Tödlicher Hundeangriff in Hannover "Das Tier mit der besten Lobby"

In Hannover hat ein Hund zwei Menschen getötet. Danach gab es Proteste - gegen seine Einschläferung. Soziologe Marcel Sebastian über das komplizierte Verhältnis von Hund und Mensch.

Staffordshire-Terrier-Mischling Chico
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Staffordshire-Terrier-Mischling Chico

Ein Interview von


Chico hat viele Unterstützer. Hunderttausende unterschrieben eine Petition: Der Staffordshire-Terrier-Mischling dürfe nicht eingeschläfert werden. Er hatte zuvor in Hannover zwei Menschen totgebissen.

Die beiden Toten seien eine Tragödie, heißt es in dem Text der Petition. Aber: Beißattacken hätten ihre Ursache "am anderen Ende der Leine". Also nicht beim Hund.

Marcel Sebastian ist Soziologe an der Universität Hamburg. Seit Jahren forscht er zum Verhältnis zwischen Hund und Halter. Im Interview erklärt er, warum Menschen für Chico auf die Straße gehen - und nicht für seine Opfer. Und warum sich die Beziehung zwischen Hund und Mensch gewandelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Ein Hund tötet zwei Menschen. Danach gab es viel Unterstützung: für das Tier. "Lasst Chico leben!" fordern 270.000 Menschen im Netz. Wie erklären Sie sich das?

Marcel Sebastian: Viele Menschen sehen in dem Hund ein Opfer. Sie glauben, dass die Haltung die Attacke ausgelöst hat. Der Hund ist also in ihren Augen gar nicht selbst verantwortlich. Daraus ergibt sich Sympathie. Bei Videos von Schweinemast gibt es nicht einen solchen Aufschrei.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sebastian: Der Hund ist das Tier mit der besten Lobby. Mit keinem Tier ist der Mensch eine so enge Verbindung eingegangen - die es schon so lange gibt. Hunde begleiten den Menschen seit über zehntausend Jahren, als unsere Vorfahren gemeinsam mit ihnen auf die Jagd gingen. Der Fall Chico bietet außerdem die Gelegenheit, sich besonders einfach für Tierschutz engagieren zu können.

SPIEGEL ONLINE: Weil es sich um einen Hund handelt - und kein Schwein?

Sebastian: Weil die Einstiegshürden besonders niedrig sind. Beim Kampf gegen Kükenschreddern oder die Schweinemast müsste man sein eigenes Verhalten überdenken, etwa den Fleischkonsum. Chico hingegen ist für viele ein Opfer seiner Abrichtung - darüber kann man sich leichter empören. Tierschutz ist in unserer Gesellschaft ein reelles Bedürfnis. Ein Bedürfnis, das an Bedeutung gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Sebastian: Europaweite Umfragen zeigen ein steigendes Interesse an Tierschutz. Es betrifft mehr Menschen als noch vor zehn Jahren. Das äußert sich auch in einem Unbehagen über den Umgang mit Tieren: Menschen verzichten auf Fleisch; kaufen Sachbücher zu dem Thema: "Was können Tiere?" Es gibt den starken Wunsch, das Verhältnis zu Tieren zu überdenken.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich denn das Verhältnis zwischen Hund und Mensch verändert?

Sebastian: Die Beziehung wurde im 19. Jahrhundert enger. Zu einer Zeit, in der sich die Menschen durch die Industrialisierung von der Natur entfremdeten. Doch das Bedürfnis nach Natur blieb und wurde über Hunde kompensiert.

SPIEGEL ONLINE: Wo bleibt der Aufschrei für die Opfer?

Sebastian: Das muss sich ja nicht ausschließen. Man kann die Tat schlimm finden, und trotzdem fordern, dass Chico nicht eingeschläfert wird. Außerdem verfügt die Tierschutzbewegung über ein eingeübtes Repertoire, das sich schnell abrufen lässt. Da geht man auf die Straße oder startet eben eine Petition.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte ja auch gegen das mutmaßliche Behördenversagen in Hannover auf die Straße gehen. Vor Chico wurde schließlich bereits vor Jahren gewarnt.

Sebastian: Das ist sehr rational und unhistorisch gedacht. Die Forderung, Personalsätze zu erhöhen, damit die Ämter die Hunde besser im Blick haben, oder dass ein bestimmter Sachbearbeiter gefeuert wird, ist sehr speziell. Viel spezieller als die Erzählung: Da ist ein Hund, der zum Tode verurteilt wird - obwohl er nichts für sein Verhalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine wissenschaftliche Grundlage für den Begriff "Kampfhund"?

Sebastian: Ich bin kein Biologe. Aber in vielen Ländern wie England oder den USA etwa gelten Hunde, die hier "Kampfhunde" genannt werden, als familienfreundlich. Und in Deutschland ist der Schäferhund ein Familienhund - und zugleich Diensthund für Polizisten, die ihn so abrichten, dass er angreifen kann. Was als Kampfhund definiert wird, ist sozial konstruiert.



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