Kambodscha Regierung stoppt Wahl der "Miss Landmine"

Die Wahl einer "Miss Landmine" ist in Kambodscha zum Politikum geworden. Die Regierung hat die öffentliche Kür der amputierten Schönheitsköniginnen verboten - sie verletze die Menschenwürde. Der Veranstalter will den Wettbewerb nun online weiter betreiben. Hauptpreis: eine Beinprothese aus Norwegen.

Von Michael Scholten, Phnom Penh


Eine Landmine des Typs Gyata 64 veränderte Song Kosals Leben für immer. 1999 sprengten 300 Gramm TNT das rechte Bein des damals 14-jährigen Mädchens in Fetzen. In Kambodscha gehören solche Unfälle zum Alltag. Auch 18 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs werden im Erdreich des asiatischen Königreichs noch vier bis sechs Millionen unentdeckte Landminen vermutet.

Weder die Regierung noch die Guerillas der Roten Khmer machten sich zwischen 1979 und 1991 die Mühe, die Lage der Minenfelder zu verzeichnen. 20.000 Minenopfer starben seither, doppelt so viele wurden verkrüppelt. Kein anderes Land der Welt braucht so viele Prothesen wie Kambodscha.

Heute ist Song Kosal 24 Jahre alt und studiert in der Hauptstadt Phnom Penh. Im März brachte sie der Fotograf Gorm K. Gaare in einen Segelclub am Golf von Thailand, eine Stylistin stattete sie mit einem blauen Abendkleid, einem silbernen Schuh und einer siebenzackigen Tiara aus. Außerdem mit einer weißen Schärpe.

Darauf stand: "Miss Landmine".

Als Hauptpreis lockt eine Beinprothese

Song Kosals Hochglanzfotos finden sich in einem Ausstellungskatalog, den der norwegische Film- und Theaterregisseur Morten Traavik, 38, herausgegeben hat. Der Katalog präsentiert 20 Frauen im Alter zwischen 18 und 48 Jahren. Sie stammen aus 20 Provinzen Kambodschas und konkurrieren noch bis zum 3. Dezember um den Titel "Miss Landmine Cambodia 2009". Als Hauptpreis lockt eine in Norwegen gefertigte Beinprothese.

"Als ich zum ersten Mal von diesem Wettbewerb hörte, hielt ich das für einen schlechten Witz", sagt Nico Mesterharm. Der aus Berlin stammende Filmemacher, der in Phnom Penh das internationale Kulturzentrum Meta House leitet, änderte bald seine Meinung. "Ich traf Morten und merkte: Er meint das ernst und führt diesen Wettbewerb, wie schon 2007 in Angola, mit großer Professionalität durch."

Traavik und Mesterharm wurden sich einig: Das Meta House in Phnom Penh wollte am 7. August eine dreiwöchige Ausstellung mit den Fotos der Kandidatinnen eröffnen. Quasi als offiziellen Startschuss für die Online-Abstimmung auf der "Miss Landmine"-Seite und in Anwesenheit aller 20 Bewerberinnen und vieler Ministerien und Hilfsorganisationen.

Sowohl das Ministerium für Soziale Angelegenheiten als auch die "Cambodian Mine Action and Victim Assistance Authority" (CMAA) und die "Cambodian Disabled People's Organisation" (CDPO) hatten das Projekt seit 2007 gutgeheißen und Partnerorganisationen aufgerufen, es "in jedweder Hinsicht" zu unterstützen.

"Die Regierung unterstützt diesen Wettbewerb nicht."

Nur fünf Tage vor der geplanten Eröffnung wurde Morten Traavik über einen plötzlichen Sinneswandel der kambodschanischen Regierung informiert. Der höchste Mann im Staat, Premierminister Hun Sen, verbot die Ausstellung und die Online-Wahl. Das Projekt verletze "die Würde und die Ehre der Behinderten", schrieb das Ministerium für Soziale Angelegenheiten in einem Brief an den Organisator. "Der Schönheitswettbewerb macht sich über Kambodschas Landminenopfer lustig", erklärte Regierungssprecher Khieu Khanarith und stellte unmissverständlich klar: "Die Regierung unterstützt diesen Wettbewerb nicht."

Seither will kein Politiker mehr zu "Miss Landmine" Stellung beziehen. Nicht gegenüber Traavik, auch nicht gegenüber den Medien. "Zu diesem Thema ist alles gesagt", lässt der Regierungssprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ausrichten.

