Käßmanns Trunkenheitsfahrt: Abgang eines Popstars

Margot Käßmann ist betrunken Auto gefahren - SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Barbara Hans kann nicht glauben, was sie da hört. Wird die Landesbischöfin nun zurücktreten? Wird sie ihren Fehler aussitzen wollen? Wie viel menschliche Schwäche kann sich eine Geistliche leisten?

Margot Käßmann: Bischöfin in der Bredouille Fotos
DPA

Die Nachricht ereilt mich im Zug. Ich bin auf dem Rückweg von einem Termin, schreibe auf dem Laptop einen Artikel. Der Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche, beinahe täglich werden weitere Fälle bekannt, immer mehr Einrichtungen und Würdenträger geraten in Bedrängnis. Erst hat die Kirche den Skandal ausgesessen, dann, nach langem Zaudern bat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, mit einer hölzern wirkenden Erklärung endlich um Vergebung.

Die evangelische Kirche agiert in diesen ersten Wochen des Jahres 2010 ungleich souveräner, die Öffentlichkeitsarbeit scheint ihr mehr zu liegen, sie wirkt ein bisschen wie die sympathische kleine Schwester des verklemmten, sturen, uneinsichtigen großen Bruders.

Und dann das: Der Handyempfang ist schlecht, die Worte des Kollegen verstehe ich nur bruchstückhaft. Margot Käßmann sei - Funkloch - betrunken - Verbindung abgerissen. Zweiter Versuch: Frau Käßmann sei betrunken Auto gefahren, ich solle schon einmal über eine Analyse nachdenken.

Margot Käßmann? Betrunken Auto gefahren?

Mein erster Gedanke: Das kann nicht sein.

Der Gedanke will lange Zeit nicht weichen.

Margot Käßmann ist der Popstar des Protestantismus gewesen, sie war diejenige, die alles richtig machte, während sich die katholischen Kirchenoberen um Kopf und Kragen redeten oder aber schwiegen, wo es viel zu sagen gegeben hätte.

Gewiss, auch im Leben von Frau Käßmann ist nicht immer alles glatt gelaufen: Krebserkrankung, Scheidung, eigene Fehlbarkeiten. Aber die Art, wie sie mit all dem umging, ließ sie menschlich erscheinen. "Ich bin eine von euch", schien ihre Botschaft zu sein. Nur war sie immer zugleich ein kleines bisschen besser, zumindest nach außen.

Schwächen als Stärken inszeniert

Margot Käßmann wusste immer sehr genau, wie sie ihre Schwächen als Stärken inszenierte. Es ging nicht darum, allen zu gefallen, sondern darum, glaubwürdig zu sein. Wenn sie sich empörte, nahm man es ihr ab, wenn sie sich freute, auch. Dazu gehörten Krankheit, Scheidung. Weil sie ihre Wunden exponierte, galt sie vielen als unverwundbar. Sie hatte die Offensive zum Lebensprinzip gemacht, deshalb musste sie die Defensive nicht fürchten. Im persönlichen Umgang war sie gewinnend, eine Menschenfängerin.

Doch der Grad zwischen menschlich und allzu menschlich ist schmal. Schicksalsschläge und persönliche Unzulänglichkeiten hat dieses Image ausgehalten, sie waren ihm vielleicht sogar in gewisser Weise zuträglich. Doch das Überfahren einer roten Ampel mit 1,54 Promille im Blut ist zu viel.

Margot Käßmann ist Opfer ihrer eigenen Ansprüche geworden. Sie ist nun nicht mehr angenehm fehlbar, sie hat vielmehr einen Fehler gemacht, der ihre Glaubwürdigkeit grundsätzlich in Frage stellt.

Nur einen Tag nach Bekanntwerden der Fahrt erklärt sie ihren Rücktritt. Drei Minuten und 30 Sekunden dauert die Stellungnahme. "Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen, hätte ich in Zukunft nicht mehr", sagt Käßmann. Es ist der Kernsatz.

