Katholische Kirche: Deutscher Kardinal beklagt Korruption im Vatikan

Die "VatiLeaks"-Affäre erschüttert den Vatikan, nun spricht erstmals ein deutscher Kardinal klare Worte: Rainer Maria Woelki prangert Geldwäsche, Korruption und Vorteilsnahme im Kirchenstaat an. Dass der wiederverheiratete Horst Seehofer vom Papst die Kommunion erhalten hat, verteidigt er.

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dapd

Rainer Maria Woelki: "Korruption bleibt ein Problem"

Hamburg - Der Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki fordert "einen Prozess der Selbstreinigung" in der katholischen Kirche. Damit hat sich erstmals ein deutscher Kardinal im Zusammenhang mit der "VatiLeaks"-Affäre geäußert. Und er nimmt harte Worte in den Mund: In der "Zeit" spricht Woelki von Geldwäsche, Korruption und Vorteilsnahme im Vatikan. Er bezeichnete es als besonders ärgerlich, wenn "im Raum der Kirche eine Bank schlecht agiert oder sogar Geldwäsche passiert und finanzielle Unregelmäßigkeiten geschehen. Das darf bei uns keinen Ort haben."

Hintergrund sind die Veröffentlichung von Unterlagen des Papstes sowie undurchsichtige Geldgeschäfte im Umfeld des Vatikans und seiner Bank. In den vergangenen Monaten waren immer wieder interne Dokumente an italienische Medien weitergegeben worden, in denen es unter anderem um Korruption, Geldwäsche und Kindesmissbrauch ging. In Anspielung auf die Veröffentlichung geheimer US-Botschaftsdepeschen auf der Enthüllungsplattform WikiLeaks wurden die Vorgänge im Kirchenstaat als "VatiLeaks" bezeichnet. Am 23. Mai wurde in Zusammenhang mit der Affäre der Kammerdiener des Papstes festgenommen.

"Korruption bleibt ein Problem, in der Kirche arbeiten wir so gut wie möglich an seiner Überwindung", sagte Woelki der Wochenzeitung. Er machte klar, dass sich die Schwierigkeiten nicht auf den Vatikan beschränkten: "Vorteilsnahme oder gar Korruption sind ohne Zweifel ein Problem, das schwer wiegt, auch bei uns in Deutschland."

Er wage "nicht zu sagen, dass das in Deutschland undenkbar ist". Innerhalb und außerhalb der Kirche gebe es zwar ein Bemühen um professionelle Aufsicht - "und doch ist immer wieder einmal das Fehlverhalten Einzelner oder Gleichgesinnter in Seilschaften zu beklagen". Woelki fügte hinzu: "Vor dem Hintergrund müssen wir uns bekennen und sagen, dass es Schuld und Schuldige gibt."

"Falscher Perfektionismus"

Woelki verteidigte die umstrittene Entscheidung des Papstes, dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer bei einem Rom-Besuch die Kommunion zu erteilen. Benedikt XVI. habe "so gehandelt, wie es wohl jeder Seelsorger tut, der keinen zurückweisen will", sagte der Kardinal.

Seehofer ist in zweiter Ehe verheiratet, und Wiederverheirateten ist nach katholischem Kirchenrecht üblicherweise der Zugang zu den Sakramenten verwehrt. Kürzlich hatten 177 deutsche Priester und Diakone die katholische Kirche in einer Erklärung aufgefordert, wiederverheirateten Geschiedenen künftig das Abendmahl zu gewähren.

Seehofer hatte Berichten zufolge mit einer Delegation aus Bayern zum 85. Geburtstag von Benedikt XVI. an einer Heiligen Messe im Vatikan teilgenommen und dort vom Papst die Kommunion erhalten. "Wer bin ich, dass ich die 'katholischen' Lebensumstände von Horst Seehofer bewerte?", so Woelki, der seit 2011 Erzbischof von Berlin ist. "Heute leiden wir kirchlicherseits vielleicht manchmal an einem falschen Perfektionismus", sagte der Kardinal. "Es muss doch auch möglich sein, katholisch zu sein, ohne dass das bis ins Letzte immer überprüft wird."

