Jugendliche Asylbewerber Ein Brief für Ibrahim

Als er vor dem Krieg in Guinea flieht, ist Ibrahim 15. Er geht in Hamburg zur Schule, lernt die Sprache, findet Freunde. Jetzt, drei Jahre später, muss Deutschland sich entscheiden: Darf Ibrahim bleiben?

Von Jochen Brenner

Jochen Brenner

Hamburg - Zur vollen und halben Stunde schlägt die Uhr. Sie teilt den Wahnsinn in 30-Minuten-Einheiten, es ist ein altes Modell zum Aufziehen, laut, klobig und unbestechlich präzise. Unter der Uhr haben in schweren Ledersesseln zwei Männer Platz genommen. Dem Alten gehört die Uhr seit Jahrzehnten, der Junge erschrickt manchmal vor ihren Schlägen. Beide warten auf einen Brief.

In ihm wird stehen, ob Ibrahim, der Junge, in Deutschland bleiben darf. Claus Engelhardt, der Alte, wird dann wissen, ob er in einem Land lebt, das Menschen abschiebt, die seine Hilfe bräuchten. So sieht er die Sache.

Ibrahim ist 18 Jahre alt, geboren in Guinea, vor drei Jahren in Hamburg gestrandet, mittellos, Halbwaise. Claus Engelhardt ist 64, einst Unternehmer mit 250 Angestellten, jetzt Privatier, Segelboot auf der Alster, Altbauetage in Eppendorf. Er ist Ibrahims Vormund.

Schüsse fallen in den Straßen von Conakry, als Ibrahim mit seinem Vater vor Jahren demonstrieren geht, gegen die Militärregierung des Landes, die auf ihre Bürger schießt, wenn sie Kritik wagen. Soldaten ziehen durch die Viertel der Hauptstadt Guineas, brechen in Häuser ein, nehmen sich, was sie brauchen können, auch Ibrahims Familie verschonen sie nicht. Sie vergewaltigen seine Schwester, der Vater kommt eines Tages nicht mehr nach Hause, er stirbt im Krankenhaus, das ist die offizielle Version. Seine Mutter übersteht die Angriffe unverletzt, sorgen kann sie für Ibrahim nicht mehr. Wo sie lebt, wie es ihr geht: Niemand weiß das. So erzählt es Ibrahim, zwei Hamburger Psychiater halten seine Geschichte für sehr glaubwürdig.

Heimlich bringt ihn ein Freund des Vaters zum Flughafen nach Accra, in die Hauptstadt Ghanas. Als Ibrahim in Frankfurt aus dem Flugzeug steigt, sieht er ein Land, das er für einen Traum hält, einen bösen, weil Ibrahim dort fremd ist, der Sohn eines Kuhhirten aus Guinea - und für einen guten, weil niemand auf ihn schießt. Ein Passant setzt ihn in den Zug nach Hamburg, Winterlandschaften fliegen an Ibrahim vorbei, Menschen in dicken Jacken reden in einer harten Sprache auf ihn ein. Am Hauptbahnhof steigt er aus, ein Teenager ohne Geld, der nur Fulfulde spricht, Französisch versteht und Suren aus dem Koran auswendig kann. Das war im Februar 2009.

Nicht arbeiten und Hamburg nicht verlassen

Seitdem wartet Ibrahim auf den Brief der Ausländerbehörde, erst alleine, jetzt mit Claus Engelhardt, seinem Vormund, jede halbe Stunde schlägt die Uhr. "Es ist wie Gefängnis mit Rumlaufen", sagt Ibrahim, der in einer Wohngemeinschaft mit anderen Flüchtlingen lebt. Sein Asylantrag läuft, die Duldung muss er alle sechs Monate verlängern lassen, er darf nicht arbeiten, Hamburg nicht verlassen. Er wartet darauf, dass Deutschland entscheidet, was mit ihm wird.

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge, die allein nach Deutschland kommen. Der Großteil der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen kommt aus dem Irak, andere aus Äthiopien, Eritrea, Guinea und Afghanistan. Niemand kann genau sagen, wie viele von ihnen im Moment in Deutschland leben. Flüchtlingsverbände schätzen, dass es 3000 bis 5000 sind, legal oder illegal.

