Friedhof an US-Erziehungsanstalt: Sie wurden begraben und vergessen

Von Anna-Lena Roth und

Die Arthur-G.-Dozier-Schule in Florida galt Anfang des 20. Jahrhunderts als größte Erziehungsanstalt der USA. Doch jahrzehntelang glich sie einem Gefängnis: Jungen wurden misshandelt, einige verschwanden spurlos. Auf dem Schulfriedhof haben Forscher nun 19 bisher unbekannte Gräber entdeckt.

Arthur G. Dozier-Besserungsanstalt: Die Schule, das Gefängnis Fotos
University of South Florida/ State Archives

Billey Jackson kam nicht freiwillig in die Jungenschule Arthur G. Dozier. Kurz vor seinem ersten Schultag am 8. August 1952 hatte ein Richter ihn dazu verurteilt, in die Erziehungsanstalt in Marianna im US-Bundesstaat Florida zu gehen. "Zwölf Monate oder bis er rechtens entlassen wird", wie es im Urteil hieß.

Jackson hatte gestohlen und war von zu Hause ausgerissen. Aus dem 13-Jährigen sollte in Marianna ein guter Bürger, ein ehrenwerter und ehrlicher Mensch gemacht werden, so wie es das Gesetz damals vorschrieb.

Jackson lebte 63 Tage an der Arthur-G.-Dozier-Schule. Dann war er tot.

"Nierenbeckenentzündung" heißt es im seinem Totenschein. Doch zwei ehemalige Schulkameraden erzählen eine ganz andere Geschichte. In ihrer Version wurde Jackson an der Schule gedemütigt, geschlagen, misshandelt. Sein Versuch zu fliehen endete mit noch mehr Prügel. Und schließlich mit dem Tod. Am 7. Oktober 1952 fand Jacksons Beerdigung statt. Johnnie Walthour erinnert sich genau an diesen Tag. Er musste das Grab seines Freundes ausheben.

Während ihrer Schulzeit waren Walthour und Jackson im nördlichen Teil des knapp 567 Hektar großen Geländes untergebracht, der "No. 2", gemeinsam mit den anderen schwarzen Kindern und Jugendlichen. Im südlichen "No.1" lebten, arbeiteten und lernten bis zur Aufhebung der Rassentrennung 1968 die weißen Schüler.

Wenn Walthour und Jackson in ihrem Speisesaal aus dem Fenster sahen, hatten sie freien Blick auf einen kleinen Hügel, den sie "Boot Hill" nannten. Den Friedhof. Direkt neben der Müllhalde gelegen. Die letzte Ruhestätte Jacksons.

Zwischen 1911 und 1973 kam es zu 98 Todesfällen, die mit der Schule in Verbindung gebracht werden. Darunter zwei Angestellte, die restlichen Schüler zwischen sechs und 18 Jahren. Bisher nahmen Experten an, dass 31 Leichen im "Boot Hill Cemetery" bestattet wurden; die restlichen wurden entweder den Familien übergeben oder an unbekannte Orte gebracht. Doch Forscher der Universität von Südflorida (USF) haben nun 19 weitere Gräber auf dem Hügel entdeckt.

Acht Wochen verbrachten die USF-Experten auf dem ehemaligen Schulgelände. Sie nahmen Bodenproben, interviewten ehemalige Angestellte, Schüler und deren Angehörige, sie sichteten alte Landkarten und Dokumente, nutzten ein Bodenradar, gruben tief. All das, um herauszufinden, was unter der Oberfläche verborgen liegt. Sie fanden mehr Gräber, als Kreuze auf dem Hügel stehen.

Mit den Funden tauchen jahrzehntealte Fragen wieder auf: Wer liegt hier begraben? Und wie ist er gestorben?

Die Schule, das Gefängnis

Schon wenige Monate nach der Gründung der Besserungsanstalt am 1. Januar 1900 gab es die ersten Berichte über Misshandlungen. Gefängnisse gab es damals kaum, und so wurden junge Mörder oder Diebe in Florida zur Umerziehung nach Marianna geschickt. Später kamen auch Waisen und Ausreißer dazu - die Schule wurde zur größten Erziehungsanstalt des Landes.

Tatsächlich glich sie jahrzehntelang einem Gefängnis. Einem, in dem Kinder mit Eisenringen an Wände gefesselt wurden. In dem es dunkle Isolationszellen gab. In dem Fenster und Türen mit Eisengittern gesichert waren. In dem bewaffnete Sicherheitsleute arbeiteten.

Und in dem die Jugendlichen selbst arbeiten mussten. Zeitweilig wurden alle Schriftsachen der Staatsregierung von Florida in der Schuldruckerei hergestellt. Zudem wurden auf dem Schulgelände Ziegel hergestellt. Schon wenige Jahre nach Schulgründung wurden bis zu 20.000 Stück am Tag produziert.

1903 gab es die erste offizielle Ermittlung. In dem Bericht von damals heißt es über die Schüler: "Wir haben sie in Ketten gefunden wie normale Kriminelle." In den folgenden Jahren kam es zu weiteren Untersuchungen, in denen abwechselnd der armselige Zustand der Klassenzimmer kritisiert wurde, die unnötig harte Bestrafung der Schüler oder ihr katastrophaler Gesundheitszustand. Vor allem die Verhältnisse im "No. 2" wurden als miserabel beschrieben.

Und immer wieder äußerten Familienmitglieder und Augenzeugen ihre Vermutungen, dass Schüler der Arthur-G.-Dozier-Schule unter merkwürdigen Umständen ums Leben kamen.

Todesursache: Unbekannt

Ein Schulleiter trat 1913 zurück, doch an der Situation änderte sich wenig. Das wurde spätestens am 18. November 1914 deutlich: In einem der Schlafräume brach ein Feuer aus, zwölf Menschen starben. Einige Überlebende sagten später, die Türen seien verschlossen, Schlüssel nicht vorhanden gewesen.

Und so wurde die Liste mit Toten an der Arthur-G.-Dozier-Schule immer länger. In den wenigen Fällen, in denen überhaupt eine Ursache vermerkt wurde, stehen am häufigsten eine Infektion, Feuer, körperliche Verletzungen oder Ertrinken. Sieben Jungen starben bei einem Fluchtversuch aus der Schule. 20 starben innerhalb ihrer ersten drei Monate an der Schule.

Wie viele wirklich auf dem "Boot Hill"-Friedhof begraben wurden, ist nicht dokumentiert. In den frühen Jahren bekamen die Toten weder einen Grabstein, noch ein Kreuz. Erst ab 1961 wurden Gräber markiert. Doch da es keine Aufzeichnungen darüber gab, wer wo begraben lag, wurde geschätzt und gemutmaßt. Man solle besser zu viele Kreuze als zu wenige aufstellen, sagte der damalige Schulleiter Lenox Williams dem USF-Bericht zufolge. 1996 wurden die Betonkreuze durch 31 aus Metall ersetzt. Die Schule wurde Ende Juni 2011 geschlossen, doch die Kreuze stehen bis heute dort.

Die USF-Forscher wollen noch bis zum Januar auf dem nördlich gelegenen Hügel arbeiten. Danach könnte es im Süden weitergehen, in dem Teil, der einst den Weißen vorbehalten war. Die Experten schließen nicht aus, dass es auch in diesem Teil einen Friedhof gab.

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