Kameraüberwachung in London Big Brother sieht sich satt

London ist die Welthauptstadt der Späher: In kaum einer Metropole gibt es mehr Überwachungskameras. Doch jetzt wächst die Kritik am Sicherheitswahn. Die Technik gilt als teuer und ineffizient, die neue Regierung will den Wildwuchs eindämmen.

Von , London

AP

London - Sie sind groß, klein, rund, eckig, auffällig oder unsichtbar: Man muss in der Londoner Innenstadt nicht lange suchen, um eine Überwachungskamera zu entdecken. Sie kleben an Laternenmasten, an Verkehrsschildern oder an Hauswänden. Selbst hinter den neugotischen Türmchen des Parlaments lugen die leistungsstarken Objektive hervor.

Nirgendwo auf der Welt, heißt es, hängen mehr Überwachungskameras als in London. Beweisen kann das niemand, denn verlässliche Zahlen zu dem Wildwuchs gibt es nicht. Aber Schätzungen gehen von über einer Million Kameras aus - die meisten betrieben von Privatpersonen und Unternehmen.

Seit den neunziger Jahren hat die Stadt eine massive Aufrüstung erlebt, überall tauchten plötzlich die "CCTV"-Schilder auf, die Passanten auf die Überwachung durch "Closed-circuit television" hinweisen. An einzelnen Orten ist die Kontrolle bereits lückenlos: Wer in die U-Bahn hinabsteigt, wird nahezu konstant gefilmt. 12.000 Kameras sind in Waggons, Tunneln und Bahnsteigen installiert. Ein typischer Doppeldeckerbus ist mit einem Dutzend Kameras bestückt. Die Passagiere können sich gegenseitig auf Bildschirmen beobachten, die im Bus angebracht sind.

CCTV-Boom von der Blair-Regierung angeheizt

Die Marschrichtung wurde von ganz oben vorgegeben. Die Regierungen von John Major und Tony Blair glaubten, mit CCTV eine Wunderwaffe gegen das Verbrechen entdeckt zu haben, und heizten den Boom mit Steuergeldern an. Hunderte Millionen Pfund wurden in die neue Technik investiert, ganze Sozialsiedlungen standen fortan unter ständiger Beobachtung. Allein in den vergangenen zehn Jahren verdreifachte sich die Zahl der öffentlich betriebenen Kameras.

"Es gibt nur ein Land, das seinen Bürgern nachspürt wie das Vereinigte Königreich, und das ist Nordkorea", polemisierte der Kolumnist Chris Blackhurst im "Evening Standard".

Längst ist die Euphorie jedoch der Ernüchterung gewichen. Dutzende Studien haben den Nutzen von CCTV in Zweifel gezogen: Weder lassen sich Verbrecher von Kameras abschrecken noch fühlt sich die Bevölkerung sicherer. Auch das politische Klima hat sich gewandelt: Der Verfassungsausschuss des Oberhauses beklagte vergangenes Jahr, die Kameras verletzten das Recht auf Privatsphäre. Die neue liberalkonservative Regierung hat angekündigt, den Einsatz der Kameras stärker zu regulieren.

Sicherheitspopulismus mit CCTV

Und so schlägt das Pendel nun zurück. "Der CCTV-Boom ist vorbei", sagt der Kriminologe Pete Fussey von der University of East London. Der Höhepunkt sei 2003 erreicht worden, seither habe sich der Ausbau des Überwachungsnetzes deutlich verlangsamt. Die Förderprogramme der Regierung sind ausgelaufen, und nach den vielen Jahren rasanten Wachstums scheint der Markt einen gewissen Sättigungsgrad erreicht zu haben - auch in einer Acht-Millionen-Metropole wie London ist die Zahl der Straßenecken begrenzt.

Kriminaloberinspektor Mick Neville, Chef der zentralen Video-Einheit der Londoner Polizei, hatte bereits 2009 gemahnt: "Wir haben genug Kameras, lasst uns jetzt aufhören, wir brauchen keine Kameras mehr." Statt immer neue Ausrüstung anzuschaffen, sei es dringend notwendig, die Auswertung des Videomaterials zu verbessern.

Das heißt nicht, dass es keine Überwachungsfans mehr gibt. Auf viele Lokalpolitiker übt CCTV nach wie vor eine große Anziehungskraft aus. "Es macht sich immer gut, in der Presse mehr Kameras anzukündigen", sagt Dylan Sharpe von der Protestgruppe "Big Brother Watch". Für Stadträte sei es der einfachste Weg zu zeigen, dass sie etwas für die öffentliche Sicherheit tun.

