Zum Tod von Kardinal Meisner Der Fundamentalist

Kardinal Meisner sah sich selbst als Wachhund der Kirche: Er kämpfte gegen alles Liberale und wurde zum Star der konservativen Katholiken. Mit seinem Tod verlieren sie eine ihrer lautesten Stimmen.

Von


Joachim Kardinal Meisner ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Vor einigen Jahren sprach er mit mir über die Himmelspforte. Wie das so ist, wenn man eines Tages davor stehen würde.

Das war im September 2011 auf einem Flugfeld nördlich von Freiburg, auf dem Rollfeld wartete eine Maschine auf ihre Starterlaubnis in den Abendhimmel. An Bord: Papst Benedikt XVI. am Ende seiner letzten Deutschlandreise.

Meisner kam im Gespräch gleich zur Sache: An der Himmelspforte würde abgerechnet, sagte er. Ob SPIEGEL-Redakteur oder Kardinal. Es sei doch Gottesfrevel sondergleichen, wie wir den von ihm verehrten deutschen Papst auf dem Titelbild der Woche als "Der Unbelehrbare" heruntermachen würden.

Wir redeten lange. Meisner erzählte, wie er einst vor dem aufgebahrten Papst Johannes Paul II. gekniet hatte. Da habe er nach einer Weile wirklich dessen Stimme vernommen. Die habe ihm geflüstert: "Wenn Heilige im Himmel sind, dann nehmen sie teil an den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes." Das wolle er auch, dafür lebe er so, wie es Gott gefalle, damit er einst an der Himmelspforte hereingelassen werde.

Vielen Menschen hat es gefallen, wie Meisner als Bischof in Berlin und später als Kardinal in Köln wirkte. Vielen allerdings überhaupt nicht. Denn Meisner war der Anführer des rechten Flügels in der katholischen Kirche.

Er träumte zeitlebens vom Wiedererstarken jener Volksfrömmigkeit, die er als Kind in den ersten elf Lebensjahren in Schlesien erlebte und später als junger Priester und Weihbischof im streng katholischem Eichsfeld in Thüringen. In dieser Katholiken-Enklave fand das Flüchtlingskind seine katholische Parallelwelt zur realsozialistischen Gesellschaft der DDR - überall in der geordneten Landschaft standen Pilgerkreuze, gab es Prozessionen, Wallfahrten, Kirchweih, arbeitsfreie Wochenenden mit gutbesuchten Gottesdiensten.

Fotostrecke

11  Bilder
Fotostrecke: Zum Tod von Kardinal Meisner

Dieses Bild einer heilen Welt in einer unheiligen Umgebung hat Meisner stets behalten, auch als er im Westen angekommen war, dahin wollte er zurück. Das war auch der Grund seines Unwillens, irgendetwas an der katholischen Kirche zu verändern.

Der CDU sprach Meisner das "C" ab

Er wandte sich lautstark gegen den Zeitgeist, gegen die 68er-Generation, die Schwulen und Lesben, gegen rot-grün, die Frauen, die nicht zu Hause am Herd bleiben wollen, die Geschiedenen, gegen eine auf Spaß und Lust fixierte Gesellschaft, für die Zucht und Ordnung Unwörter sind. Seine Kirche ermahnte er: "Schluss mit der endlosen Diskussion über Frauenpriestertum und Abschaffung des Zölibats."

Der CDU sprach Meisner das "C" ab, die Partei war für ihn vom Glauben längst abgefallen. Weniger intellektuell als sein großes Vorbild Benedikt XVI. lehnte er die moderne Gesellschaft mitunter mit deftigen Worten ab: "Ich frage mich manchmal: Leben wir denn in einem Irrenhaus?" Als Kritik an der EU mit deren vielen Gesetzen und Verordnungen meinte er: "Zu viele Götter machen das Leben verwirrend und hässlich. Gottes Verfassung, die Zehn Gebote, passen auf zwei Seiten."

Meisner wirkte manchmal wie ein von der heutigen Zeit überforderter Mensch, auf der Suche nach einfachen Lösungen. Er versprach Sicherheit und Geborgenheit im Vergangenen - und viele Konservative fanden sie bei ihm.

Der Kardinal stieg leidenschaftlich für seine Kirche in den Ring, er schreckte vor keiner Auseinandersetzung zurück. Meisner liebte klare, unkomplizierte Worte: "Der Mann ist auf die Frau hin geschaffen und die Frau auf den Mann hin und daraufhin, dass sie aus der Ehe eine Familie machen. Damit ist dann auch der Fortbestand der Menschheit gesichert."

Seine Äußerungen riefen immer wieder auch große Kritik hervor: Etwa als er 2005 in einer Predigt Abtreibungen mit dem Holocaust in eine Reihe stellte.

"Ihr habt mich nicht gewollt, und ich wollte auch nicht zu euch"

Meisner bekämpfte alles Liberale und Linke, zog dagegen katholische Fundamentalisten aller Art an und förderte sie. In seinem Erzbistum gaben rechtskatholische Gruppen den Ton an - vom Geheimbund Opus Dei bis zu dubiosen Missions- und Frömmigkeitszirkeln.

