Neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz Marx, ein machtbewusster Mann von Welt

Mit ihm kommt Weltgewandtheit: Der Münchner Kardinal Reinhard Marx ist der neue Mann an der Spitze der deutschen Bischöfe. Er gilt als machtbewusst, hat einen guten Draht nach Rom und steht vor großen Herausforderungen.

Von , Münster


Reinhard Kardinal Marx ist eine ausladende Persönlichkeit. Jemand, der viel Raum einnimmt und sich auch mal breit macht. Am Vorabend seiner Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sitzt er entspannt und gut gelaunt beim Abendessen und gibt den Hedonisten, den genussfreudigen "Fürstbischof" von München und Freising.

Marx isst gern und trinkt gern, und er hat Humor. Eine seiner herausragenden Fähigkeiten ist es, aus dem Stegreif ebenso unterhaltsame wie prägnante Statements abzugeben. Genau das tut er an diesem Abend, so häufig, dass die anderen Bischöfe zu Statisten schrumpfen.

Ob er die zunehmende Spaltung von Basis und Führung in der katholischen Kirche wahrnehme? "Ich empfinde selbst manchmal Entfremdung. Aber die Welt lässt sich nicht so einfach in unten und oben einteilen", antwortet Marx.

Tatsächlich gilt er selbst als "einer von denen da oben", als machtbewusste Führungspersönlichkeit unter den Bischöfen. Er war als Favorit ins Rennen gegangen - dennoch brauchte es vier Wahlgänge, bis er mit absoluter Mehrheit zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt wurde.

"Ich bin überzeugt, dass Marx es kann", sagt der Gastgeber der Bischofskonferenz, der Münsteraner Bischof Felix Genn. "Sein Fokus wird auf sozialer Gerechtigkeit liegen, er wird auf die Wunden aufmerksam machen." Selbst Kirchenkritiker Hans Küng begrüßt die Wahl, Marx habe sich zuletzt "als Reformer profiliert", sagt der 85-Jährige. "Ich setze auf seine Dialogfähigkeit und Führungsqualitäten."

"Man sollte kein Jäger und Sammler sein"

Marx bekleidet bereits eine ganze Reihe wichtiger Ämter, die ihn immer wieder aus seinem Erzbistum München nach Brüssel und Rom führen. Er ist Präsident der EU-Bischofskommission COMECE. Gerade ernannte ihn der Papst zum Koordinator des neugegründeten Wirtschaftsrates im Vatikan. Und er ist Mitglied in der von Franziskus eingesetzten Kommission, die eine Reform der Kurie vorbereiten soll.

Der 60-Jährige ist nah dran am Pontifex und der Weltkirche, er studierte unter anderem in Paris, spricht fließend Englisch und Französisch und lernt gerade Italienisch. Eine gewisse Weltgewandtheit wird also Einzug halten in der Bischofskonferenz. Aber der neue Vorsitzende wird sich auch entscheiden müssen, welchen Job er gegebenenfalls abgibt. "Man sollte kein Jäger und Sammler sein", sagte er bei der Verkündung seiner Wahl. "Man muss auch Aufgaben abgeben können."

Politisch steht der Sohn eines Schlossermeisters aus dem westfälischen Geseke eher links, er engagierte sich etwa für die 6000 Beschäftigten des insolventen katholischen Weltbild-Verlags. Innerhalb der CDU vermisse er zunehmend "ein dezidiertes Bekenntnis zum christlichen Glauben und zur Kirche", sagte er 2010 dem SPIEGEL. Kanzlerin Merkel wünschte ihm trotzdem "eine glückliche Hand und Gottes Segen" im neuen Amt.

Es könnte unterhaltsam werden mit Marx

Theologisch steht Marx dem Papst nahe. Er betont, dass dessen apostolisches Schreiben "Evangelii Gaudium" als Orientierungsrahmen auch für die katholische Kirche in Deutschland gelten müsse. Franziskus' Kapitalismuskritik darin war harsch - kein Problem für Marx, der als profilierter Sozialethiker die Ideen von Karl Marx in Teilen "inspirierend" findet und eine Streitschrift für soziale Marktwirtschaft mit dem Titel "Das Kapital" verfasst hat. Ja, es könnte unterhaltsam werden mit diesem Vorsitzenden.

Auch einer unverrückbaren Dogmenpolitik steht er zumindest kritisch gegenüber. "Wir leben in einer pluralen Welt", sagte er nun in Münster. Es sei unmöglich, zu einer homogenen, überschaubaren zurückzukehren.

Hoch anrechnen muss man Marx, dass er auf dem Höhepunkt des kirchlichen Missbrauchsskandals 2010 als erster Diözesanbischof eine Anwaltskanzlei - und mithin eine externe Instanz - beauftragte, Übergriffe von Priestern auf Schutzbefohlene in seiner Diözese zu prüfen. Das Ergebnis zeigte, dass Missbrauch von Minderjährigen jahrelang vertuscht wurde. Allerdings musste er sich in Bezug auf den Missbrauchsskandal auch schon Kritik gefallen lassen: Im Januar 2013 erhob der Kriminologe Christian Pfeiffer im Zusammenhang mit der groß geplanten und dann gestoppten Missbrauchsstudie Zensurvorwürfe gegen die Kirche. Marx hatte erklärt, er könne aus Datenschutzgründen nicht alle Informationen zu mutmaßlichen Tätern und Opfern herausgeben und nannte den Vorwurf "unangebracht".

Keine gute Figur in Sachen Ökumene machte er 2003, als er dem Saarbrücker Theologieprofessor und Priester Gotthold Hasenhüttl die kirchliche Lehrerlaubnis entzog - weil dieser Protestanten zum gemeinsamen Abendmahl im Gottesdienst eingeladen hatte.

Wie Marx eine kraftvolle und meinungsstarke Führung mit der von Franziskus geförderten Dezentralisierung innerhalb der Kirche in Einklang bringen will, ist noch unklar. Die Ortskirchen sollen mehr Entscheidungsfreiheit bekommen, viele Bischöfe pochen auf ihre Eigenständigkeit und die beschränkten Befugnisse des Vorsitzenden.

"Wir einigen uns im Dialog"

Könnte ein selbstbewusster Vorsitzender wie Marx trotz beschränkter Befugnisse nach unten "durchregieren"? "Natürlich nicht", sagt Bischof Franz-Josef Overbeck aus Essen, der ebenfalls zu den Anwärtern auf das Amt gehörte. "Wir einigen uns im Dialog."

Auf den neuen Vorsitzenden warten zahlreiche Aufgaben: Er muss Vertrauen zurückgewinnen, den Mitgliederschwund in der Kirche stoppen, die Kirchenfinanzen transparenter machen, den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen klären und sich irgendwann einmal auch zu dem Skandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst äußern, über dessen Schicksal zeitnah entschieden werden soll.

An der Basis hat man Verständnis für die Schwierigkeiten des Amtes: "Seien wir ehrlich", sagt ein ehemaliger Bistumsangestellter im sonnendurchfluteten Dom zu Münster: "Es ist keine dankbare Aufgabe."

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