So verkündete auch Londons Bürgermeister Boris Johnson im Mai, in den nächsten Jahren noch 2000 zusätzliche Kameras in der U-Bahn installieren zu wollen. Sein New Yorker Kollege Michael Bloomberg war in London, und Johnson war stolz, dass der Amerikaner extra über den Atlantik geflogen war, um sich bei den Kamerapionieren nach ihren Erfahrungen zu erkundigen.

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insgesamt 37 Beiträge
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Zyklotron, 20.07.2010
1. Mehr Polizisten, statt Kameras
Ich persönlich werde ja lieber von einer Polizeistreife gerettet, als dass mich eine Kamera dabei beobachtet überfallen und vielleicht ermordet zu werden. Davon, dass die Täter vielleicht auf Video festgehalten sind und später ermittelt werden können, hab ich nichts.
frank_lloyd_right 20.07.2010
2. Die gesamte Datensammelei
ist Ausdruck großer Hilflosigkeit - auch wenn die Systemeautomatisch allein am Gang (das Gesicht kann man sehreffektiv unbemerkt vermummen, für den Gang hätte ich auch einRezept, das ich aber nicht unbedingt veröffentlichen will)einen "Täter"(sollte das nicht auf neudeutsch "Tuer" heissen?) identifizieren kann, so ist das zwar als Beweis vor Gericht relevant, aber nicht im Augenblick des Vorgangs. Denn Daten, die nicht unmittelbar ausgewertet werden können, werden mit jeder Minute unbrauchbarer, und es ist leicht, von Steuergeldern eine CCTV-Kamera zu kaufen, aber schwer, das einigermaßen qualifizierte Personal zu besorgen, das auf die Monitore glotzt. Ich denke also, es ist wichtiger, Computerprogramme zur Geschehenserkennung als zur Gesichtserkennung zu perfektionieren, wenn das Blairsche Konzept (der Mann ist ja gläubiger Christ, den hätte man sowieso nie wählen dürfen) aufgehen soll.
Zephira 20.07.2010
3. Kritik
Immer kommt der Einwand, die Kameras würden nicht abschrecken. Nie fragt jemand, inwieweit sie denn die Strafverfolgung erleichtern. Wenn die Aufklärungsrate für U-Bahn-Gewalttaten beispielsweise von 20% auf 80% geschnellt wäre, dann wäre es schlichtweg Täuschung, das zu verschweigen. Und wenn sie es nicht ist, sollte man nach den Gründen forschen (ineffiziente Bürokratie? Zu langsame Bandsicherung nach Vorfällen?). Erst wenn Kameras schon vom Konzept her untauglich sind, ist diese Pauschalkritik angebracht. Andernfalls muss abgewägt werden. Die Mentalität "Ach, wen interessiert schon die Strafverfolung, es ändert ja nichts mehr dran, dass das Verbrechen schon passiert ist" ist jedenfalls hochgradig absurd.
hr_schmeiss 20.07.2010
4. ...schön, zwar immer noch ermordert, aber Täter gefasst
Zitat von sysopLondon ist die Welthauptstadt der Späher: In kaum einer Metropole gibt es mehr Überwachungskameras. Doch jetzt wächst die Kritik am Sicherheitswahn. Die Technik gilt als teuer und ineffizient, die neue Regierung will den Wildwuchs eindämmen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,704269,00.html
Die Methode dient also weniger dazu, Verbrechen zu vermeiden, als vielmehr dazu, die Gefängnisse zu füllen. Bestenfalls Straftaten mit eher wirtschaftlichen Hintergrund wie Autodiebstahl nehmen ab, interessanterweise auch das einzige Argument, das anscheinend gegen die Videoüberwachung anerkannt wird. Affekthandlungen, auch Morde, kalkulieren dagegen selten. Kameras überall, als Symbole eines übermächtigen Staates, der in Persona gar nicht mehr sichtbar wird. Sicherlich nicht geeignet, gerade Jugendlichen ein Gefühl von Sinnhaftigkeit zu geben. Da wird schon eher vermittelt: in diesen Rattenkäfig gehen wir schon gar nicht mehr rein. Psychologen haben interessante Experimente hierzu durchgeführt. Stattdessen: Unternehmen, die riesige Gewinne mit dem System machen, subventioniert, und tausende von "Spannern" anonym an den Monitoren. Anders gesagt, Kälte und Entfremdung haben zugenommen. Man wünscht sich den guten alten Bobby zurück!
RobinB 20.07.2010
5. Persönliche Erfahrung...
...aus England: nachdem in mein Auto (und mehrere in der Nachbarschaft) eingebrochen worden war, sagt mir der Polizist: "Es tut uns sehr leid, da können wir nichts machen, weil es hier bei Ihnen keine Kameras gibt. Aber selbst wenn es welche gäbe, wären die Bilder höchstwahrscheinlich nutzlos, weil die Täter meistens Hoodies tragen." Soviel zum Schutz durch die englische Polizei...
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