Kampagne gegen Homophobie: "Das erste Mal, dass ich einen Mann geküsst habe"

Julius Brink und Jonas Reckermann innig knutschend, Johannes Strate und Jakob Sinn von Revolverheld mit geschlossenen Augen in sich versunken. Für ein Männermagazin haben sie sich gemeinsam mit anderen heterosexuellen Prominenten als homosexuelle Paare inszenieren lassen. Das Ziel: mehr Toleranz.

Julius Brink und Jonas Reckermann: Küssen für die Toleranz Fotos
Felix Krüger für GQ Deutschland

Hamburg - Vier Jahre lang waren Julius Brink, 31, und Jonas Reckermann, 34, ein Paar, auf dem Beachvolleyball-Feld. Sie baggerten und schmetterten sich 2009 zum WM-Titel im Beachvolleyball, 2012 zu Olympia-Gold in London. Mittlerweile hat Reckermann seine Karriere beendet, Brink macht mit einem neuen Partner weiter.

Für die Kampagne "#Mundpropaganda - Gentlemen gegen Homophobie" des Männermagazins "GQ" haben sich die beiden jetzt in einem Fotostudio getroffen. Das Ziel: knutschen.

Gemeinsam mit elf anderen heterosexuellen Stars aus Deutschland - darunter Herbert Grönemeyer und August Diehl sowie Moses Pelham und Thomas D - wollen Brink und Reckermann ein Zeichen gegen Intoleranz, Ausgrenzung und Diskriminierung Homosexueller setzen. Der Fotograf Felix Krüger hat sie als homosexuelle Paare inszeniert.

Für die Sportler ist das Thema kurz vor den Olympischen Spielen in Sotschi (7. bis 23. Februar 2014) besonders aktuell. Homophobie ist in Russland, das wegen seines harten Anti-Homosexuellen-Gesetzes in der Kritik steht, weit verbreitet.

SPIEGEL ONLINE hat Reckermann und Brink getrennt voneinander befragt.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht ganz schön gekonnt aus? War es Ihr erster Kuss mit Ihrem früheren Beachvolleyball-Partner?

Reckermann: Definitiv. Ja.

Brink: Definitiv. Ja.

SPIEGEL ONLINE: Wer küsst besser: Er oder Ihre Frau?

Reckermann: Ohne Julius jetzt zu nahe treten zu wollen, aber ich küsse lieber meine Frau.

Brink: Hundertprozentig meine Frau.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie Überwindung gekostet, sich so intim fotografieren zu lassen?

Reckermann: Ein bisschen schon. Wir stehen komplett zu der Aktion. Es geht darum, einer guten und wichtigen Sache Gehör zu verschaffen. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass ein so spezielles Foto-Shooting leichtfällt. Es war das erste Mal, dass ich einen Mann geküsst habe. Und so nah waren wir uns noch nie.

Brink: Ja, das war ja kein alltägliches Motiv. Aber es war natürlich keine Frage, bei der Kampagne mitzumachen.

SPIEGEL ONLINE: Warum engagieren Sie sich für die Kampagne?

Reckermann: Es geht um ein sehr, sehr, sehr wichtiges Thema. Da haben wir nicht lange gezögert. Wir haben uns in der Pflicht gesehen, unsere Popularität als olympische Sportler zu nutzen.

Brink: Weil es ein Thema ist, das uns Sportlern sehr am Herzen liegt. Die Aktion deckt sich mit unserer Einstellung und unseren Überzeugungen. Als Aushängeschilder unserer Sportart haben wir uns immer zu wichtigen Themen zu Wort gemeldet. Für uns ist es leicht, Flagge zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbreitet ist Homophobie im Sport?

Reckermann: Es ist schwer, ein allgemeines Urteil zu fällen. In unserer relativ jungen und offenen Sportart hat Homophobie zum Glück keinen Platz. Im Gegenteil: Viele - vor allem weibliche - Paare haben sich geoutet. Das ist aber bei uns kein großes Thema. In anderen Sportarten mag das anders sein. Gerade im Fußball hört man ja immer wieder, dass Spielern davon abgeraten wird, sich zu outen. Ich finde es traurig, dass Sportler noch immer Angst vor den Reaktionen haben beziehungsweise haben müssen.

Brink: In unserer Sportart gibt es viel nackte Haut, Beachvolleyball kokettiert mit Sexualität. Es gibt viele homosexuelle Paare, Homophobie ist kein Thema. Unsere Sportart zeigt, wie man mit dem Thema umgehen muss. Wir wollen klarmachen, dass es keinen Platz für homophobe Gedanken gibt. Der Sport steht im Vordergrund, nicht die sexuelle Orientierung einzelner Sportler. Und das muss Normalität sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Botschaft, die Sie vor dem Hintergrund der Kampagne loswerden wollen?

Reckermann: Gerade im Hinblick auf die Winterspiele in Sotschi oder die Fußball-WM in Katar sollte man sich gut überlegen, wohin man solche Großereignisse vergibt. Es geht in Russland ja nicht nur um Ausgrenzung und Diskriminierung von Homosexuellen, es geht auch um Presse- und Meinungsfreiheit. Gerade im Zusammenhang mit Olympischen Spielen wird gerne von einem Demokratisierungseffekt gesprochen, den man sich erhofft. Aber hat sich zum Beispiel die Menschenrechtssituation nach Peking 2008 in China wirklich verbessert? Man sollte erst Veränderungen einfordern, bevor man solche Länder mit Olympischen Spielen belohnt. Olympische Spiele sollen die Welt vereinen. Es steckt ein höherer Sinn dahinter. Und der wird ad absurdum geführt, wenn sie in Ländern stattfinden, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Brink: Meine Botschaft geht über das Thema Homophobie hinaus: Ich würde mir wünschen, dass die Leistung von Sportlern wieder mehr in den Fokus der Berichterstattung rückt. Gerade in den Kernsportarten wird so viel berichtet, was letztendlich mit der Leistung nichts mehr zu tun hat. Die Berichterstattung ist hier oftmals einfach nur oberflächlich. Häufig ist es wichtiger zu berichten, welche Schuhfarbe der Spieler XY trägt, als den Trainingsschwerpunkt oder die Methodik zu beleuchten. Ich würde mir hier mehr Tiefgang von den Medien wünschen.

Die Fragen stellte Jens Witte

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