JVA-Theater Sklavenaufstand im Knast

Die Justizvollzugsanstalt Tegel ist eines der größten Gefängnisse Westeuropas. Wer hier einsitzt, hat sehr viel Zeit: Die Häftlinge sind Verlierer der Gesellschaft, genau wie die Sklaven der Antike, meint ein Regisseur. Nun hat er "Spartacus" inszeniert - mit 22 Insassen.

Von Insa Moog


Berlin - "Dit macht ihr super, muss nur lauter sein. Könnt ihr noch mehr keifen?" Theaterregisseur Peter Atanassow ruft von der Arena herauf zu den drei Männern auf den Logenplätzen. Die sehen sich kurz an. Nicken. "Na klar. Ihr wollt die Preise senken? Wie soll ick denn meene Gladiatorn ernährn?" Kurz darauf marschieren die Kämpfer ein, bewaffnet mit Speeren aus Plastik.

Der Militärdienst habe ihn für diese Arbeit geschult, sagt Atanassow. Und das hilft: Er allein gibt die Anweisungen, er ist der Boss. Ihre Sprache muss er dabei trotzdem sprechen, bei den Proben wird berlinert.

"Freiluftgefangenentheater" nennt sich die Gruppe - Privilegierte sind sie unter den rund 1800 Männern, die hinter diesen Berliner Mauern zu Gleichen werden. 22 Häftlinge, die sieben Wochen lang ausbrechen dürfen, sechs Stunden täglich. Immer dann nämlich, wenn Probe im Hof ist. Freiheit fängt in der Justizvollzugsanstalt Tegel schon mit ein bisschen frischer Luft an.

Theaterspielen bedeutet für die Laienartisten vor allem eines: eine Waffe gegen die Zeit zu haben. Zeit, die in den Zehn-Quadratmeter-Zellen endlos werden kann.

Wer einmal Bühnenerfahrung gesammelt hat, kommt deshalb wieder - aber nicht jeder, der zum Casting erscheint, darf bleiben. Die Kandidaten werden von der Anstaltsleitung nach eigenen Angaben sehr genau auf Tauglichkeit geprüft, denn Theaterspielen bedeutet letztlich auch eine zeitweise Lockerung der Haftbedingungen.

Seit elf Jahren kommt die zwölfköpfige Theatergruppe "Aufbruch" in die Justizvollzugsanstalt, inzwischen werden nach Möglichkeit zwei Inszenierungen pro Jahr einstudiert. Das Konzept ist in Deutschland einzigartig.

"Die bringen Ängste und Vorurteile mit"

"Die Leute, die die Vorstellungen besuchen, haben schon Bilder im Kopf, wenn sie in den Knast kommen", sagt Atanassow. "Die bringen Ängste und Vorurteile mit", die Ausstrahlung, die allein von dem Ort und den Darstellern ausgehe, mache sich "Aufbruch" zu Nutze und spiele auch bei der Textauswahl eine entscheidende Rolle.

Das aktuelle Stück ist "Spartacus" - die Geschichte um den römischen Gladiator, der 71 vor Christus einen Sklavenaufstand anführte. Nach kurzem Triumphzug wurde der Rebell jedoch von römischen Feldherren zur Strecke gebracht.

Atanassow sieht Parallelen zwischen den versklavten Kämpfern und den inhaftierten Darstellern: "Sie sind überwiegend Außenseiter, die nicht mehr als ihre Arbeitskraft haben." Und darin liege sogar die besondere Chance der Häftlinge. "Die Jungs hier haben etwas, was professionelle Schauspieler oft schon verloren haben." Die Ecken und Kanten, meint er.

"Ick hab ja 20 Jahre gesoffen."

So auch auch Kurt. Der weißhaarige 59-Jährige mimt den Gladiatorenaufseher Batiatus. Sein Körperbau ist gedrungen, der Bauch imposant, der Oberkörper frei, die Tätowierungen nicht im Studio entstanden. "Die sind aber nicht ausm Knast. Die hatte ich schon im Heim." Batiatus Form zu verleihen, mache Spaß, sei aber auch harte Arbeit, sagt Kurt. "Ick hab ja 20 Jahre gesoffen." Texte liest er abends und morgens - und trotzdem vergisst er die Worte oft.

