Die Nachricht ereilt mich im Zug. Ich bin auf dem Rückweg von einem Termin, schreibe auf dem Laptop einen Artikel. Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche, beinahe täglich werden weitere Fälle bekannt, immer mehr Einrichtungen und Würdenträger geraten in Bedrängnis. Erst hat die Kirche den Skandal ausgesessen, dann, nach langem Zaudern bat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, mit einer hölzern wirkenden Erklärung endlich um Vergebung.
Die evangelische Kirche agiert in diesen ersten Wochen des Jahres 2010 ungleich souveräner, die Öffentlichkeitsarbeit scheint ihr mehr zu liegen, sie wirkt ein bisschen wie die sympathische kleine Schwester des verklemmten, sturen, uneinsichtigen großen Bruders.
Und dann das: Der Handyempfang ist schlecht, die Worte des Kollegen verstehe ich nur bruchstückhaft. Margot Käßmann sei - Funkloch - betrunken - Verbindung abgerissen. Zweiter Versuch: Frau Käßmann sei betrunken Auto gefahren, ich solle schon einmal über eine Analyse nachdenken.
Margot Käßmann? Betrunken Auto gefahren?
Mein erster Gedanke: Das kann nicht sein.
Der Gedanke will lange Zeit nicht weichen.
Margot Käßmann ist der Popstar des Protestantismus gewesen, sie war diejenige, die alles richtig machte, während sich die katholischen Kirchenoberen um Kopf und Kragen redeten oder aber schwiegen, wo es viel zu sagen gegeben hätte.
Gewiss, auch im Leben von Frau Käßmann ist nicht immer alles glatt gelaufen: Krebserkrankung, Scheidung, eigene Fehlbarkeiten. Aber die Art, wie sie mit all dem umging, ließ sie menschlich erscheinen. "Ich bin eine von euch", schien ihre Botschaft zu sein. Nur war sie immer zugleich ein kleines bisschen besser, zumindest nach außen.
Schwächen als Stärken inszeniert
Margot Käßmann wusste immer sehr genau, wie sie ihre Schwächen als Stärken inszenierte. Es ging nicht darum, allen zu gefallen, sondern darum, glaubwürdig zu sein. Wenn sie sich empörte, nahm man es ihr ab, wenn sie sich freute, auch. Dazu gehörten Krankheit, Scheidung. Weil sie ihre Wunden exponierte, galt sie vielen als unverwundbar. Sie hatte die Offensive zum Lebensprinzip gemacht, deshalb musste sie die Defensive nicht fürchten. Im persönlichen Umgang war sie gewinnend, eine Menschenfängerin.
Doch der Grad zwischen menschlich und allzu menschlich ist schmal. Schicksalsschläge und persönliche Unzulänglichkeiten hat dieses Image ausgehalten, sie waren ihm vielleicht sogar in gewisser Weise zuträglich. Doch das Überfahren einer roten Ampel mit 1,54 Promille im Blut ist zu viel.
Margot Käßmann ist Opfer ihrer eigenen Ansprüche geworden. Sie ist nun nicht mehr angenehm fehlbar, sie hat vielmehr einen Fehler gemacht, der ihre Glaubwürdigkeit grundsätzlich in Frage stellt.
Nur einen Tag nach Bekanntwerden der Fahrt erklärt sie ihren Rücktritt. Drei Minuten und 30 Sekunden dauert die Stellungnahme. "Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen, hätte ich in Zukunft nicht mehr", sagt Käßmann. Es ist der Kernsatz.
In den vergangenen Jahren schien es mitunter, als sei Bischöfin Käßmann so etwas wie das Gewissen der Nation: Babyklappen, Afghanistan-Einsatz, Sterbehilfe, man hatte sie zu allem gefragt - sie hatte sich zu allem geäußert. Predigen war ihr Job, nicht nur auf der Kanzel. Als Mahnerin hatte sie sich durch die Alkoholfahrt disqualifiziert. Aber ihr Abgang zeigte eine Größe, mit der sie ihren katholischen Kollegen erneut weit voraus war.
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