Wer unter 18 Jahren ist, hat einen Anspruch darauf, betreut und unterstützt zu werden. Im besten Fall findet sich ein Vormund wie Claus Engelhardt. Wer über 18 ist, landet in Aufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber und ist auf sich allein gestellt.

Ibrahim kämpft gegen die Erinnerung an die Eltern, an seine Schwester, an die Heimat, er kämpft gegen Flashbacks. Und gegen die Nächte. Wenn die Panikattacken kommen, in denen es Ibrahim nicht gelingt, im Nebel zwischen Wachen und Träumen imaginäres Blut von seinen Armen und der Brust zu wischen; wenn er immer wieder erlebt, was er zu Hause in Conakry mit ansehen musste, dann findet er erst morgens gegen 5 zurück in den Schlaf.

In der Schule kommt er zurzeit nicht gut mit. Engelhardt und die Lehrer sind in Sorge um ihn, der immer müder wird, nicht aufhören kann zu gähnen, der abdriftet, den Blick ins Leere gerichtet.

Bei einem ersten Treffen im letzten Winter spielte Ibrahim Theater in einer Gruppe junger Flüchtlinge. Er wirkte gelöst, befreit durch den Rollenwechsel. Inzwischen hat er das Theaterspielen aufgegeben. Er verstand die Stücke nicht mehr, sie machten ihm Angst. Die Schauspieler kamen und gingen, manche wurden abgeschoben, einige durften bleiben. "Die Leute haben mich immer gefragt, was macht dein Asyl", sagt Ibrahim. "Ich sage, ich kann jeden Tag ins Flugzeug kommen."

Reden ist die einzige Verbindung

In der Ausländerbehörde sieht Ibrahim eine fremde Macht, die alles daransetzt, ihn wieder außer Landes zu schaffen. Es ist schwierig, ihm zu erklären, dass die Beamten nicht seine Gegner sind.

Anfangs lernte er in seiner Klasse schnell Deutsch, seit einem Jahr geht es nicht recht weiter. Ibrahim versteht, aber er ringt mit den Sätzen, bricht sie ab, fängt neue an. Er will reden, es ist seine einzige Verbindung zu Claus Engelhardt, den er "meinen Papa" nennt. Als er einmal glaubt, alles gesagt zu haben über die Angst, das Warten, die Zukunft sagt er einfach: "Ich will meine Träume haben."

Ibrahims Erfahrungen in Deutschland stehen für vieles, wogegen Politiker und Kinderrechtsorganisationen kämpfen. Es sind Missstände, die vor einigen Jahren auch die EU-Kommission rügte: Deutschland sei neben Portugal und Schweden der einzige EU-Staat, in dem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge über 16 Jahren häufig nicht in Jugendwohnheimen oder Pflegefamilien, sondern in Asylbewerberheimen für Erwachsene untergebracht werden. Die Uno-Kinderrechtskonvention gilt nur eingeschränkt in Deutschland. Sie räumt jedem Flüchtlingskind die gleichen Rechte wie einem einheimischen Waisenkind ein. Minderjährige Flüchtlinge sind in Deutschland oft Kinder zweiter Klasse.

Wenn Claus Engelhardt das Gefühl hat, dass seine Worte Ibrahim nicht mehr erreichen, setzt er sich an seinen Rechner und googelt nach Rezepten. "Die Leute sagen zu Ibrahim, dass alles gut wird", sagt Engelhardt. "Aber die Sätze erreichen ihn nicht."

Er geht dann mit ihm in den afrikanischen Supermärkten am Hauptbahnhof einkaufen: Lamm, Okraschoten, Mangos. Zu Hause kochen sie "Erdnusseintopf aus Guinea", das Rezept hat er beim "ARD Buffet" entdeckt.

Engelhardt ist als Unternehmer jahrelang durch den arabischen Raum gereist, er kennt viele Staaten Afrikas, versteht den Islam. Hat Stahlwerke ab- und aufgebaut, Bewässerungssysteme errichtet. "Es gibt Wirtschaftsflüchtlinge, die sich ein besseres Leben in Deutschland wünschen. Das geht nicht immer", sagt er. "Und es gibt Menschen, denen wir helfen müssen."