In den vergangenen Jahren schien es mitunter, als sei Bischöfin Käßmann so etwas wie das Gewissen der Nation: Babyklappen, Afghanistan-Einsatz, Sterbehilfe, man hatte sie zu allem gefragt - sie hatte sich zu allem geäußert. Predigen war ihr Job, nicht nur auf der Kanzel. Als Mahnerin hatte sie sich durch die Alkoholfahrt disqualifiziert. Aber ihr Abgang zeigte eine Größe, mit der sie ihren katholischen Kollegen erneut weit voraus war.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Käßmann
Han62, 24.12.2010
von mir aus hätte sie nicht zurücktreten brauchen. Die Madame ist besoffen mir allemal lieber, als nüchterne der anderen Fakultät.
2. Kuschelrock für Evangelische
harzvier 26.12.2010
Ihr Rücktritt ehrt sie. Mein Geschmack war sie aber nie, zu sehr "Popstar" eben.
3. Bitte geben Sie keinen Titel für den Beitrag an!
Mocs, 26.12.2010
Medienpräsenz hatte sie, im Umgang mit den Medien und ihrer Selbstdarstellung war sie nicht ungeschickt. Respekt habe ich vor Ihren konsequenten Rücktritt - man darf nie andere Menschen in Lebensgefahr bringen - in Ihrer Position ist ein derartiges Handeln unverzeihlich. Das hat sie ja auch schnell und richtig gesehen. Leider war sie ansonsten weniger glaubwürdig - Geschiedene sind ja generell mit Vorsicht zu genießen - bei einer Bischöfin legt man, ja wohl nicht ganz ohne Grund, noch höhere Maßstäbe an. Glaubwürdiger machte Sie das nicht.
4. wo hochmütig steigt, muss verkraften tief zu fallen
RAmonbudi 28.12.2010
Das säulenheilge Getue von Frau Käßmann und die großen Plattformen, die ihr danach von ihren Anhängern insbsondere in der ev.Kirche zur weiteren selbstdarstelelung und Verklärung als Märtyrerin gebaut wurden, nach ihrer Straftat und einer verhältnismäßigen milden Strafe war der endgültige Grund für mich und meine gesamte Familie die evangelische Kirche zu verlassen. Sie hat mehrfach unangemssen hohe Moralvorstellungen an andere angelegt und ihr Rückzug war normal und nicht ein respektheischende Sache und außerdem ist sie ja sehr weich gefallen mit einer extra geschaffene Professur und vielen Einnahmen durch Bücher, die duch die öffentliche Kackofonie besser verkauft wurden.
5. Sylvesterscherz
rabenkrähe 28.12.2010
Zitat von RAmonbudiDas säulenheilge Getue von Frau Käßmann und die großen Plattformen, die ihr danach von ihren Anhängern insbsondere in der ev.Kirche zur weiteren selbstdarstelelung und Verklärung als Märtyrerin gebaut wurden, nach ihrer Straftat und einer verhältnismäßigen milden Strafe war der endgültige Grund für mich und meine gesamte Familie die evangelische Kirche zu verlassen. Sie hat mehrfach unangemssen hohe Moralvorstellungen an andere angelegt und ihr Rückzug war normal und nicht ein respektheischende Sache und außerdem ist sie ja sehr weich gefallen mit einer extra geschaffene Professur und vielen Einnahmen durch Bücher, die duch die öffentliche Kackofonie besser verkauft wurden.
..... Für mich ist das Ganze eine Scheinheiligennummer übelster Art: Da ist die Gute ein paar Monate in ihrem ach so würdigen Amt und wird gefeiert, als hätte sie die Welt bewegt, dann fährt sie mit rund 1,6 Promille und es wird so getan, als sei das gar nichts, dann tritt sie zurück, um sich Anwürfen und Kritik zu entziehen und stiftet damit jedenfalls in ihrer Kirche nur Unruhe. Und schließlich legt sie einen Karrieresprung hin, feiert es, sich mehr um ihre Kinder kümmern zu können und meint irgendsoein Gott sei der letzte Ratgeber und Wegweiser. Und wenn mans nicht miterlebt hätte, hätte man geglaubt, es handele sich dabei um einen ganz schlechten Sylvesterscherz... rabenkrähe
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Margot Käßmann
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 5 Kommentare
Das war 2010