"Ich bin maßlos enttäuscht über das Verbot", sagt Traavik. Auch ein privates Abschiedsessen mit den 20 Kandidatinnen in Phnom Penh wurde ihm nicht gestattet. Eine entsprechende Anfrage bei Ith Sam Heng, dem Minister für Soziale Angelegenheiten, blieb unbeantwortet. Traavik flog am 9. August, drei Wochen früher als geplant, heim nach Oslo.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Monark, 20.08.2009
1. Auf den ersten Blick makaber
Auf den zweiten Blick eine ungemein sinnvolle Aktion, um auf das Problem der "vergessenen" Landminen hinzuweisen. Es ist nicht der Wettbewerb, der "die Würde und die Ehre der Behinderten" verletzt, es sind die Minen und die Soldaten, die sie gelegt haben, die Politiker, die das Problem ignorieren, sowie die Industrie und die Waffenhändler, die an ihnen verdienen. Wieder einmal wird der Bote für die schlechte Nachricht bestraft. Man kann Morten Traavik nur alles Gute und genügend Durchhaltevermögen wünschen. Das gleiche gilt natürlich in viel größerem Maße für alle Opfer von Landminen.
Predo 20.08.2009
2. wohl wahr,,,
Zitat von MonarkAuf den zweiten Blick eine ungemein sinnvolle Aktion, um auf das Problem der "vergessenen" Landminen hinzuweisen. Es ist nicht der Wettbewerb, der "die Würde und die Ehre der Behinderten" verletzt, es sind die Minen und die Soldaten, die sie gelegt haben, die Politiker, die das Problem ignorieren, sowie die Industrie und die Waffenhändler, die an ihnen verdienen. Wieder einmal wird der Bote für die schlechte Nachricht bestraft. Man kann Morten Traavik nur alles Gute und genügend Durchhaltevermögen wünschen. Das gleiche gilt natürlich in viel größerem Maße für alle Opfer von Landminen.
auf den ersten blick wirklich etwas makaber... andererseits ist es wohl mit anderen mitteln wirklich nicht mehr möglich, auf diese Probleme aufmerksam zu machen, leider. von daher wohl eine sinnvolle Aktion.
bürger mr 20.08.2009
3. Na Super
So ist es recht, hier werden die Opfer bestraft, wie einfach das geht ! , viel besser wäre es auf gleiche Art bewaffnete Konflikte zu Verbieten. Oder aber den Verantwortlichen Kriegsherren Ihre Gehirnprotese ausbauen und schon wird unser Planet ein großes Stück lebenswerter.
zynik 20.08.2009
4. großartig
Zitat von sysopDie Wahl einer "Miss Landmine" ist in Kambodscha zum Politikum geworden. Die Regierung hat die öffentliche Kür der amputierten Schönheitsköniginnen verboten - sie verletze die Menschenwürde. Der Veranstalter will den Wettbewerb nun online weiter betreiben. Hauptpreis: eine Beinprothese aus Norwegen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,643928,00.html
Großartig wie dem System hier der Spiegel vorgehalten wird. Ich hoffe diese Beispiel macht Schule. Meine Vorschläge wären "Mr. Guantanamo", "Deutschland sucht den Super-Afghanistan-Rückkehrer" oder "Der kaputteste HartzIVler". Obwohl lief zu letzterem nicht mal was auf Sat 1? Ach nee das waren ja die Sozialfahnder.... Vielleicht erreichen so die politischen Zustände mal die dumpfen Massen. Der Zeitgeist wird jedenfalls immer bizarrer.
Zylex 20.08.2009
5. ...
Ähm.. mal wieder ein Beispiel von blindem Aktionismus. Wenn man behinderte Menschen fragt, wollen sie meist genauso behandelt werden wie alle anderen Menschen auch. Für eine Frau ist es sowieso schon wichtig von Leuten als schön angesehen zu werden. Eine Frau mit fehlenden Gliedmaßen hat es in der Hinsicht sicher nicht leicht. Ich denke die Frauen fühlen sich über so eine Auszeichnung eher in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt, als diskriminiert. Hier geht es doch nicht um das "zur Schau stellen von behinderten Menschen", vielmehr darum, dass man sich deswegen nicht schämen oder verstecken muss. Finde die Diskussion viel diskriminierender als die Veranstaltung selber. Das zusätzlich noch auf das Problem der Landmienen hingewiesen wird, ist noch mal als positives Extra zu sehen.
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