Justizskandal in Spanien Im Namen des Sohnes

Der Spanier Antonio Meño sollte an der Nase operiert werden. Während des Eingriffs fiel er ins Koma und trug schwerste Hirnschäden davon. Seit 21 Jahren versuchen seine Eltern, einen Schuldspruch für die Klinik zu erwirken. Hoch verschuldet zogen sie in eine Bretterbude - aus Protest.

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Aus Madrid berichtet


Tu es nicht, hatte Juana Ortega ihrem Sohn gesagt. Antonio, sagte sie, nimm das Geld, gönn dir was Schönes, fahr in den Urlaub. Doch Antonio hörte nicht auf sie.

Antonio Meño war damals 21 Jahre alt, ein hübscher Junge mit dunklem Haar, dunklen Augen. Er war ein bisschen eitel, seine Nase gefiel ihm nicht, er wollte sie korrigieren lassen. Mama, antwortete Antonio, wie kannst du mir den glücklichsten Tag meines Lebens verderben? Dann schoben sie Antonio in den Operationssaal. Als Komapatient kam er wieder heraus.

Als Juana Ortega sich an diese Szene erinnert, füllen sich ihre Augen mit Tränen. An jenem Tag im Juli 1989, um 10.45 Uhr, hat sie ihren Sohn zum letzten Mal gesund gesehen. Jetzt sitzt sie neben ihm in einer Hütte mitten in Madrid. Über Antonios verkrümmten Körper hat sie eine Wolldecke gebreitet. Die Augen hat er geöffnet, sein Kiefer malmt, aber er kann sich nicht mitteilen. Sein Gehirn ist schwer geschädigt.

Das Bett steht in einer winzigen Baracke im Zentrum der spanischen Hauptstadt. Es ist ein Protest mit Spanplatten und Plastikplanen. 17 Monate haben die Eltern und der Sohn hier gelebt, im Winter und im Sommer. Sie haben es ausgehalten, weil sonst nichts mehr erträglich war.

Seit jener Operation vor 21 Jahren versuchen Juana Ortega und ihr Ehemann vor Gerichten zu beweisen, dass ihr Sohn durch einen Fehler des Narkosearztes ins Koma gefallen ist. Doch sie scheiterten immer wieder. Sie schrieben an den spanischen König, den Präsidenten und den Uno-Menschenrechtsrat in Genf. Aber die Mächtigen, sagen die Eheleute, hätten sie nicht beachtet.

Gelöster Beatmungsschlauch

Die Eltern, beide Mitte 60, leben zwischen dem Krankenbett ihres Sohnes und den Gerichtssälen. Eine Entschädigung haben sie nie erhalten, sagen sie, auch keine Unterstützung bei der Pflege. Wenn der 42-jährige Sohn um drei Uhr morgens aufschreit, steht seine Mutter auf. Sie wäscht ihn, sie füttert ihn, sie wechselt seine Windeln. Intimität ist ein Wort, über das Juana Ortega lacht.

Vor zwei Jahren entschied der Oberste Gerichtshof, die Familie müsse die Prozesskosten zahlen, 400.000 Euro. Die Meños sind Rentner, ihren Obstladen mussten sie längst aufgeben, ihre Wohnung sollte gepfändet werden. Juana Ortega hat daran gedacht, sich und ihren Sohn umzubringen. Sie weint, als sie das sagt, dann wird ihre Stimme lauter. "Aber dann habe ich beschlossen weiterzukämpfen." Also haben sie die Baracke aufgebaut, genau vor einem Gebäude des Justizministeriums.

Jeden Tag hat sie auf ein Schild geschrieben, wie viele Tage sie schon hier sind. Die letzte Zahl, die sie aufschreibt, ist 522. Denn nach 21 Jahren vor Gerichten und 522 Tagen in der Baracke haben sie einen "Zwischensieg" errungen, wie Antonios Vater das nennt.

Ein Mediziner hat sich vor einigen Monaten gemeldet, der 1989 in der Ausbildung war und bei der Operation dabei war. Vor dem Obersten Gerichtshof sagt er aus, bei dem Eingriff habe sich ein Schlauch gelöst, über den Antonio Meño künstlich beatmet wurde. Der Anästhesist habe dies nicht bemerkt, weil er in einen anderen Operationssaal gegangen war und erst herbeigerufen werden musste.

"Sie haben das Leben an sich vorbeiziehen sehen"

Am vergangenen Mittwoch entschieden die Richter, dass der Fall neu aufgerollt werden muss. Beim Krankenhaus möchte man das nicht kommentieren.

