Zum Tod von Kardinal Lehmann Der Brückenbauer

Kirchenrebell, Zeitgeist-Liberaler, Säkularisierer: Kardinal Karl Lehmann wurde mit vielen Etiketten versehen - gefallen hat ihm keins davon. Über einen Theologen, der stets beharrlich Haltung zeigte.

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Es gab diesen kurzen Moment, in dem Karl Kardinal Lehmann ein wenig verloren aussah. Im Mainzer Dom wurde 2016 sein 80. Geburtstag gefeiert - mit einer opulenten Messe und renommierten Gästen aus Klerus und Politik. Es war der Augenblick seines Abschieds aus dem Amt des Bischofs, das er knapp 33 Jahre lang bekleidet hatte.

Lehmann saß weihrauchumwölkt auf einem goldenen Stuhl, um ihn herum standen kirchliche Würdenträger aus Rom und Deutschland. Er war korpulenter als früher, gezeichnet von Gesundheitsproblemen - doch als er anfing zu reden, ganz der Alte: die starke Stimme, der sympathische S-Fehler, die schnörkellose Rhetorik.

Lehmann sprach von der "geradezu verrückten" Liebe Gottes zu den Menschen. Wir alle, so ließ er durchblicken, seien zwar als Lichtgestalten geschaffen, aber dennoch "lichtscheues Gesindel", das die Finsternis liebe, weil die jede Fehlbarkeit verberge. Der Kardinal rief auf zu mehr "Offenheit und Durchsichtigkeit unserer Handlungen". Mehr Transparenz also, mehr Ehrlichkeit.

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Kardinal Lehmann: "Ein kluger Kopf unter Schafen"

Die hatte er gefordert, als 2010 der Missbrauchsskandal die katholische Kirche erschütterte. Als einer der ersten Kirchenoberen erkannte er, dass die mangelnde Aufklärung der innerkirchlichen Sexualstraftaten auch auf der irrigen Annahme beruhte, "sich mehr um die Täter kümmern zu müssen als um die Opfer". Die Misshandlung von Kindern in katholischen Erziehungsheimen bezeichnete er als "falsch verstandene Pädagogik", die der Aufklärung bedürfe.

Lehmann konstatierte Fehlentwicklungen, er versteckte sich als Bischof von Mainz und langjähriger Vorsitzender der Bischofskonferenz nicht, wenn es Probleme gab. Aber er war beileibe kein Kirchenrebell und mochte es gar nicht, wenn man ihn als solchen bezeichnete. Vielmehr vertrat er die "radikale Mitte" in der Kirche, er suchte den Konsens, den Dialog, er war "ein Mann der Gemeinschaft", wie es der Vatikan-Diplomat Giovanni Lajolo einmal formulierte.

"Man muss von einer Front zur anderen gehen und vermitteln", sagte Lehmann in einem ZDF-Porträt. "Offen kämpfen, nichts vertuschen oder verschweigen" - und gegebenenfalls mit Anstand verlieren.

"Prellbock zwischen Rom und den deutschen Bischöfen"

Trotz seines gemäßigten Kurses geriet Lehmann immer wieder mit den Traditionalisten in seiner Kirche aneinander. Das lag an seiner Beharrlichkeit - und seiner Kompromisslosigkeit etwa beim Thema Verhütung. Papst Johannes Paul II. verlangte in den Achtzigerjahren von den deutschen Bischöfen, dass sie die 1968 verfasste "Königsteiner Erklärung" zurücknehmen, die als grünes Licht für Empfängnisverhütung unter Katholiken interpretiert worden war. Die deutschen Geistlichen weigerten sich erfolgreich.

Im innerkirchlichen Streit um die Reform des deutschen Abtreibungsrechts musste der Lehrersohn aus Sigmaringen allerdings eine Schlappe einstecken. Zwar hatte die Deutsche Bischofskonferenz unter seiner Führung 1995 beschlossen, auch weiterhin Hilfe suchende Frauen zu beraten. Anfang 1998 jedoch forderte Papst Johannes Paul II. die deutschen Bischöfe unmissverständlich auf, keine Beratungsscheine mehr auszustellen, die eine straffreie Abtreibung ermöglichten. Als Reaktion darauf entstand die Laienorganisation "Donum vitae", Lehmann gründete 2001 in seinem Bistum die Initiative "Netzwerk Leben".

Im selben Jahr wurde er - für viele überfällig - in den Kardinalsstand erhoben. Mit der Ernennung kam allerdings ein Mahnschreiben des Pontifex an die deutschen Bischöfe, in dem er eine "Selbstsäkularisierung der Kirche" kritisierte.

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Tod von Kardinal Karl Lehmann: "Steht fest im Glauben"

"Unserer Beziehung hat der Dissens offenbar nicht geschadet", sagte Lehmann 2016 dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Demnach ging seine Ernennung zum Kardinal 2001 auf den ausdrücklichen Wunsch Johannes Pauls II. zurück. Hier zeigte sich die Wendigkeit Lehmanns, der schon zu Lebzeiten als "Prellbock zwischen Rom und der Kirche" galt, der als "Person und Ereignis zugleich" bewundert wurde.

