Geschasster Kardinal Müller Der Scharfmacher hat ausgedient

Der Finanzchef des Vatikans lässt sein Amt wegen Missbrauchsvorwürfen ruhen, jetzt muss auch Glaubenshüter Kardinal Gerhard Ludwig Müller seinen Hut nehmen. Überraschend? Wohl kaum.

Gerhard Ludwig Müller bei der Generalaudienz im Vatikan
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Gerhard Ludwig Müller bei der Generalaudienz im Vatikan

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Die Aufgaben der jahrhundertealten Glaubenskongregation hat Kardinal Gerhard Ludwig Müller einmal so umrissen: Das Wichtigste sei, "dass wir dem Heiligen Vater in seinem Lehramt dienen und uns um Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern", sagte er 2015 im Interview mit der "Zeit".

Das klingt devot und dienstbeflissen - dennoch hat der einflussreiche Präfekt nun offenbar ausgedient. Müllers Amtszeit endet fristgerecht nach fünf Jahren, zum 2. Juli. Warum der Vatikan in Zukunft auf die Mitarbeit des 69-Jährigen verzichten wird, ist nicht bekannt.

Einige Kommentatoren nannten den Schritt überraschend - tatsächlich scheint die Verabschiedung nur eine logische Konsequenz aus den überdeutlichen politischen Differenzen zwischen Papst Franziskus und dem Mann an der Spitze der Glaubenskongregation zu sein.

Der Schweizer Theologe Hans Küng nannte Müller einst einen "bornierten Scharfmacher" und eine "katastrophale Fehlbesetzung" im Amt des obersten Glaubenshüters. Müller, der ewige Konservative, und Franziskus, der notorische Reformer - das war von Anfang kein Dream-Team. Das Charisma, das Freundlich-Unbestimmte, die theologischen Unschärfen und die Nonchalance, mit der Papst Franziskus sich auch mal medial vermarkten lässt - all das war Müller wohl stets suspekt.

Der Professor für katholische Dogmatik und langjähriger Weggefährte Joseph Ratzingers, Wolfgang Beinert, führt an, dass die "Chemie" zwischen Papst Franziskus und Müller nie gestimmt habe. Tatsächlich war der Chef der Glaubenskongregation trotz seines wichtigen Amtes nie Teil des engeren Kreises um den Argentinier Bergoglio, die Stimmung unter den beiden eher unterkühlt, die Zusammenkünfte zuletzt rar. Das allein reicht aber wohl kaum für die Entfernung Müllers aus dem Amt.

Tatsächlich gab es handfeste Streitpunkte:

  • Kardinal Müller kritisierte im Zusammenhang mit dem postsynodalen päpstlichen Schreiben "Amoris Laetitia" ("Die Freude der Liebe") die Haltung des Papstes in der Frage der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Franziskus erlaubte diese in Einzelfällen, Müller stellte fest, niemand - auch nicht der Papst - könne die dogmatische Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe verändern.
  • Anlässlich der Familiensynode 2014 hatte Müller den "Brief der 13 Kardinäle" unterzeichnet, in dem Bedenken angemeldet wurden hinschtlich eines Aufweichens der traditionellen katholischen Familienpolitik.
  • Franziskus kündigte im Mai 2016 an, die Zulassung von Frauen zum Diakonenamt prüfen zu lassen. Müller schloss eine Diakoninnenweihe - wie auch Frauen im Priesteramt - kategorisch aus.
  • Der Präfekt soll die von Franziskus angestoßene Kurienreform gegen Korruption und Misswirtschaft behindert haben.
  • Im Fall des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst beklagte Müller eine Rufmordkampagne gegen den Geistlichen, der 2014 wegen des Skandals um seinen 31 Millionen Euro teuren Bischofssitz geschasst wurde. Dass jemand "derart niedergemacht" werde, sei "menschenunwürdig; so etwas hatten wir in Deutschland früher schon mal in einer ganz dunklen Epoche", sagte Müller. Für Papst Franziskus, der Armut predigt, ein Affront.
  • Als Präfekt der Glaubenskongregation war Müller für die Aufklärung von Missbrauchsfällen zuständig. Papst Franziskus proklamierte nach den großen Skandalen von 2010 eine "Null-Toleranz-Politik" - Müller sprach von "Einzelfällen" und prangerte eine Pogrom-Stimmung gegen die Kirche an.
  • Während seiner Zeit als Bischof von Regensburg (2002 bis 2012) soll der Kardinal die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen verzögert haben. Er hat das stets bestritten.
  • Ein 2010 verhandelter Missbrauchsfall aus Riekofen schadete Müllers Reputation nachhaltig: Das Bistum hatte jahrelang verschwiegen, dass ein Pfarrer wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft ist. Nachdem er rückfällig geworden war, lehnte Müller eine Entschuldigung im Namen der Kirche ab und sagte: "Die Verantwortung für die Tat trägt der Täter."
  • Mary Collins, Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission und selbst Missbrauchsopfer eines irischen Priesters, trat vor wenigen Monaten von ihrem Amt zurück. Als Grund gab sie unter anderem einen "schändlichen Mangel an Zusammenarbeit" mit Kardinal Müller an.