Johannes Paul II. hatte Meisner 1989 auf den Kölner Posten gehievt - gegen den Willen der frohsinnigen Kölner Katholiken. Als Mann der klaren Worte stellte sich Meisner geradezu humorvoll mit den Worten vor, er sehe durchaus Gemeinsamkeiten mit ihnen: "Ihr habt mich nicht gewollt, und ich wollte auch nicht zu euch."

Meisner praktizierte eine aggressive Kirche, versetzte missliebige Pfarrer, drangsalierte Theologen, als würde Satan sich überall verstecken. Aber er versuchte auch, sich den Menschen im Bistum zu nähern und sich zu versöhnen, er ließ sich gar zum Schunkeln im Karneval hinreißen.

Theologisch blieb er eisenhart. Es war Meisner, der den Limburgern mit Franz Peter Tebartz-van Elst einen konservativen Bischof vorschlug, der den liberalen Ungeist seines Vorgängers austreiben sollte. Von dieser Personalie hat sich das Bistum Limburg bis heute nicht erholt.

Meisner hielt sich politisch nicht zurück. Man müsse "auch in Demokratien wie der deutschen", sagte er einmal, gegen staatliche Gesetze "in Opposition gehen". Mit Blick auf katholische Familien sagte er 2014: "Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien."

Solche Worte machten ihn zum Star jener Katholiken um Pius- und Petrusbrüder; zu einer Figur, auf die sich politisch Rechte berufen konnten. Meisners Worte hatten auch deshalb Gewicht, weil seine Erzdiözese die größte Deutschlands mit dem höchsten Pro-Kopf-Aufkommen an Kirchensteuer ist. Doch ebenso stimmt: Die Zahl der Kirchenaustritte war in Meisners Bistum in vielen Jahren höher als anderswo.

Seine Stimme wurde mit zunehmendem Alter schwächer. Als er 2011 ein Frauenhaus in der Eifel besuchte, ereilte ihn ein Schwächeanfall. Während der Visite fing er an zu wanken, der ebenfalls anwesende Schlagerstar Heino half ihm wieder mit auf die Beine.

Gegen Ende seiner Amtszeit wuchs in Köln der Widerstand: Meisners Gegner sammelten Protestunterschriften, verfassten Brandbriefe, organisierten Mahnwachen und Versammlungen oder riefen sogar zur Demonstration gegen ihn auf. "Der Frust ist groß, das Unbehagen flächendeckend", sagte am Ende selbst sein Pressesprecher, der 16 Jahre lang unter Meisner gedient hatte.

Zum Beten ging er gern in die Bischofsgruft

2014 wurde Meisner als Kölner Erzbischof abgelöst. Er war lange der Gefürchtetste jener "Drei M" in der Deutschen Bischofskonferenz: Meisner, Mixa, Müller. Walter Mixa musste 2010 nach Prügel-Vorwürfen als Bischof von Augsburg abtreten, Gerhard Ludwig Müllers Vertrag als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan wurde von Papst Franziskus gerade nicht verlängert - die Macht der konservativen Traditionsbewahrer scheint zu schwinden. Umso mehr wird ihren Anhängern Meisner nun fehlen.

Als Pensionär ging er zum Beten gerne in die Bischofsgruft unter dem Kölner Dom, wo er den irdischen Platz nach seinem Tod bereits im Blick haben konnte.

Seinem Kölner Nachfolger Rainer Maria Woelki zufolge starb Meisner friedlich in den Ferien in Bayern. Ein Freund, der ihn zum Gottesdienst abholen wollte, habe ihn gefunden. "Der Kardinal hat da ganz friedlich gesessen, muss gerade verstorben sein, er wollte mit seinem Freund die Heilige Messe feiern", sagte Woelki dem "Domradio". Meisner habe das Gebetbuch noch in den Händen gehalten.

Den Kölnern hatte Meisner bei seinem Amtsantritt versprochen, sie "in den Himmel zu führen." Nun ist er selbst wohl dort angekommen.

An der Himmelspforte sollte jedenfalls alles geklappt haben.