Woelki, der als äußerst konservativ gilt und seine Promotion bei einer vom umstrittenen Geheimbund Opus Dei geführten Universität einreichte, vermied es in dem "Zeit"-Interview, auf die Forderungen der Reformer einzugehen. Diese hatten nicht die Kommunion für Seehofer an sich kritisiert, sondern vor allem die zugrunde liegende Doppelmoral.

wit/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das Problem ist das menschliche Naturell
pepe_sargnagel 27.06.2012
Das Problem ist das menschliche Naturell. Überall wo Milliardenbeträge gehandelt werden steht die Moral eher hinten an. Damit mach ich der christlichen Kirche keinen Vorwurf, denn die meisten Menschen würden so handeln. Schlimm ist nur, dass etwas anderes gepredigt wird und seine eigenen kriminellen Handlungen so gar nicht kritisch der Justiz meldet. Leider ist aber auch diese Instanz eben anfällig für solche hohen Beträge... Ein Teufelskreis. (Übrigens ist das nicht ausschließlich auf die christliche Kirche zu beziehen, sondern auf fast alle Glaubensrichtungen und auch auf die Politik. Selbst in Deutschland war Herr Schäuble -ein hochrangiger Politiker- nicht bereit mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Dies wird der Justiz noch übel aufstoßen, denn so werden sich immer mehr Menschen im organisierten Verbrechen verstricken und die Justiz hat kaum eine Handhabe.)
2. Sakramente für Wiederverheiratete
Emil Peisker 27.06.2012
Zitat von sysopdapdDie "VatiLeaks"-Affäre erschüttert den Vatikan, nun spricht erstmals ein deutscher Kardinal klare Worte: Rainer Maria Woelki prangert Geldwäsche, Korruption und Vorteilsnahme im Kirchenstaat an. Dass der wiederverheiratete Horst Seehofer vom Papst die Kommunion erhalten hat, verteidigt er. Kardinal Woelki beklagt Geldwäsche und Korruption im Vatikan - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,841223,00.html)
Das sollte ein Anstoss sein, die katholische Kirche dazu zu bringen, dass Thema Sakramente für Wiederverheiratete bis zu einer befriedigenden Lösung zu Ende zu diskutieren. Jetzt.
3. Keinen ?
diefreiheitdermeinung 27.06.2012
"Benedikt XVI. habe "so gehandelt, wie es wohl jeder Seelsorger tut, der keinen zurückweisen will", sagte der Kardinal." Paperlapapp. Es werden tausende, hundertausende zurueckgewiesen weil sie weder ueber die Einflussnahme eines Herrn Seehofer noch ueber seinen Bekanntschaftsgrad verfuegen. Gerade Politiker und Prominenz bilden eine lange Liste jener, deren Ehen aus den scheinheiligsten Gruenden fuer nichtig erklaert wurden. Auch dann wenn im sonstigen Lebenswandel wenig christlich und katholisch war. Andere, die es verdienten werden nicht nur zurueckgewiesen, sie haben nicht den Hauch einer Chance vor einem kirchlichen Gericht. Es ist einfach nur pharisaerhaft wie die katholische Kirche mit jenen vorgeht, die in Wahrheit oft die letzten verbliebenen Stuetzen in ihrer Gemeinde sind.
4. Seniorenheim Vatikan
josian 27.06.2012
Man muß beim Durchschnitts Alter der Geistlichen im Vatikan davon ausgehen, daß die Christenheit von Dementen und Alzheimerkranken regiert wird, wie sonst konnte MP Seehofer sich die Kommunion erschleichen.
5. Wo ist ein Martin Luther II ?
Wolpyy 27.06.2012
Es wäre nach 500 Jahren wohl wieder einmal höchste Zeit, diesen päpstlichen Saustall voller Lug und Trug auszumisten - anstatt die intern eingesetzten Ausmister in die Wüste zu schicken, sobald sie einigen Missständen auf den Grund zu kommen scheinen. Wenn ein Papst dazu nicht (mehr) in der Lage ist, sollte er sich in Gottes Namen zurückziehen.
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