"Kardinal Müller hat sich immer wieder durch seine Belehrungen und Interpretationen des Papstamtes, zuletzt in seinem Buch 'Der Papst', zum Lehrmeister über den Papst erhoben", kritisiert die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" in einem Statement.

Papst Franziskus bei seiner wöchentlichen Audienz auf dem Petersplatz
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Papst Franziskus bei seiner wöchentlichen Audienz auf dem Petersplatz

Angesichts der Fülle der Divergenzen wundert man sich eher, dass Müller nicht viel früher gehen musste. Dies aber wäre ein Affront gewesen für Benedikt XVI., der Müller im Jahr 2012 ins Amt gehoben hatte. Müller ist Mitherausgeber der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers, beide lehrten an der Uni Regensburg.

"Differenzen zwischen mir und Papst Franziskus gab es nicht", sagte Müller der "Allgemeinen Zeitung". Es sei aber bedauerlich, dass der Pontifex vor wenigen Wochen drei seiner Mitarbeiter entlassen habe. "Das waren kompetente Leute", sagte Müller.

In den vergangenen Monaten soll der Kardinal noch versucht haben, zwischen den vier papstkritischen Kardinälen Walter Brandmüller, Joachim Meisner, Carlo Caffara, Raymond Leo Burke und Franziskus zu vermitteln - offenbar mit wenig Erfolg. Die vier betagten Theologen hatten in zwei Briefen Rechenschaft vom Papst zu bestimmten Positionen eingefordert, aber keine Antwort erhalten.

Derzeit sieht es so aus, als sei der 69-jährige Müller für kein weiteres Amt vorgesehen. Der Theologe Beinert sieht die Entlassung in diesem Zusammenhang als "Strafe": "Das ist eine Entlassung ins Nichts", sagte der ehemalige Hochschulprofessor." Müller gab sich gelassen. "Ich bleibe Kardinal, werde wissenschaftlich arbeiten, ich habe genug zu tun", sagte er.

Das Wochenende verbringt er in Mainz, wo er mit Klassenkameraden sein 50-jähriges Abiturjubiläum feiern und im Dom eine Messe halten wird. Ob Müller langfristig nach Deutschland zurückkehren wird, ist wohl noch unklar.

Nachfolger Müllers als Chef der Glaubenskongregation ist der spanische Erzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer. Der 73-Jährige ist Jesuit wie Franziskus und berät den Papst seit 2013 theologischen Fragen. Der Mallorquiner gilt als gemäßigt konservativ, hat unter anderem in Frankfurt am Main Philosophie und Theologie studiert.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Papst und der Glaubenskongregation verspricht also in Zukunft etwas reibungsloser zu verlaufen. Letztlich, sagte Müller noch im Februar der Tageszeitung "La Repubblica", ginge es doch einzig um das Werk des Papstes: "Wir arbeiten zusammen, um seiner Mission zu dienen."

Mit Material von dpa

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