Entlassener Chef der Glaubenskongregation Kardinal Müller tritt nach

Kardinal Müller, gerade als Chef der Glaubenskongregation geschasst, macht seinem Unmut Luft: In Rom herrsche eine "scheinheilige Papstdevotion" und "höfisches Gehabe". Auch zum Thema Missbrauch hat er eine klare Meinung.

Kardinal Gerhard Ludwig in seinem Büro in Rom
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Kardinal Gerhard Ludwig in seinem Büro in Rom


Fünf Jahre lang war der ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller Chef der Glaubenskongregation im Vatikan. Pünktlich zum Ablauf seiner Amtszeit entließ ihn der Papst Anfang Juli aus seinen Diensten. Warum, wurde vom Vatikan nicht erklärt. Politische und theologische Differenzen zwischen Franziskus und dem konservativen Müller gelten aber als Hauptgrund.

Müller hatte den Papst in verschiedenen Punkten kritisiert, etwa im Zusammenhang mit dem postsynodalen päpstlichen Schreiben "Amoris Laetitia" ("Die Freude der Liebe"), in dem der Papst die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene unter gewissen Bedingungen möglich macht.

Müller gibt vor, die Gründe für die Nichtverlängerung seiner Amtszeit selbst nicht zu kennen. Was die Entscheidung bedeute, könne sich aber "jeder denken", sagte er jetzt im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Er sei von Papst Benedikt XVI. nur für dieses Amt nach Rom berufen worden. "Davon kann man normalerweise ausgehen, dass das bis zum 75. Lebensjahr reicht. Aber es ist jetzt so verfügt worden. Für mich bricht nicht die Welt zusammen. Ich kann weiterhin vieles tun für die Kirche."

Zwar seien "von interessierten Seiten" angebliche Spannungen zwischen ihm und Franziskus ins Gerede gebracht worden. "Der Papst hat mir jedoch immer wieder versichert, dass er diesen Gerüchten keinen Glauben schenkt und mir voll vertraut."

Kritik am Pontifex hält Müller dennoch für konstruktiv. Manche pflegten eine "scheinheilige Papstdevotion" nach dem Motto: "Der Heilige Vater hat eine Idee, und wir folgen dem bedingungslos, und alle sind voller Bewunderung." Der Papst, so Müller, sei aber auch nur ein Mensch: "Das heißt, dass nicht alles, was er macht und sagt, von vornherein schon vollkommen und unüberbietbar ist."

Jeder Katholik, besonders jeder Bischof und jeder Kardinal, habe ein positives und konstruktives Verhältnis zum Papst, so der Kardinal. "Aber das ist alles andere als höfisches Gehabe und subalternes Getue, gegen das sich Papst Franziskus immer ausgesprochen hat."

Bei den Gläubigen wünsche er sich weniger Papst-Kult. "Da sollte auch kein Personenkult entstehen und ein Papst-zum-Anfassen-Tourismus. Das ist im Zeitalter der Massenmedien etwas gefährlich, dass die Leute jetzt nur dem Papst zujubeln oder dass man aus Sensationslust nach Rom fährt. Um dann sagen zu können, ich habe den Papst gesehen in der ersten Reihe ganz nah bei ihm."

"Priester a priori des Missbrauchs verdächtigt"

Während seiner Zeit als Bischof von Regensburg (2002 bis 2012) soll der Kardinal die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen verzögert haben. Er hat das stets bestritten. Mit der Veröffentlichung des Abschlussberichts zu dem Skandal wurden erneut Vorwürfe laut, die der Kardinal offenbar als Generalangriff auf die katholische Kirche interpretiert. "Es ist offensichtlich, dass die katholische Kirche bei dem Thema härter angegangen wird, dass Priester a priori verdächtigt werden", sagte der 69-Jährige in Rom.

"Es gibt Geistliche - Gott sei es geklagt - die solche Verbrechen begangen haben. Aber deshalb kann man nicht die anderen, nur weil sie auch Priester sind, kollektiv verdächtigen. Prozentual gesehen ist das mit Blick auf die Gesamtzahl der Geistlichen in der Welt sogar weniger als bei vergleichbaren pädagogischen Berufsgruppen - was die Straftat natürlich in keiner Weise entschuldigt und das Leiden der Opfer mindert", sagte er.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller während eines Gottesdienstes im Dom in Mainz
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Kardinal Gerhard Ludwig Müller während eines Gottesdienstes im Dom in Mainz

Müller beruft sich auf eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie des forensischen Psychiaters Norbert Leygraf von der Universität Duisburg. Demnach wurde Pädophilie nur bei neun von insgesamt 78 wegen Vorwürfen zu Übergriffen begutachteten Geistlichen diagnostiziert. Der Anteil der Priester mit einer sexuellen Präferenzstörung an der gesamten Priesterschaft weise keinen bedeutsamen Unterschied zum Anteil der davon Betroffenen in der deutschen Allgemeinbevölkerung auf. Die Frage, ob sexuelle Übergriffe durch katholische Geistliche überproportional häufig auftreten oder aufgetreten sind, lasse sich allerdings "weder mithilfe der umfangreichen US-amerikanischen Studien noch auf Grundlage der vorliegenden Studie beantworten", schrieben die Verfasser im Jahr 2012.

Sein unglücklicher Umgang mit den Missbrauchsopfern, der fehlende Dialog, wurde Kardinal Müller immer wieder vorgeworfen. "Manche denken, sie schreiben einen Brief und bekommen gleich eine Antwort mit dem Urteil über einen Angeklagten", sagte er dazu. "Das ist einfach nicht möglich, weil der Prozessablauf eine Struktur hat und nach objektiven Kriterien durchgeführt werden muss."

Zusätzlich zu seiner Verantwortung als Regensburger Bischof war Müller als Leiter der Glaubenskongregation im Vatikan für die Aufklärung von Missbrauchsfällen weltweit zuständig. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, dass er auch als Präfekt in Rom die Aufarbeitung solcher Fälle behindert habe. "Es trifft einfach nicht zu, dass wir in irgendeiner Weise bei der Verfolgung solcher Straftaten nachlässig gewesen sind oder aus mangelndem Arbeitseinsatz den Abschluss eines Prozesses verschleppt hätten", sagt er. "Das genaue Gegenteil ist der Fall." Die Kongregation habe trotz mancher Einmischungsversuche immer die Nulltoleranz-Linie vertreten.

Gegenüber katholischen Geistlichen gebe es wegen des Zölibats große Vorurteile, so Müller. "Da wird gedacht, wenn jemand freiwillig enthaltsam lebt, muss er irgendwo seine Gefühle loswerden. Selbst wenn das stimmen würde, würde ein normaler Mensch die Beziehung zu einer Frau suchen und nicht zu einem Kind."

ala/dpa

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