Jugendpfarrer Lothar König: Gottesmann ohne Heiligenschein

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Jugendpfarrer Lothar König: Gottesmann ohne Heiligenschein Fotos
dapd

Jenas Jugendpfarrer Lothar König kämpft seit Jahrzehnten gegen den Rechtsextremismus. Nun muss er sich vor dem Amtsgericht Dresden wegen schweren Landfriedensbruchs verantworten. Er soll zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen haben.

Angst ist Lothar König fremd. Dafür hat er schon zu oft aufs Maul bekommen. Er wurde angefeindet, ausgebuht. Die Narbe, die sich über das rechte Auge zur Schläfe zieht, erinnert daran, wie Neonazis im Juli 1997 mit einem Totschläger über ihn herfielen.

Aber das Gefühl der Ohnmacht kennt König gut. Von damals, als er als Schüler seine Bewunderung für Alexander Dubcek, Leitfigur des Prager Frühlings, kundtat und wenige Stunden später die Staatssicherheit den Bauernhof seiner Eltern nahe Nordhausen durchwühlte. Oder als er noch Pfarrer in Merseburg war, gegen die DDR-Staatsmacht aufbegehrte und Montagsdemos organisierte. Das Ministerium für Staatssicherheit bespitzelte ihn. Noch vor der Wende übernahm er die Junge Gemeinde in Jena (JG).

Lothar König, mit Rauschebart biblischen Ausmaßes und selbstgedrehter Kippe im Mundwinkel, hat sein Leben dem Kampf gegen Rechtsextremismus verschrieben. "Gegen Nazis sein ist eine Pflichtaufgabe", sagt er. Anfangs wollte er Skinheads noch in die Jugendarbeit integrieren, bis sie JG-Mitglieder mit Baseballschlägern zusammenschlugen. Die Bedrohung ließ sich nicht wegpädagogisieren. "Jena hat ein Neonazi-Problem", propagierte König in den neunziger Jahren und prophezeite, dass die Rechtsextremen die Orientierungslosen anwerben, sich mit Kadern aus dem Westen zusammentun und Kameradschaften gründen werden. Er wurde nicht ernst genommen.

Dann wurde bekannt: Drei Neonazis aus Jena - Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt - die sich ausgerechnet in der Zeit, in der König Alarm schlug, radikalisierten, hatten zehn Menschen getötet, neun von ihnen aus rassistischen Motiven. Auf einmal standen alle Schlange in Königs verrauchtem Büro im Haus der JG am Johannisplatz, mitten in Jena. König, der Zeitzeuge, war gefragt.

Neun Monate vor der Enttarnung des NSU, am 19. Februar 2011, war König wieder mit seinem dunkelblauen VW-Bus mit Lautsprecher nach Dresden kajuckelt wie jedes Jahr. "Lauti", nennt er den Transporter. Für König hat die Anti-Neonazi-Demonstration dort ebenso Tradition wie für die Rechtsextremen der Gedenkmarsch anlässlich des Bombenangriffs auf Dresden. Bereits bei der ersten Mahnwache 1982 war König mit um die Frauenkirche gelaufen. "Diesen staatstragenden Nazi-Akt muss man unterbinden", sagt er.

Nun holt ihn jener Tag ein: Die Staatsanwaltschaft Dresden wirft König schweren Landfriedensbruch, Beihilfe zum Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchte Strafvereitelung vor. Er soll damals mit seinem "Lauti" gewaltbereite Jugendliche zu Angriffen gegen Polizisten aufgehetzt haben, indem er rief: "Deckt die Bullen mit Steinen ein." Dabei benutze er das Wort "Bullen" gar nicht, sagt König. Er sieze Polizisten auch. Grundsätzlich.

Am Donnerstag beginnt der Prozess vor dem Amtsgericht, nachdem die Hauptverhandlung kurz vor dem ursprünglich geplanten Termin Mitte März geplatzt war. Königs Rechtsanwalt hatte zufällig in den Akten des Gerichts mehr als 170 Seiten ungeordnetes Material entdeckt und sprach von "einem klassischen Fall der Beweismittelunterdrückung".

