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Zwangsräumung in Köln: "Ich kam mir vor wie ein Terrorist!"

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Zwangsräumung in Köln: Kalle zieht aus Fotos
DPA

Kalle Gerigk wehrte sich, wie er konnte, doch letztlich musste er raus aus seiner Wohnung: Zwangsräumung. Die Zahl der Unterstützer und ihre Solidarität aber sorgten für einen denkwürdigen Tag in Köln.

Köln - Als Kalle Gerigk in der Nacht nach Hause kam, musste er dreimal seinen Ausweis vorzeigen, um in seine Wohnung zu kommen. Einmal am Absperrgitter am Anfang seiner Straße, einmal vor seiner Eingangstür und noch einmal an seiner Haustür. Überall waren Polizisten. Sie versperrten beide Enden seiner Straße, besetzten sein Treppenhaus, seine Haustür. "Ich kam mir vor wie ein Terrorist", sagt Gerigk.

In Wahrheit ist Gerigk ein Mieter, der seine Wohnung nicht aufgeben will. Seit über 30 Jahren lebt der 54-Jährige in der Fontanestraße im Kölner Agnesviertel. Jetzt sollte er gehen. Sein Vermieter hatte ihm wegen Eigenbedarf gekündigt. "Ich bleibe hier bis zum letzten Tag", sagte sich Gerigk. Als er vor Gericht verlor, machte er seinen Fall öffentlich und erfuhr eine unglaubliche Solidarität.

Er ist zur Symbolfigur einer Bewegung geworden, die davor warnt, dass alteingesessene Mieter aus den Innenstädten vertrieben werden. In Köln gründete sich die Initiative "Alle für Kalle". Zur ersten Zwangsräumung Ende Februar kamen etwa 300 Demonstranten und blockierten die Eingangstür, bis die Beamten wieder abzogen.

"Die Sache hat von Anfang an gestunken"

Als Gerigk in das Agnesviertel zog, war Wohnen hier billig, um die Nachkriegshäuser und Altbauten wehte durch die Nähe zum Hauptbahnhof immer ein rauher Wind. Doch auch hier stiegen die Mieten. Zentral, in Rheinnähe, mit guter Verkehrsanbindung - in Köln werden solche Ecken knapp. Gerigk erzählt von Freunden, die wegziehen mussten, weil sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten konnten. Immer wieder kommen Nachbarn auf ihn zu, weil sie Angst haben, dass es ihnen so geht wie ihm.

Gerigk ist sich sicher: Es war die Profitgier seines Vermieters, die ihn aus der Wohnung trieb. "Die Sache hat von Anfang an gestunken", sagt er. Sein Vermieter argumentierte vor Gericht, er bräuchte die Wohnung für sich und seine Freundin, die beiden wollten Kinder kriegen. Allerdings bot er die Dachgeschosswohnung kurz darauf im Internet zum Verkauf an. Ein lukratives Geschäft: Laut Gerigk ging eine ähnliche Wohnung im Viertel gerade für 345.000 Euro weg. Komisch kam ihm auch vor, dass die Freundin seines Vermieters nichts Genaueres über ihr neues Heim wusste. "Da sagt der Freund: Lass uns ein Nest bauen, und die Freundin fragt nicht, was das für eine Wohnung ist?", fragt Gerigk. Trotzdem verlor er vor Gericht, doch seine Geschichte empörte viele.

Auch zum zweiten Termin des Gerichtsvollziehers am Mittwoch rückten fast 200 Unterstützer an. Doch diesmal hatte die Polizei vorgesorgt. Die Zwangsräumung wurde zum Großeinsatz mit über hundert Polizisten. Schon um 2.30 Uhr in der Nacht sperrten sie die Straße ab. Sechs Aktivisten, die zu der frühen Stunde schon unterwegs waren, wurden in Gewahrsam genommen. Sie hätten nach Angaben der Beamten Wahlplakate heruntergerissen.

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Trotzdem verlief der Einsatz nicht reibungslos. Ein paar Demonstranten hatten bei Nachbarn von Gerigk übernachtet und blockierten den Hausflur, als der Gerichtsvollzieher in der Tür stand. Wie die Kette der 13 untergehakten Aktivisten aufgelöst wurde, davon gibt es zwei Versionen.

Danksagungen an Kalle

Die Demonstranten berichten, die Beamten hätten sie teilweise auf den Boden geschmissen und ihnen das Knie in den Rücken gerammt. Einige sollen gefesselt worden sein, erst mit Handschellen, dann mit Kabelbindern. Wenn keine Kamera in der Nähe war, hätten die Polizisten sie einfach die Treppe heruntergestoßen.

"Das ist natürlich Blödsinn", sagt ein Sprecher der Polizei. Die Hausbesetzer seien alle herausgetragen worden. Ein Demonstrant habe sich allerdings so massiv gewehrt, dass er womöglich gefesselt wurde, so genau wusste der Sprecher es nicht. Der Demonstrant verließ das Haus mit einer blutenden Platzwunde am Kopf und musste in einem Krankenhaus ambulant behandelt werden.