Hardliner Meisner als natürlicher Gegenspieler

Lehmann war ein Geschöpf des Zweiten Vatikanischen Konzils, ein Progressiver. Mit Mitte 20 nahm er als Berater an der Versammlung teil, die die Kirche reformieren und damit in ihren Grundfesten erschüttern sollte. Und im Gegensatz zu vielen anderen blieb er den Idealen des Konzils ein Leben lang treu. "Ich könnte mich gar nicht denken ohne das Konzil", sagte er noch 2012 in einem Interview.

Er befürwortete ausdrücklich die liturgischen Neuerungen, die Übersetzung des Ritus in die Landessprachen, die aktive Einbeziehung der Gemeinde in den Gottesdienst. Die Ökumene war ihm ein Herzensanliegen, "die geistliche Not der konfessionsverschiedenen Ehen" habe ihn dazu gebracht, sich für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten einzusetzen.

Als die vatikanische Glaubenskongregation dem theologischen Freigeist Hans Küng 1979 die Lehrerlaubnis entzog, bezeichnete Lehmann dies als "rabenschwarzen Tag für die Theologie". Katholische Hardliner wie Kardinal Joachim Meisner waren seine natürlichen Antagonisten. Sie sahen den Mainzer Bischof als Vertreter einer vom "liberalen Zeitgeist" durchsetzten, mit "antirömischen Affekten" infizierten Kirche. Dennoch ließ Lehmann es nie an Respekt fehlen, auch gegenüber Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., zu dem er ein zeitweise angespanntes Verhältnis hatte.

Lehmann nannte die Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Richard Williamson 2009 durch Benedikt XIV. eine "Katastrophe". Lehmanns mutiges Plädoyer, wiederverheirateten Geschiedenen im Einzelfall das gemeinsame Abendmahl zu ermöglichen, war 1994 vom damaligen Präfekt der Glaubenskongregation, eben Joseph Ratzinger, abgeschmettert worden.

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Kardinal Lehmann: "Ein kluger Kopf unter Schafen"

Es dürfte eine späte Genugtuung für Lehmann gewesen sein, dass Anfang Februar 2017 die deutschen Bischöfe den Anfang vom Ende der sogenannten Ehebrecher-Kommunion einleiteten. In Anlehnung an Papst Franziskus' Schreiben "Amoris laetitia" erklärten sie, dass Priester in Einzelfällen wiederverheirateten Paaren den Empfang des Sakraments der Eucharistie einräumen sollten. Nicht "billige Gnade", sondern Versöhnung, so hatten es Lehmann und seine Mitstreiter Oskar Saier und Walter Kasper ein Vierteljahrhundert zuvor formuliert.

Als Kardinal nahm er an den Konklaven von 2005 und 2013 teil. Mit Franziskus wurde ein Papst gewählt, der ihm ideologisch näherstand als Benedikt XVI. - den er aber trotzdem nicht unkritisch verehrte. Er bewunderte allerdings dessen strategisches Vorgehen: "Franziskus hat etwas, das wir in Deutschland als Bauernschläue bezeichnen, er kennt Wege und Umwege, wie er ans Ziel kommt. Wenn er lächelt, dann weiß er schon, was er will."

Theologisches Schwergewicht

Lehmanns Wahlspruch als Bischof war "State in fide" (Steht fest im Glauben), und diese Unerschütterlichkeit war auch sein Markenzeichen. Er war theologisches Schwergewicht, gewandter Mediator und unerschöpflicher Arbeiter in einem. "Kardinal Lehmann war der Sisyphos unter den deutschen Bischöfen. Unermüdlich rollte er seinen ihm zugelosten Stein den Felsen Petri hinauf", schrieb der "Rheinische Merkur" über den Theologen, der seinen Körper so lange im Dienst der Kirche schindete, bis er 2007 vor dem Altar kollabierte. Auf eine Magen-OP, zwei künstliche Kniegelenke und einen Schlaganfall folgt die Erkenntnis: Kürzertreten, Ämter und lästige Pflichttermine abgeben, "eine klare Zäsur" einleiten.

Im Video: Gedenken an Kardinal Lehmann

Das bedeutete für Lehmann einen wertvollen Zuwachs an Zeit - Zeit für die mehr als 100.000 Bücher in seiner Bibliothek, Zeit für die Philosophie. Lehmann war ein Freund großer Fragen, die er sorgsam betrachtet und nicht zwangsläufig abschließend beantwortet wissen wollte. Seine Dissertation 1962 an der Päpstlichen Universität Gregoriana widmete sich dem Thema "Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers" - es war eine mehr als 800 Seiten lange Abhandlung über einen für die deutsche Philosophie geradezu "fetischartigen" Begriff, wie Lehmann humorvoll im Vorwort anmerkte. "Was ist das Gewissen?" "Gibt es eine Moral ohne Gott?" Es waren Fragen wie diese, die den Denker Lehmann umtrieben.

In Zeiten großer Rückschritte oder totaler Stagnation mag Kardinal Karl Lehmann so manchem in seiner Kirche als liberales Feigenblatt gedient haben. Seinen Getreuen war er Garant für Glaubwürdigkeit.


Lesen Sie hier: Prominente würdigen den verstorbenen Kardinal Lehmann: "Moralischer Kompass"

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