Sich zu disziplinieren, ist für die schauspielenden Häftlinge oft die größte Hürde. "Sie müssen sich intensiv mit sich und den anderen auseinandersetzen. Und unterordnen. Das haben viele in der Form nicht gelernt", sagt Lars Hoffmann, Leiter der sozialpädagogischen Abteilung. "Diese intensive Arbeit mit den Gefangenen kann zu positiven Verhaltensänderungen führen."

Diese sozialpädagogischen Effekte sind gewollt: "Wenn ich mich mit jemandem beim Theaterspielen verstehe, dann klappt es auch im Haus besser. So einfach ist das", so Hoffmann. Von Seiten der Anstalt erhofft man sich jedoch auch positive Schlagzeilen für die Anstalt: Der Öffentlichkeit wolle man "ein anderes Bild vom Vollzug vermitteln", sagt Hoffmann.

Dennoch ist die Arbeit mit Schwerverbrechern nicht immer unkritisch. "Konflikte müssen eben sofort geklärt werden. Ich gebe die Anweisungen, und Kritik untereinander muss fair bleiben. So ein Problem schwillt sonst ganz schnell an", sagt Regisseur Atanassow.

Was dann nach der Probe im Haus unter Mithäftlingen daraus werden könne, ahne ja niemand, sagt Atanassow. "Bei Proben zum Beispiel am Deutschen Theater kann man relativ sicher sein, dass sich die Schauspieler nicht auf die Schnauze hauen. Hier kann das passieren - wenn man nicht aufpasst."

"Fluchtgefährdet sind hier eigentlich alle"

Seine Arbeit mit "Aufbruch" ist für für den Regisseur selbst ein Ausbruch: Für ihn fängt innerhalb der gestaffelten Backstein- und Betonmauern von Tegel die Freiheit erst an. "Im Theater ist der Rahmen sonst sehr restriktiv. Hundert Leute können einem reinquatschen", sagt Atanassow, Künstler hätten es da oft schwer. "Hier kann ich ausprobieren, was ich will."

Vorübergehend wird deshalb ein brachliegender Freistundenhof zum Kollosseum. Die Bühnenadaption der antiken Arena ist schlicht, die Requisiten wurden größtenteils in anstaltseigenen Betrieben gefertigt. Ein etwa zehn Meter langer und zwei Meter hoher rostiger Stahlkäfig fungiert als Verschlag für die Gladiatoren. Sein Dach ist von schweren Sperrholzplatten bedeckt, über eine schmale Treppe begehbar und bildet die Zuschauertribüne der Plebejer.

Egal ob während der Proben oder zur Vorstellung: Das Freilufttheater bleibt eingezäunt und verschlossen. "Fluchtgefährdet sind hier eigentlich alle", sagt der einzige für die Proben abgestellte Vollzugsbeamte.

Die Schauspielübungen gehen nun in die Endphase. 22 Männer haben sich aufgereiht, einige hager und muskulös, andere zeigen Bauch. Sie tragen Springerstiefel, Armee- oder Jogginghosen, Shorts und T-Shirts. Einige tätowiert. Sie bedienen Klischees - und widerlegen sie. Geprobt werden Sprech- und Gesangschöre, Kampfszenen und "Timing".

"Soll ick jetze irgendeene Grimasse ziehn?"

Spartacus wird in die Arena geführt. Er trägt eine Mütze. "Soll ick jetze irgendeene Grimasse ziehn?" Frage an den Regisseur. "Machste schon jut so, nur zügig gehen", antwortet der.

Eine optimistische politische Botschaft über die Tegeler Mauern zu schicken, ist nicht die Absicht des Ensembles. Im Vordergrund steht beim Projekt "Spartacus" die künstlerische Herausforderung für Macher und Darsteller.

Sechs weitere Vorstellungen mit je bis zu 250 zahlenden Gästen wird es nach der Premiere am 18. Juni noch geben.

Anmerkung der Redaktion: Obschon der Pressesprecher des Aufbau-Theaters, Björn Pätz, sämtliche Zitate vor der Veröffentlichung dieses Textes schriftlich autorisiert hatte, bestand Regisseur Peter Atanassow darauf, zwei von ihnen nachträglich zu verändern. Seiner Bitte haben wir entsprochen. Im Übrigen ist uns im Text ein Fehler unterlaufen. Häftling Kurt spielt den Batiatus, nicht den Trixus. Wir bitten dafür um Entschuldigung.



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