Kreuzverleih in Jerusalem "Bei Jesus haben die Leute auch rumgeblödelt"

Karfreitag, Tausende Touristen gehen jetzt den Leidensweg Christi auf der Via Dolorosa nach, mit Leihkreuzen. Ein Muslim führt den Verleih in Jerusalem. Das Gewicht können sich seine Kunden aussuchen - Italiener mögen es gerne leicht.

Christine Kensche

Von Christine Kensche, Jerusalem


Um die Gewichtsklasse der Pilgergruppe zu bestimmen, reicht Mazin Kanaan ein kurzer Blick. "Das sind Deutsche, die tragen M", sagt der 41-Jährige und zieht ein mittelgroßes Holzkreuz aus einer Nische im Hof der Verurteilungskapelle. An der ersten Station der Via Dolorosa hat sich ein Dutzend Bayern versammelt. "Das drückt aber ganz schön, ein Schulterpolster wäre jetzt gut", sagt eine Münchnerin, als Kanaan ihr das Kreuz auflegt. Zwei Meter lang, 18 Kilo schwer - der Klassiker in seiner Sammlung, die mehr als 50 Kreuze aus Olivenholz umfasst.

Kanaan ist arabischer Israeli, Muslim und führt den Kreuzverleih in der Altstadt von Jerusalem. An Jesus als Messias glaubt er zwar nicht, aber der Glaube der anderen ist gut für sein Geschäft. In der Osterzeit füllt sich die Stadt mit Pilgern aus aller Welt. Sie wollen den Leidensweg Christi nachempfinden. Kanaan sorgt für das passende Leid: Fünf bis fünfzig Kilo wiegen seine selbstgeschreinerten Kreuze. "Die Indonesier wollen immer das schwerste Kreuz, die Italiener schultern lieber die leichten", sagt er. Die Deutschen wählten stets ein Mittelgewicht.

"Diesen Weg laufe ich für meine Mutter"

Dass ausgerechnet er die Christen bedient, daran findet Kanaan nichts Besonderes. Sein Bruder hat eine Christin geheiratet, ein Neffe eine Jüdin. Und seine Nachbarn haben sich längst an den Anblick des Muslim mit dem Kreuz gewöhnt: Seit drei Generationen hält Kanaans Familie das Kreuzmonopol an der Via Dolorosa. Seine Vorfahren, behauptet er, hätten schon zu Jesu Zeiten hier gelebt. Auf die Idee mit dem Verleih kam sein Großvater. Der war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der ersten Fotografen im damals noch von den Osmanen regierten Jerusalem. Er lichtete die Pilger mit Kreuz ab, entwickelte die Schwarzweißbilder in einer Dunkelkammer in der Altstadt und brachte sie noch am gleichen Abend in die Herbergen.

Auch Mazin Kanaan ist eigentlich Fotograf. Für das Kreuz selbst, sagt er, wolle er kein Geld. Dafür bietet er den Pilgern an, sie mit seiner Kamera zu begleiten. Pro Foto nimmt er zwei bis drei Dollar.

Doch seit ein paar Jahren lahmt das Geschäft. Die Pilger haben mittlerweile alle Smartphones und verzichten auf den Fotoservice. Wenn sie überhaupt kommen. Bürgerkrieg in Syrien, Unruhen in Ägypten - immer weniger Touristen trauten sich in die Region, sagt Kanaan. Im Schatten der Verurteilungskapelle wartet er auf die nächsten Pilger. Es ist Mittag, eine Schachtel Zigaretten hat er bald aufgeraucht. Mit den Souvenirhändlern diskutiert er über die Nahost-Initiative des amerikanischen Außenministers. "Zur Not sollen sie Jerusalem halt teilen. Hauptsache es herrscht endlich Frieden." Dann gäbe es auch wieder mehr Touristen, glaubt er. Kanaan tritt seine Zigarette aus. "Ni hao" ("Hallo"), ruft er einer Gruppe Chinesen zu. Die lächeln freundlich, sein Kreuz wollen sie nicht.

Die Bayern haben ihr Kreuz derweil zur fünften der insgesamt 14 Stationen auf der Via Dolorosa geschleppt, vorbei an Saftverkäufern und Souvenirläden, die Dornenkronen im Angebot führen. An jeder Station wechselt der Träger. Ein älterer Herr bekommt feuchte Augen, als er das Kreuz entgegennimmt. "Meine Mutter ist vor kurzem gestorben, diesen Weg laufe ich für sie."