Mit Material von dpa

insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
categorical 05.07.2017
1. De mortuis nihil nisi bene ...
... allerdings ist zu ziemlich das EInzige, was mit bei dieser Nachricht einfällt, da hat ein Ewiggestriger sich der Geschichte angeschlossen. Ich bezweifle, dass die moderne Welte ihn vermissen wird. "Den Kölnern hatte Meisner bei seinem Amtsantritt versprochen, sie "in den Himmel zu führen." Nun ist er selbst wohl dort angekommen." Na ja, das bezweifle ich. Aber man darf Unbewiesenes ja immer gern behaupten. Vielleicht ist er auch in Valhalla? Oder im Hades? Dafür gibt es ungefähr genau so viele Anhaltspunkte.
isegrim der erste 05.07.2017
2. Herr Meisner war ein Relikt aus vergangener Zeit
und vertrat Meinungen, mit denen zum Glück hier in Deutschland kaum noch jemand etwas am Hut hat.
marty_gi 05.07.2017
3. Rip
Moege er in Frieden ruhen. Mehr Frieden als er den meisten hier auf Erden gegoennt hat. Eines macht mich an den "konservativen" Christen und insbesondere Katholiken ja immer stutzig: Sie muessen sich ja irgendwie immer einen besonderen Zeitpunkt in der Kirchengeschichte aussuchen, den sie als "traditionswuerdig" und damit als den Ursprung ihres Konservativismus betrachten. Da die Bibel, auf die sie sich beziehen, ja nun faktisch nicht im Original auf Latein entstanden ist, und somit Latein als Kirchensprache eigentlich keinen Sinn macht. Und die Regeln und die Bekleidung usw. (wie auch in anderen Religionen) sich entwickelt haben, und dann man eben einen bestimmten Zeitpunkt als den wirklichen Startpunkt definieren muss - alles davor zaehlt nicht, und alles neue wird abgelehnt. Ist mir persoenlich eine komische Sichtweise, ziemlich skurile Scheuklappen der Realitaet gegenueber, wo die einzige Tradition der staendige Wandel ist.
skater73 05.07.2017
4. Da können die Kirchenbasher ja lostreten
Ist ja schließlich Mainstream geworden, wie man gerade am Artikel sehen kann. Da wird alles wofür Meisner eingetreten ist, als das Vergangene betrachtet. Als sei es etwas, das es zu überwinden gälte, weil es per Definition schlecht sei und gar rückständig. Ich bin wahrlich nicht der Ansicht, dass alles gut wird, wenn man Meisners Sichten folgt. Dennoch kann man - so auch ich - konstatieren, dass eine Gesellschaft ohne Rahmen, ohne Fundamente, ohne Ordnung nur eine haltlose, brüchige Gesellschaft ist. Muss der Gesetzgeber Familie definieren wie die katholische Kirche? Keineswegs, aber definieren, was der Maßstab für Familie sein soll, das muss der Gesetzgeber. Wenn man also Kardinal Meisners Sichten mal aufs Wesentliche reduziert, ging es ihm wohl weniger um ein Zurück als vielmehr um ein Vorwärts zu geordneteren Verhältnissen. Dass diese aus seiner persönlichen Erfahrung auch die Verhältnisse seiner Jugend sind, sei ihm gegeben, wir müssen das in der Gesellschaft ja nicht zwangsläufig genau in diese Ordnung bringen. Mit einem hatte er jedoch absolut Recht: Der CDU sprach Meisner das "C" ab, die Partei war für ihn vom Glauben längst abgefallen. Eine christliche Partei kann nicht die Ehe für Alle fordern. Wenn sie es dennoch tut, ist es halt eine Partei, aber eben keine christliche.
cobaea 05.07.2017
5. vorwärts in die Vergangenheit
Zitat von skater73Ist ja schließlich Mainstream geworden, wie man gerade am Artikel sehen kann. Da wird alles wofür Meisner eingetreten ist, als das Vergangene betrachtet. Als sei es etwas, das es zu überwinden gälte, weil es per Definition schlecht sei und gar rückständig. Ich bin wahrlich nicht der Ansicht, dass alles gut wird, wenn man Meisners Sichten folgt. Dennoch kann man - so auch ich - konstatieren, dass eine Gesellschaft ohne Rahmen, ohne Fundamente, ohne Ordnung nur eine haltlose, brüchige Gesellschaft ist. Muss der Gesetzgeber Familie definieren wie die katholische Kirche? Keineswegs, aber definieren, was der Maßstab für Familie sein soll, das muss der Gesetzgeber. Wenn man also Kardinal Meisners Sichten mal aufs Wesentliche reduziert, ging es ihm wohl weniger um ein Zurück als vielmehr um ein Vorwärts zu geordneteren Verhältnissen. Dass diese aus seiner persönlichen Erfahrung auch die Verhältnisse seiner Jugend sind, sei ihm gegeben, wir müssen das in der Gesellschaft ja nicht zwangsläufig genau in diese Ordnung bringen. Mit einem hatte er jedoch absolut Recht: Der CDU sprach Meisner das "C" ab, die Partei war für ihn vom Glauben längst abgefallen. Eine christliche Partei kann nicht die Ehe für Alle fordern. Wenn sie es dennoch tut, ist es halt eine Partei, aber eben keine christliche.
Misst man seine Ziele an seinen Aussagen, dann ging es ihm klar um ein "Vorwärts in die Vergangenheit". Ziel war eine Ordnung, in der Frauen am Herd bleiben und zusammen mit ihrem Ehemann viele Kinder bekommen und erziehen. Wo die katholische Kirche ihren Gläubigen sagt, wie die Welt und ihr Leben auszusehen hat und die Gläubigen diese Anweisungen strikte befolgen. Solche "geordneten Verhältnisse" kann heutzutage leben, wer das will. Alle anderen können's aber auch lassen. Und genau damit hatte Meisner so seine Probleme.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.