Glanzlichter, Tragödien, Katastrophen, Glücksmomente - auf SPIEGEL ONLINE schildern Redakteure, Reporter und Autoren, wie sie die besonderen Ereignisse des Jahres erlebten.

JANUAR

AP

Björn Hengst und Marc Pitzke erlebten das Erdbeben in Haiti, Barbara Hans blickt zurück auf den Missbrauchsskandal in Kirchen und Schulen

FEBRUAR

DDP

Severin Weiland schreibt über FDP-Chef Westerwelle und die "spätrömische Dekadenz" , Barbara Hans erinnert an den Rücktritt der Bischöfin Margot Käßmann

MÄRZ

REUTERS

Axel Bojanowski mühte sich phonetisch beim Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island

APRIL

DPA

Philip Bethge war dabei, als die Ölpest am Golf eine einmalige Naturlandschaft zu zerstören drohte

MAI

DPA

Sebastian Fischer traf der Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler überraschend, Mike Glindmeier staunte über den Eurovisions-Siegeszug der Lena Meyer-Landruth

JUNI

DPA

Stefan Schultz beschäftigte das Comeback der Atomkraft

JULI

DPA

Julia Jüttner und Jörg Diehl über die Love-Parade-Katastrophe, Katharina Peters über Spanien als Fußballweltmeister , Jochen Leffers über die gescheiterte Schulreform in Hamburg , Hendrik Ternieden über Lothar Matthäus , Matthias Kremp über Stuxnet und die Cyberkrieger

AUGUST

DPA

Ann-Dorit Boy war Augenzeugin der Brände in Russland , Hasnain Kazim bei der Flutkatastrophe in Pakistan , Roman Büttner fuhr einen Mercedes SLS auf der Nordschleife des Nürburgrings

SEPTEMBER

dapd

Hasnain Kazim und Anna Reimann über die Thesen des Thilo Sarrazin, Florian Gathmann über Grüne auf Rekordhoch , Hendrik Ternieden über blutigen Protest bei Stuttgart 21

OKTOBER

Getty Images

Klaus Ehringfeld erlebte die Rettung chilenische Bergarbeiter , Simone Utler berichtete über giftigen Rotschlamm in Ungarn , Annette Langer verfolgte einen Kinderpornografie-Skandal in Belgien

NOVEMBER

dapd

Ole Reißmann und Christoph Seidler über die Castor-Transporte nach Gorleben, Yassin Musharbash über Terror-Alarmismus , Frank Patalong über IT-Sicherheit und Christian Stöcker über die Nöte von Journalisten, die ständig über Google schreiben müssen.

DEZEMBER

AP

Yasmin El-Sharif fragt sich, wie sich die Hartz-IV-Debatte auf Kinder auswirkt, Marc Pitzke dokumentiert die Rückkehr der Gier an der Wall Street , Christoph Seidler war Augenzeuge beim Klimagipfel in Cancún , Sven Böll warnt vor teutonischer Euro-Arroganz und Niels Reise fragt sich, wohin Schweden steuern wird.


Zur Person
AP
Margot Käßmann, 51, war seit Oktober 2009 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und damit die erste Frau in diesem Amt. Seit 1999 stand die Theologin zudem als Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover vor. Bei einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss am 20. Februar 2010 fuhr Käßmann in Hannover über eine rote Ampel. Nach diesem Vorfall sei ihre "Autorität beschädigt" - Käßmann trat von ihren Spitzenämtern zurück, arbeitet aber weiter als Pastorin. Die Mutter von vier Kindern ist geschieden. Mehr auf der Themenseite...