Kein Berufsjugendlicher

Auf Videos, die im Prozess gezeigt werden, hört man, wie König in den Lautsprecher sagt: "Leute, kommt mal, wir sind hier so viele, einfach weitergehen, geht mal weiter. Da sind nicht so viele. Keine Schilde, keine Schutzsachen, die Polizei." Die Staatsanwaltschaft wertet diese Ansage als "Aufruf zur Gewalt gegen wehrlose Polizisten". König wehrt sich: "Die Demonstranten hatten Angst vor der Polizei. Mein Anliegen war, dass sie sich um den Lautsprecherwagen versammeln, ich wollte ihnen die Angst nehmen. Ich rufe nicht auf zu Gewalt gegen Polizei!"

In allen Videos, die an jenem Tag aufgenommen und ausgewertet wurden, ruft der Jugendpfarrer zum friedlichen Protest auf. Ein Grundsatz, den er schon zu DDR-Zeiten bei seinem Widerstand gegen die Staatssicherheit einhielt.

Lothar König hat nun zum ersten Mal in seinem Leben Angst. Dass die Justiz auch an ihm ein Exempel statuieren will wie sie es im Fall des Familienvaters Tim H. getan hat, der als angeblicher Rädelsführer der Linken bei einer Demo zu einer knapp zweijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. König hat Angst, dass er ins Gefängnis muss. Nicht vor dem Knast, sondern vor der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren könnte.

Der Kampf um Gerechtigkeit ist sein Antrieb, seit er denken kann. Die Ungerechtigkeit gipfelte darin, dass etwa 35 sächsische Polizisten am 10. August 2011 um 6 Uhr seine Pfarrerswohnung nach Hinweisen für den Landfriedensbruch durchsuchten, seinen seelsorgerischen Rückzugsort. Sie beschlagnahmten Computer, Dokumente und "Lauti", der als schweres Tatwerkzeug galt. König lag zur selben Zeit nach einem langen Marsch auf dem Fernwanderweg Nr. 5 durch die Alpen auf einem Matratzenlager einer italienischen Berghütte in 2000 Metern Höhe.

Die Anklage vor dem Amtsgericht Dresden hat den Gottesmann bekannt gemacht. Auf Anti-Nazi-Veranstaltungen wird er inzwischen gar nach einem Autogramm gefragt. König versucht das mit Humor zu nehmen. Seine Augen formen sich dann zu Schlitzen, die tiefen Lachfalten münden über dicke Tränensäcke in seinem weißen, zotteligen Bart.

König hat Hunderte Predigten gehalten, und noch immer grübelt er nächtelang über eine Weihnachtsansprache. Er liest an einem Gedichtabend Johannes Bobrowski, wenig Bertolt Brecht, viel Kassandra.

Vor kurzem ist König 59 Jahre alt geworden. Sein unkonventioneller Lebensstil, die Dutzenden von Zigaretten pro Tag, die vielen Gläser Rotwein lassen ihn keinen Tag jünger aussehen. Cargohose und Fischerhemd sind seine Alltagsuniform geworden, die Füße stecken ganzjährig in Sandalen. Wenn er durch Jena radelt, wackelt der Warnwimpel am Gepäckträger, wie ihn Schulkinder am Fahrrad haben.

