Knast. Spätestens in der Zelle merkt ihr, dass ihr der Arsch seid."
Es klingelt. Die Stunde ist um. Die Jugendlichen rennen aus dem Klassenzimmer. Josefine, Magda und Peter werden im nächsten Jahr die Schule verlassen - wahrscheinlich ohne Abschluss.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Jugendkriminalität | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH