Von Franziska Gerhardt
Hamburg - Fabian muss grinsen. "Alles, was mir Spaß macht, ist illegal", findet der 15-jährige Gymnasiast: "nämlich trinken, kiffen und malen". Malen bedeutet Graffiti-Sprayen. Seit er deswegen einmal nachts von der Polizei nach Hause gebracht wurde, machen seine Eltern sich große Sorgen. Sie schickten ihren Sohn zur Drogenberatung und setzen jetzt auf Konsequenz.
Klar hat er Mama und Papa lieb. Das sagt der Schüler nebenbei - und dann schnell etwas anderes, das nicht so peinlich ist. Fabian braucht keine Aufpasser. "Meine Eltern nerven schon derbe. Wenn ich raus will, ist es extrem schwer, an ihnen vorbeizukommen", erzählt er. "Nach der Sache mit der Polizei vertrauen sie mir nicht mehr - zu Recht."
Die Suchtberaterin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die ihm Risiken und Spätfolgen unterschiedlicher Drogen erklärte, hat ihn schon ein bisschen beeindruckt. "Mein Hirn will ich mir nicht komplett kaputtmachen. Härteres als Ganja lasse ich in Zukunft weg." Viele seiner Bekannten hätten so eine Lehrstunde hinter sich - mit dem Kiffen würde aber kaum einer aufhören.
Marihuana ist das große Thema für Fabian und seine Freunde. Auch Alkohol ist spannend - wie alles Verbotene: "Auf dem Kiez wollen wir uns möglichst schnell betrinken." Das Jugendschutzgesetz sei dabei kein großes Hindernis.
Vorbei an den Kontrollen
Für knapp 30 Euro könne sich im Internet jeder einen internationalen Studentenausweis mit Foto bestellen - Geburtsdatum, Name und Unterschrift seien dabei frei wählbar, sagt Fabian. Oft gehe es aber auch ohne gefälschte Papiere. "Irgendein Kiosk verkauft uns immer Bier oder eine Flasche Jägermeister", meint der Gymnasiast. Der Verkäufer einer kleinen Trinkhalle nahe Sankt Pauli bestätigt das. "Mit Fragen geht hier alles", sagt der kompakt gebaute Mann, "Große Freiheit und so."
Den meisten Eltern wird bei dieser Vorstellung angst und bange. Medienberichte über sogenanntes Komasaufen tragen nicht zur Beruhigung bei. Ebenso wenig der jüngste Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung: So landeten 2007 deutschlandweit 23.165 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Das entspricht einer Steigerung um 143 Prozent seit dem Jahr 2000. Andererseits ist Alkoholmissbrauch alles andere als ein Teenager-Problem: Etwa 9,5 Millionen Menschen trinken in riskanten Mengen. 1,3 Millionen sind alkoholsüchtig.
Gehen die Teenager in Gruppen aus, fürchten viele Eltern, dass sie in Schlägereien mit gefährlichem Ausgang geraten könnten. Um das zu verhindern, gibt es im Hamburger Kiez eine bundesweit einmalige Regelung: Waffen sind rund um die Reeperbahn und im Bahnhofsviertel St. Georg verboten. Auf großen gelben Straßenschildern sieht man, welche: Pistolen, Tot- und Baseballschläger, Messer und anderes.
"Streiten ist wichtig!"
Fabian wurde schon mal mit einem Schlagring erwischt. "Ich habe erzählt, der sei von einem Freund - und musste dann 35 Euro Strafe zahlen." Bei der Polizei hätte man beim ersten Vorfall dieser Art "so eine Art Freischuss". Wie soll die Familie reagieren, wenn das Kind mit solchen Kriegsgeschichten nach Hause kommt?
"Die Eltern sollten streitbereiter sein und verabredete Regeln konsequent durchsetzen. Sie trauen sich meist zu wenig, um des lieben Friedens willen. Das ist falsch - streiten zu können ist für die Entwicklung wichtig", rät Kinder- und Jugendtherapeutin Isabella Badwal. "Eltern dürfen ihre Kinder nicht in Ruhe lassen. Dann suchen sie sich andere, an denen sie ihre Grenzen austesten. Und das sind vielleicht die falschen Vorbilder."
Anstrengende Konflikte auszuhalten, immer wieder Grenzen zu setzen und weiter miteinander zu reden - das scheint die Kunst der Erziehung auszumachen. Leicht ist das für keinen. "Auf den Jugendlichen lastet ein erheblicher Druck, und zwar von allen Seiten", erklärt Badwal. "Die Eltern fordern Bestleistungen in der Schule, aus Angst, dass ihre Kinder später keine gute Ausbildung bekommen. In der Gruppe sind Äußerlichkeiten enorm wichtig, wie ein perfektes Aussehen, das neueste Handy. Dazu viele Freunde und Sexualpartner, die alle bei Facebook oder SchülerVZ zu sehen sein müssen." Oft fehle es an Verständnis für die Lebenswelt der Teenager.
Gerade mit der Bilderflut aus Fernsehen und Internet dürften Kinder und Jugendliche nicht allein gelassen werden. "Wenn Zehnjährige einen Porno sehen, überfordert sie das. Eltern müssen solche Eindrücke für ihre Kinder handhabbar und verstehbar machen und ihnen alles erklären. Egal, wie peinlich das ist."
Mehr Aufklärung an Schulen nötig
Neben den Eltern sieht Badwal auch die Schulen in der Pflicht. Lehrer sollten zu mehr Fortbildungen, etwa über Ess- und Aufmerksamkeitsstörungen, verpflichtet werden. "Manche Mädchen haben jahrelang eine Essstörung, und angeblich merkt das niemand, selbst, wenn sie immer dünner werden." Zudem sollten alle Schulen das Fach Sozialverhalten und Streitschlichtung einführen. Den Schülern müsse beigebracht werden, wie sie Konflikte gewaltfrei lösen können und dass gute Beziehungen keine Selbstverständlichkeit sind, sondern etwas, dass man sich erarbeiten muss.
"Die ganze Nacht wegzubleiben, ohne Bescheid zu sagen - das machen nur die wenigsten. Es ist ein sehr deutliches Alarmsignal. Warten Sie nicht darauf! Leider muss in sehr vielen Fällen erst etwas passieren, bevor die Eltern handeln", sagt die Therapeutin.
Und was wünscht Fabian sich von seinen Eltern? Klar: mehr Freiheit. "Sie sollten mehr Kompromisse machen. Wenn ich auf dem Handy immer erreichbar bin, müsste es doch okay sein, dass ich richtig ausgehe." Vielleicht nach seinem 16. Geburtstag. Noch darf er abends nicht länger als bis zehn unterwegs sein. Die Regeln, gegen die er protestiert, geben ihm aber auch Sicherheit - sie stehen verlässlich da, genau wie die Eltern.
Sein Verfahren wegen Sachbeschädigung, das dem "Malen" folgte, wurde inzwischen eingestellt. Richtig glaubwürdig wirkt Fabian als urbaner Jung-Gangster sowieso nicht. Er testet eher die eigenen Grenzen und die seiner Umgebung aus - seine Eltern haben sie ihm klar gezeigt. In der Schule läuft es inzwischen wieder ganz gut. Sogar sein Lateinlehrer habe sich bei den Eltern für ihn eingesetzt.
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