König gibt den Jugendlichen in Jena mehr als einen Zufluchtsort - er gibt ihnen Halt, versteht ihre Sorgen und Nöte, ohne Berufsjugendlicher sein zu wollen. Nur die schwarze Wollmütze von St. Pauli mit dem weißen Totenkopf darauf, muss die denn sein? "Ja, muss", brummt König in seinen Jesusbart. Ihm doch egal, was andere denken.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
fraecael 02.04.2013
Die "sächsische Justiz" handelt nur im Sinne der "sächsischen Demokratie". Irgendwann kommt auch der Rechtsstaat nach Sachsen und Bayern. Hängt alles vom Wähler ab.
2. Keine Angst
seneca.jr 02.04.2013
Er muß sich doch erst einmal nur verantworten, ich bin mir sicher, daß Gericht wird hinsichtlich seiner politischen Überzeugung ein für Lothar König gerechtes Urteil fällen und endlich zwischen bösen und guten Straftaten unterscheiden.
3. Optional
laberbacke08/15 02.04.2013
Vor ein paar Wochen habe ich hier auf SPON den Beitrag über Polizeigewalt gesehen und nun diesen Artikel gelesen. Bei sowas steigt echt die Wut in mir hoch. Die nehmen sich das Recht alles zu Filmen aber wenn es dann um Beweise geht die dokumentiert sind werden dem Bürger falsche Worte in den Mund gelegt oder es fehlen plötzlich die Entscheidenden Sekunden. Und das alles meist aus falsch verstandener Kameradschaft . Der Tatort gestern war nicht so fiktiv wie man sich das wünschen würde...
4. Liest man diesen Beirag ...
finger_weg 02.04.2013
.... könnte man meinen, die Staatsanwaltschaft Dresden vertritt die Ineressen der Neonazis. Stimmt nachdenklich.
5. Titel
wuup 02.04.2013
Zitat von seneca.jrEr muß sich doch erst einmal nur verantworten, ich bin mir sicher, daß Gericht wird hinsichtlich seiner politischen Überzeugung ein für Lothar König gerechtes Urteil fällen und endlich zwischen bösen und guten Straftaten unterscheiden.
Für Sie ist wahrscheinlich auch völlig klar, dass jeder Angeklagte tatsächlich Straftäter ist. Sparen wir uns doch diese lästige Beweisaufnahme vor Gericht am Besten und sperren missliebige Bürger nach Anzeige durch Uniformierte direkt weg.
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Zum 13. Februar
Seit einigen Jahren missbrauchen die Neonazis den Jahrestag der Bombardierung Dresdens für einen eigenen Trauermarsch. 2012 suchen die Rechten Dresden gleich zweimal innerhalb einer Woche heim: Am 13. und am 19. Februar. Die Polizei ist alarmiert. Es werden Tausende Neonazis und noch mehr Gegendemonstranten erwartet.

Dresdner Bombennacht 1945
Der 13. Februar
Die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 sollte für die Dresdner zur Hölle werden: Britische und später auch US-Bomberstaffeln griffen die Stadt an. Die schützende Flugabwehr war kurz zuvor hauptsächlich an die Ostfront abgezogen worden. Die Luftangriffe sollten vor allem den Durchhaltewillen der Deutschen brechen. ssu/dpa
Opferzahlen
Das Bombardement auf das etwa 630.000 Einwohner zählende Dresden forderte nach Angaben einer Expertenkommission bis zu 25.000 Menschenleben. In der Nazipropaganda waren die Opferzahlen auf bis zu 200.000 Tote gestiegen. Dies Zahl greifen heute Rechtsextreme auf, um die Luftangriffe als "Kriegsverbrechen" einzustufen und die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg zu relativieren. Dabei gingen damals selbst die Dresdner Behörden nach Bergung der Leichen von 18.000 bis 25.000 Opfern aus. ssu/dpa
Materielle Zerstörung
Innerhalb kürzester Zeit brannte die mit Flüchtlingen aus dem Osten überfüllte Innenstadt. Flammen, Rauch und Hitze bedeuteten auch auf offener Straße für viele den Tod. Schwer getroffen wurden zudem Freiflächen wie der Große Garten, wohin sich viele nach der ersten Welle gerettet hatten, und die Elbwiesen. Die Alliierten warfen insgesamt mehr als 3700 Tonnen Bomben ab. Das Flammeninferno vernichtete rund 25.000 Häuser und 90.000 Wohnungen.

Die Luftangriffe zerstörten eine Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern vollständig. Vor allem das von Renaissance- und Barockbauten geprägte Zentrum lag in Schutt und Asche. Semperoper, Residenzschloss oder Zwinger waren größtenteils zerstört. Die Frauenkirche stürzte am 15. Februar in sich zusammen. ssu/dpa
Die Debatte
Über den militärischen Nutzen der Luftangriffe debattieren Historiker noch immer. Das Bild von der "unschuldigen Stadt" lässt sich jedoch kaum halten. Dresden war nicht nur eine Nazi-Hochburg, sondern auch Knotenpunkt des Güterzugverkehrs für die in der Umgebung ansässige Rüstungsindustrie. ssu/dpa
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