Kurz vor Weihnachten hat ein Richter des Verwaltungsgerichts Hamburg eine Verfügung unterschrieben, sie ist ein großer Erfolg für Ibrahim und Claus Engelhardt. Die Hamburger Ausländerbehörde muss innerhalb von vier Wochen entscheiden, ob Ibrahim in Deutschland bleiben darf oder nach Guinea abgeschoben wird.

Am Freitag soll der Brief kommen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
alex2k 12.01.2012
1.
Zitat von sysopAls er vor dem Krieg in Guinea flieht, ist Ibrahim 15. Er geht in Hamburg zur Schule, lernt deutsch, hat deutsche Freunde.*Jetzt, drei Jahre später,*muss Deutschland sich*endlich*entscheiden: Darf Ibrahim bleiben? Jugendliche Asylbewerber: Ein Brief für Ibrahim - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,808471,00.html)
3 Jahre? Nun ja, zumidnest wird er bald eine Entscheidung bekommen... Ich bin mit 12! (im Jahre 1992) nach Deutschland gekommen und der Prozess dauerte rund 10 Jahre! Wir (mein Vater) sind politische Flüchtlinge aus der Ukraine! Mittlerweile bin ich ein kräftiger Steuerzalher! ;)
hennochk 12.01.2012
2. Bereicherung
Zitat von sysopAls er vor dem Krieg in Guinea flieht, ist Ibrahim 15. Er geht in Hamburg zur Schule, lernt deutsch, hat deutsche Freunde.*Jetzt, drei Jahre später,*muss Deutschland sich*endlich*entscheiden: Darf Ibrahim bleiben? Jugendliche Asylbewerber: Ein Brief für Ibrahim - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,808471,00.html)
Ich hoffe das dieser junge Mann die Chance erhält, seine Heimat zu breichern. Dort kann er mit dem in Deutschland erworbenen Wissen mehr nütze sein als er es hier je könnte. Guinea braucht Menschen wie ihn: Solche, die die Zivilisation kennen- und schätzen gerlernt haben. Sie können sehr von ihm profitieren!
d_sam 12.01.2012
3. Abschieben
Nach 3 Jahren immer noch schlechte Deutschkenntnisse trotzdes Glücks eines Betreuers? Eine solche Ungewissheit täglich abgeschoben werden zu können ist natürlichbelastend aber dann nichts zu tun ist der völlig falsche Weg. Wer sich in der Zeit hier nicht als bereicherung für die Gesellschaft darstellen kann kann wieder gehen, denn eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben besteht in der heimat auch nicht, sonst würde die Abschiebung ja gar nicht erst möglich sein.
nbwDocSnyder 12.01.2012
4. Bereicherung?
Zitat von hennochkIch hoffe das dieser junge Mann die Chance erhält, seine Heimat zu breichern. Dort kann er mit dem in Deutschland erworbenen Wissen mehr nütze sein als er es hier je könnte. Guinea braucht Menschen wie ihn: Solche, die die Zivilisation kennen- und schätzen gerlernt haben. Sie können sehr von ihm profitieren!
Er wäre eine deutlich größere Bereicherung für seine Heimat, wenn er hier erstmal angenommen würde und ohne tägliche Angst abgeschoben zu werden eine vernünftige Ausildung machen würde. Dann könnte er - als echter Erwachsener und wenn er das möchte - wieder zurück in seine Heimat. Warum haben es so viele so eilig, diesen Jungen los zu werden? Weil er als Kind nur Suren aus dem Koran gelernt hat? Lernt man als Kind nicht fast immer nur das, was man vorgesetzt oder vorgelebt bekommt? Wie hätte er dort was anderes lernen sollen?
boeseHelene 12.01.2012
5.
Zitat von hennochkIch hoffe das dieser junge Mann die Chance erhält, seine Heimat zu breichern. Dort kann er mit dem in Deutschland erworbenen Wissen mehr nütze sein als er es hier je könnte. Guinea braucht Menschen wie ihn: Solche, die die Zivilisation kennen- und schätzen gerlernt haben. Sie können sehr von ihm profitieren!
und wenn Ibrahim dorthin nicht zurück möchte weil er Deutschland als seine Heimat ansieht? Schicken wir ihn gegen seinen Willen nach Guinea das Land braucht ihn so dringend, tolle Einstellung. Ich würde es ihm wünschen dass er dort leben kann wo er möchte.
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