Kardinal Meisner Aufstand gegen den Hardliner vom Rhein

Er wettert gegen Sex vor der Ehe und sieht sich selbst als "Wachhund" der Kirche - seit 22 Jahren ist der stockkonservative Kölner Kardinal Joachim Meisner im Amt. Nun revoltiert das Kirchenvolk in seinem Bistum und probt den Aufstand.

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Protestierende Katholiken vor dem Bonner Münster: "Wir wollen ernst genommen werden"

Protestierende Katholiken vor dem Bonner Münster: "Wir wollen ernst genommen werden"


Hamburg - "Was hier in Bonn geschieht, ist einmalig und wohl erstmalig - Katholiken demonstrieren!" Stadtdechant Wilfried Schumacher, oberster Repräsentant der Bonner Katholiken, konnte es als Redner einer "Demo" an diesem Wochenende beinahe selbst kaum fassen, wie rebellisch seine links- und rechtsrheinischen Gemeinden geworden sind.

Es geht gegen Kardinal Joachim Meisner, 77. Ausgangspunkt für die Revolte im Erzbistum Köln war, dass Meisner den Bonner Christen nach alter Gutsherrenart einen neuen Pfarrer vor die Nase setzen wollte - ohne die vorgeschriebene Anhörung der Gemeindegremien. Doch die von über 10.000 Katholiken gewählten Gemeindevertreter bestanden auf ihr Anhörungsrecht, das erst vor gut zwei Jahren von Kardinal Meisner selbst nach langen Kämpfen mit seiner Basis in der Pfarrgemeinderatssatzung neu festgelegt worden war.

Mit über 2000 Unterschriften hatten die drei Gemeinden in Bonn-Beuel vor einigen Wochen verlangt, in einen Dialog auf Augenhöhe mit der Kölner Kirchenführung zu treten - statt immer nur Befehle zu empfangen. "Es war ein Weckruf für den Kardinal aus Köln," sagt Lilo Patt-Krahe, Vorsitzende des Pfarrausschusses St. Adelheid am Pützchen.

"Laien sind keine Befehlsempfänger"

Doch dann wurde vergangene Woche ein bereits zugesagter Runder Tisch wegen angeblicher Terminschwierigkeiten der Bistumsspitze kurzerhand abgesagt. Das brachte die Stimmung zum Kochen: Die Vorsitzende des Bonner Katholikenrats, Margret von Haehling, eine Ordensschwester: "Wir sind enttäuscht, frustriert, ratlos und erzürnt." Aber, fügt sie hinzu: "Wir sind inzwischen selbstbewusst geworden und keine Schäfchen mehr, die alles hinnehmen."

Rund 400 Mitglieder der "Katholiken-am-Ennert", der "Katholiken-im-Burgviertel" und der Initiative "Auch wir sind Gemeinde" kamen am Wochenende zur Kundgebung, darunter auch etliche Priester und Diakone. Eine Demonstrantin, gut 50 Jahre alt, hätte es am liebsten noch etwas radikaler: "Es geht einfach nicht mehr so diktatorisch weiter. In der katholischen Kirche muss jetzt Schluss sein mit der Bevormundung von oben." Ein anderer Demonstrant empörte sich: "Laien sind keine Befehlsempfänger!"

Kardinal Joachim Meisner ist von der Ausdauer und Heftigkeit des Protestes überrascht. Ihm gelang es selbst mit einem seitenlangen Entschuldigungsbrief nicht mehr, den "Bonner Kirchenstreit" zu befrieden.

Meisner, der seit 22 Jahren im Amt ist, will weder abtreten noch das Bistum reformieren. In einem Hirtenbrief, den er zur Fastenzeit vorlegte, wettert er gegen Sex vor der Ehe und ruft die Jugend dazu auf, Gruppen gleichgesinnter Sexabstinenzler zu bilden. Der Kardinal gilt als bedingungsloser Gefolgsmann des Papstes, er selbst beschreibt sich als "Widerstandskämpfer Gottes" und "Wachhund" der Kirche.

Bewegung im Netz

Den Demonstranten geht es längst nicht mehr nur um eine der zahlreichen diktatorischen Personalentscheidungen des Kardinals. "Es geht um das gestörte Verhältnis zwischen Laien und Klerus in unserer Kirche," sagt der Arzt Martin Utsch, der in Bonn seit Jahren als engagierter Katholik wirkt. Damit dreht sich der "Bonner Kirchenstreit" um eines der zentralen Probleme der gesamten katholischen Kirche in Deutschland, von dessen Lösung die Zukunft der Glaubensgemeinschaft abhängt. Die Bonner Katholikin Lilo Patt-Krahe: "Wir fordern Ehrlichkeit im Umgang miteinander, um die Zukunft der Kirche mitzugestalten."

Das Ergebnis des Konflikts am Rhein ist noch offen, ein nächster "Dialogtermin" zwischen Kirchenspitze und -basis ist für den 11. Mai geplant. Schon jetzt finden die Bonner Kirchenrebellen Nachahmer.

Andere Gemeinden mit ähnlichen Problemen haben begonnen, die Internetseite der Initiative, auf der sie Schritte im Kampf um ihre Rechte öffentlich macht, zu kopieren.

Für die Generation der meist 50-, 60-jährigen Mitstreiter sind manche Protestformen im Internet neu, aber sie tragen mit dazu bei, dass sich der Geist vom Ennert in den katholischen Gemeinden ganz Deutschlands ausbreiten kann. Augenarzt Utsch sagt: "Wir haben in den letzten Wochen einige Dinge getan, die wir noch nie vorher in unserem Leben tun mussten: Wir haben innerhalb von 48 Stunden eine Internetseite aus dem Boden gestampft, ich habe jetzt einen Facebook-Account, den ich bisher nur von meinen Kindern her kannte. Ich weiß jetzt, wie man twittert - und ich habe beim Polizeipräsidenten von Bonn eine Demonstration angemeldet."

Ohne diese Laien, lautet seine Warnung an die deutschen Bischöfe, wird der Amtskirche ein Potential wegbrechen, das wohl nicht mehr zurückzugewinnen wäre.

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