Als Gerigk den Krawall in seinem Treppenhaus hörte, schloss er die Tür. "Es ist mir unerträglich, dass Menschen meinetwegen verletzt werden", sagt er. Doch als er nach der Zwangsräumung an den Demonstranten vorbeiging, feierten sie ihn. Nachbarn, Freunde und Unterstützer fielen ihm um den Hals. Eine 70-jährige Frau schüttelte ihm die Hand, bedankte sich für seinen Mut.

Die Meldung des "Kölner Stadtanzeigers", er habe schon eine neue Wohnung, dementiert Gerigk heftig. "Ich weiß nicht, wie die darauf kommen", sagt er. Er ist erst einmal bei Freunden untergekommen, seine Möbel hat er bei Nachbarn untergestellt. Am liebsten möchte er zurück in sein geliebtes Agnesviertel. "Nach dieser Solidarität für meine Person kann ich es meinen Nachbarn doch nicht antun, einfach wegzugehen", sagt er.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
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1.
d.s.1999 16.04.2014
Zitat von sysopDPAKalle Gerigk wehrte sich wie er konnte, doch letztlich musste er raus aus seiner Wohnung: Zwangsräumung. Die Zahl der Unterstützer und ihre Solidarität aber sorgten für einen denkwürdigen Tag in Köln. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kalle-gerigk-zwangsraeumung-bei-koelner-mieter-a-964833.html
Schön, das es noch Solidarität gibt, leider zu wenig, wir verkommen zur "ich" Gesellschaft. Das schadet letztendlich der gesamten Gesellschaft.
2. Beobachten, was mit der Wohnung nun geschieht
wolfi55 16.04.2014
Wenn der Vermieter nicht nachweislich einzieht, dann sollte man in Richtung Prozessbetrug gehen.
3. Miet Problem
robert.lechl 16.04.2014
Das eigentlich Problem ist, das in Deutschland viel zu viele Menschen in Mietwohnungen leben. Dadurch wird der Markt zum idealen Anlegermarkt in Europa. Der Staat hätte schon längst mit Krediten und Förderungen dagegen vorgehen müssen. Das eigentlich Problem, die Altersarmut, wird dadurch noch gefördert, das heute kaum ein Angestellter sich je sich eine Eigentumswohnung erarbeiten kann. Aber Umverteilungsdebatten sind ziemlich out in der Politik.
4. In Deutschland Stoff für viel politisch selbst gestrickte Dramen
sinasina 16.04.2014
Ein Mensch hat sich eine Eigentumswohnung in Köln gekauft (Verzicht auf Urlaub, Konsum eingeschränkt, Kredite laufen noch) und muss aus beruflichen Gründen nach Hamburg ziehen. Da er dort die nächsten Jahre leben wird, möchte er möglich kostenneutral ein Wohnung als neue Bleibe kaufen. Eigentlich alles kein so großes Problem, in Deutschland Stoff für viel politisch selbst gestrickte Dramen. Da Mieter praktisch unkündbar sind und selbst Eigenbedarf jahrelange Prozesse nach sich ziehen kann, kann der Wohnungseigentümer eine vermietete Wohnung nur mit ganz erheblicher Wertverlust verkaufen. Diesen Wertverlust muss er beim Kauf der neuen Wohnung in Hamburg ganz allein auffangen, keine Solidargemeinschaft, die Transparente für ihn aufhängt. Ein potentieller Wohnungskäufer wiederum kann eine vermietete Wohnung praktisch nicht kaufen, selbst wenn er sie nicht gleich selbst bewohnen will, sondern meinetwegen erst in 2 Jahren, denn dann hat er die Prozesse am Hals. Was dabei heraus kommt, können wir alle sehen.
5. optional
TOST 16.04.2014
In dem Fall wurde vor Gericht Recht gesprochen und Herr Gerigk hat verloren. Hätte man noch naives Vertrauen in den "Rechtsstaat" könnte man es damit auf sich beruhen lassen. Doch wenn gesprochenes "Recht" und Gerechtigkeit so krass divergieren, ist doch einige Sorge angebracht. Schließlich verliert solches "Recht", das eigentlich für jeden klar erkennbar Unrecht ist, jede Legitimation. Wer kann Gesetzestreue einfordern, wenn die Gesetze offensichtlich falsch und unrecht sind und eine Gruppe einseitig bevorteilen? Dieses sogenannte "Recht" führt dazu, daß unsere Gesellschaft immer mehr zerfällt in jene, die haben, auch "Recht", und solche die eben nichts haben außer "Unrecht". Im konkreten Fall hat nicht Herr Gerigk unrecht, die Gesetze, die dazu führen daß er raus muß sind schlicht falsch. Leider sorgt die mit Knüppeln bewaffnete Staatsmacht, repräsentiert von Polizisten, die keine Fragen stellen, dafür, daß man diese "Gesetze" nicht einfach ignorieren kann. Man kann nur Herrn Gerigk und allen Unterstützern weiterhin Mut und alles Gute wünschen. Fraglich ist, wie lange diese Entwicklung noch weitergehen kann, bevor es knallt, und zwar so richtig.
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