Zum Osterfest ein XXL-Kreuz

An der Stelle, an der Simon von Cyrene Jesus geholfen haben soll, das Kreuz zu tragen, wird es eng: Orthodoxe Juden mit Schläfenlocken eilen zur Klagemauer, ein arabischer Junge balanciert Kaffee auf einem Tablett, russische Priester stimmen ein Lied an. Zwei Polizisten mit Maschinengewehren amüsieren sich über die unbeholfenen Versuche der Bayern, sich durch die Masse zu winden ohne jemandem das Kreuz vor die Knie zu hauen. Der Reiseleiter, ein emeritierter Bischof, beruhigt seine Herde: "Das war damals bei Jesus nicht anders. Da haben die Leute auch am Rand gestanden und rumgeblödelt."

Belege dafür, dass die Via Dolorosa tatsächlich dem Weg entspricht, den Jesus am Karfreitag vor rund 2000 Jahren gegangen sein soll, gibt es nicht. Auch trug er wohl kein Kreuz sondern nur einen Querbalken, der auf Golgatha an einen Pfahl genagelt wurde, sagen Archäologen. Die Grabeskirche hingegen steht auch nach Meinung der meisten Wissenschaftler an dem Ort, an dem Jesu letzter Gang endete.

An der neunten Station, an der Jesus zum dritten Mal hingefallen sein soll, stellen die Bayern das Kreuz ab - es darf nicht mit in die Grabeskirche. Kanaan trägt es zurück zum Beginn der Via Dolorosa. Geschickt windet er sich durch die Touristenströme. Eine Gruppe Asiaten, die den Boden küsst, nimmt er schon gar nicht mehr wahr. Vor 20 Jahren hat er den Verleih von seinem Vater übernommen. In der Zeit hat er viel gesehen: Männer, die sich für Jesus halten. Frauen, die überzeugt sind, die Mutter Gottes zu sein. Einmal sei ein Pilger aus Indien unter dem Kreuz zusammengebrochen, erzählt er. Kanaan ist gleich hingerannt, doch der Mann atmete schon nicht mehr. Er schnippt mit dem Finger: "Der war sofort tot." Herzinfarkt.

Kanaan verstaut das Kreuz wieder in der Kapelle. Zwei mittlere Exemplare hält er hier bereit, die anderen Kreuze bewahrt er in einem nahen Lagerraum auf. An diesem Tag hat er nicht viel verdient. Nur zwei Gruppen wollten ein Kreuz, aber keine Fotos. Die Bayern haben ihm immerhin 40 Euro in die Hand gedrückt. Kanaans Hoffnung richtet sich jetzt auf Ostern: Für Karfreitag haben sich schon sieben Pilgergruppen bei ihm angemeldet. Ein indonesischer Bischof hat das schwerste Kreuz verlangt. Kanaan lacht. "Der kriegt ein XL". 50 Kilo. Am Tag der Kreuzigung soll das Leid besonders authentisch sein.

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insgesamt 70 Beiträge
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spon-facebook-10000803011 18.04.2014
1. optional
Na, wenn durch diesen Hokus Pokus einige Leute ihr Lebensunterhalt verdienen können, soll es mir recht sein.
barbaros1968 18.04.2014
2. Null Ahnung vom Islam
"Kanaan ist arabischer Israeli, Muslim und führt den Kreuzverleih in der Altstadt von Jerusalem. An Jesus glaubt er zwar nicht, aber der Glaube der anderen ist gut für sein Geschäft." Da scheint Fr. Kensche in Jerusalem zu leben aber hat keine Ahnung vom Islam. Im Islam ist Jesus einer der Propheten wie Mohammad. Mohammad gilt als letzter Prophet. Als Muslim ist auch die Bibel (altes Testament) ein heiliges Buch. Die Qualitaet der Spiegel Journalisten ist auch nicht mehr das was sie mal war. Augstein würde sich im Grab umdrehen!
vhe 18.04.2014
3. Spaßkreuze...
Wenn das Kreuz so groß sein soll, wie auf den Gemälden, reden wir doch bestimmt von mindestens 2x4 Metern, oder? Dann, sagen wir mal, 15x15 cm Querschnitt und Olivenholz ist nicht viel leichter als Wasser, also ca. 130 Kg. Viel Spaß beim Schleppen. Da klingt die Variante mit dem einen Balken irgendwie realistischer...
kilroy-was-here 18.04.2014
4. some like it light...
Religion... Wie stand es in Spon: "da drehen einige durch..."
Hamstedt 18.04.2014
5.
"Kanaan ist arabischer Israeli, Muslim" - "An Jesus glaubt er zwar nicht" - Wat? Ein Muslim der nicht an Jesus glaubt? Das wäre wie ein Christ der nicht an Moses glaubt...
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