Nun könnten die Prozesse erneut beginnen. Doch der Anwalt der Familie, Luis Bertelli, ist auch zu einem Vergleich bereit. Die Eltern brauchten endlich eine finanzielle Entschädigung, fordert er, um inmitten des Unglücks ein normales Leben führen zu können. "Sie haben das Leben an sich vorbeiziehen sehen. Ihre Sicht der Welt hat sich auf die vier Wände des Zimmers verengt, in dem ihr Sohn lag."

Von dem Eingang ihrer Baracke aus konnten die Eltern Antonios die Plakate mit den neuesten Shows in dem gegenüberliegenden Theater sehen: tanzende Paare, Frauen in Glitzerkostümen. Juana Ortega und ihr Mann, der wie sein Sohn Antonio heißt, gehen seit langem nicht mehr aus. Sie gehen nie in ein Restaurant, nie ins Kino, nie ins Konzert.

Immerhin kehren sie jetzt in ihre Wohnung zurück. Zwei Tage nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs stopfen Familie und Freunde Handtücher, Kleidung, Windeln in Taschen. Die Unterlagen ihrer juristischen Odyssee sammelt ein Cousin zusammen; "Dokumente Plastikhaus", schreibt er auf den Umzugskarton.

"Wie viel Schmerz kann man wohl ertragen?"

Menschen strömen zu dem Platz, sie drücken den Meños Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand, schenken ihnen Kekse und umarmen sie. Einige beäugen vorsichtig den kranken Sohn. Über seinem Bett hängt eine Glühbirne - der Kioskbesitzer nebenan hat ein Stromkabel gelegt - sie erleuchtet ein Bild der Jungfrau Maria. Aber das haben andere ihr geschenkt, sagt Juana Ortega. Sie ist nicht sehr religiös, nach allem, was passiert ist

Auch ihre zwei anderen Söhne sind da, hochgewachsene Männer mit dunklen welligen Haaren, in Jeans und Lederjacke. Sie sind lässig, so wie Antonio es auch hätte sein können, wenn es nicht diesen Tag im Juli vor 21 Jahren gegeben hätte, der auch das Leben der anderen Kinder veränderte. "Wie viel Schmerz kann man wohl ertragen?", sagt ein Bruder.

Als die Eltern längst wieder zuhause sind, steht von dem Protestzelt nur noch ein Gerüst. Alles wird abgebaut, heruntergerissen. Doch ein Freund der Familie rückt noch einmal das Banner zurecht, das über dem Eingang hing: "Sólo pedimos justicia." Wir fordern nur Gerechtigkeit.

Juana Ortega sagt, sie wolle jetzt weiterkämpfen: für eine bessere medizinische Versorgung ihres Sohnes.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Phoenix2006 23.11.2010
1. Justizskandal in Spanien: Im Namen des Sohnes
Zitat von sysopDer Spanier Antonio Meño sollte an der Nase operiert werden.*Während des Eingriffs fiel er ins Koma und trug schwerste Hirnschäden davon.*Seit 21 Jahren versuchen seine Eltern, einen Schuldspruch für die Klinik zu erwirken. Hoch verschuldet zogen sie in eine Bretterbude - aus Protest. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,730429,00.html
Das ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Skandal! Wieso hat eine besondere Beruffsgruppe Sonderrechte? Wieso gibt es Haftpflichtversicherungen? Wenn ich in meinen Berufen Fehler begehe, werde ich in Haftung genommen!
Neinsowas 23.11.2010
2. bei uns...
...wäre eine Bretterbude vor dem Justizpalast innerhalb 1 Stunde abgerissen worden, keine Spruchbänder oder Sonstiges erlaubt...die Familie verwarnt und vielleicht dann tatsächlich in den Suizid gegangen....
elbröwer 23.11.2010
3. was soll das?
Wie in der BRD, nur das die Familie mit Wasserwerfern zur Ordnung gebracht würde.
Alter Benutzer 23.11.2010
4. was mich wundert:
... dass die leute so wenig selbstjustiz üben! in sizilien oder in der türkei hätten die ärzte längst gezahlt, denn sonst wären sie einfach nicht mehr am leben (oder im besten fall lebendig begraben...)
ralf_si 23.11.2010
5. Nein
Zitat von Alter Benutzer... dass die leute so wenig selbstjustiz üben! in sizilien oder in der türkei hätten die ärzte längst gezahlt, denn sonst wären sie einfach nicht mehr am leben (oder im besten fall lebendig begraben...)
In diesem Fall hätte ich für Selbstjustiz kein Verständnis. Sicherlich ist das Mauern der Klinik moralisch unvertretbar. Das fehlerhafte Verhalten des Anästesisten ist aber noch zu beweisen. Es gibt auch Neider in der Klinik, die zu Rache fähig sind. Zum anderen heißt ein Sprichwort: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um und schließlich war es keine medizinisch indizierte OP.
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